Jedes Jahr wird in Deutschland der Fußballspruch des Jahres gekürt. Steffen Baumgart, Trainer des 1. FC Union Berlin, gewann beispielsweise 2021 die Wahl, als er die Gesetze der Sportart neu definierte. „Ein Fußballspiel“, so sagte Baumgart damals, „ist erst dann vorbei, wenn der Schiedsrichter pfeift und ich nicht mehr brülle.“ Etliche andere Weisheiten hat es im Lauf der Jahre gegeben. Mal bissig (Peter Stöger: „Ich habe dem Linienrichter meine Brille angeboten, aber auch das hat er nicht gesehen.“). Mal philosophisch (Hans Meyer: „In schöner Regelmäßigkeit ist Fußball doch immer das Gleiche.“). Und auch mal metaphorisch.
Sebastian Prödl, damaliger Verteidiger von Werder Bremen, befand 2015 über das bevorstehende Auswärtsspiel beim FC Bayern: „München ist wie ein Zahnarztbesuch. Muss jeder mal hin. Kann ziemlich weh tun. Kann aber auch glimpflich ausgehen.“ Am Wochenende musste der 1. FC Union Berlin die von vielen als unangenehm empfundene Prozedur über sich ergehen lassen. Michael Olise (43.), Serge Gnabry (45.+1, 67.) und Harry Kane (49.), alle noch ohne Doktortitel, dafür mit exzellenten fußballerischen Fähigkeiten ausgestattet, nahmen die Behandlung vor.
Jedes einzelne der vier Tore fühlte sich wie das unangenehme Druckgefühl beim Ansetzen des Bohrers an und Fred Feuersteins „Yabba Dabba Doo!“, das die Tormusik in der Allianz Arena einläutet, dürfte in den Ohren der Köpenicker Profis genauso entsetzlich geklungen haben wie das Quietschen der Zahnarzt-Turbine.
Nein, dieser Ausflug ging aus Sicht der Eisernen alles andere als glimpflich aus. Die 0:4 (0:2)-Niederlage holte die Gäste nach dem zurückliegenden 1:0-Auswärtssieg in Freiburg ziemlich rasch wieder zurück auf den Boden der Tatsachen. „Wir müssen froh sein, dass die Niederlage nicht noch höher ausgefallen ist. Unsere Selbstkritik ist groß genug, heute haben wir es einfach nicht gut gemacht, so ehrlich müssen wir zu uns selbst sein“, resümierte Christopher Trimmel. „Zu Beginn des Spiels haben wir noch eine gute Höhe gewählt, wenn wir zugestellt haben, waren wir im Mann-gegen-Mann mutig. Ab Mitte der ersten Halbzeit war unsere Höhe dann nicht mehr ideal, wir haben keinen Druck mehr auf den Gegner ausgeübt“, analysierte der Kapitän, der mit zunehmender Spieldauer – wie seine Teamkollegen auch – mehr und mehr in die Rolle des staunenden Beobachters gedrängt wurde.
Neben den vier Toren trafen die Bayern noch zweimal den Pfosten, zudem verschwendete Kane in letzter Minute frei vor Torhüter Frederik Rönnow eine XXL-Gelegenheit. Es war allenfalls eine Randnotiz, die einzelnen Szenen machten aber deutlich, dass die Hausherren auch sechs oder sieben Tore hätten erzielen können. Der xGoals-Wert von 5,3, den die Bayern nach 90 Minuten vorweisen konnten, hätte ein historisches Köpenicker Debakel gerechtfertigt. Nie zuvor in fast sieben Jahren Bundesliga hatte Union derart viele Großchancen eines Gegners zugelassen.
Union in München: Fünf Spiele, fünf Niederlagen, 0:15 Tore
„Normalerweise sagt man ja immer, dass der Gegner nur so gut war, wie man es selbst zugelassen hat. Heute war es umgekehrt. Wir waren in allen Belangen klar unterlegen“, sagte Baumgart auf der Pressekonferenz, in der er seinem Gegenüber Vincent Kompany für die dominante Vorstellung nur gratulieren konnte und neidlos anerkennen musste, dass selbst an einem perfekten Tag für sein Team wohl nichts zu holen gewesen wäre.
Im Hinspiel hatte Union den Branchenprimus beim 2:2 noch mächtig geärgert, im heimischen Stadion An der Alten Försterei bei einer Führung bis tief in die Nachspielzeit fast sogar alle Punkte behalten. In der Allianz Arena war die Mannschaft davon wie schon in den Vorjahren meilenweit entfernt. Die vergangenen fünf Duelle hat Union bei einem Torverhältnis von 0:15 ausnahmslos verloren. Der letzte Volltreffer gelang Ex-Trainer Nenad Bjelica, als er Nationalspieler Leroy Sané abwatschte, das letzte Tor Marcus Ingvartsen, der inzwischen in San Diego Fußball spielt, vor fünf Jahren. Lange her.




