Interview

Peter Hahne: „Wer den Ossis die Demokratie absprechen will, ist nicht bei Trost!“

Fast drei Jahrzehnte lang stellte Peter Hahne Politikern Fragen, heute rechnet er mit ihnen ab und will wissen: „Warum macht ihr uns kaputt?“ Ein Interview

Peter Hahne: „Wenn ich heute Interviews gebe, dann soll es sich auch lohnen.“
Peter Hahne: „Wenn ich heute Interviews gebe, dann soll es sich auch lohnen.“Henk Hogerzeil/Berliner Zeitung

Jahrzehntelang gehörte Peter Hahne zur Journalistenelite des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Heute ist er einer ihrer schärfsten Kritiker. Fast drei Jahrzehnte bespielte der einstige Moderator die Bildschirme, moderierte die ZDF-Sendung „Berlin direkt“, führte Sommerinterviews mit Kanzlern, Ministern und Parteivorsitzenden und berichtete nüchtern über politische Ereignisse.

Diese Zeiten sind vorbei, denn Hahne hat die Seiten gewechselt. Heute spricht er „Klartext“, wie er sagt, und das am liebsten als Autor und Redner. Im Interview mit der Berliner Zeitung redet Hahne über sein neues Buch „Warum macht ihr uns kaputt?“, in dem er mit politischen Entscheidungen der vergangenen Jahre abrechnet. Die Corona-Pandemie bezeichnet er als einen Wendepunkt, und den Begriff „Putinversteher“ interpretiert er auf ganz eigene Art.

Herr Hahne, Sie haben Ihr Leben lang andere befragt – in Sommerinterviews, in der Sendung „Berlin direkt“ und weiteren Formaten. Heute stehen Sie auf der anderen Seite. Ist Ihnen diese Rolle am Ende lieber? 

Ja, sie ist mir insofern lieber, als ich mich auf nichts vorbereiten muss. Ich hoffe jedoch, Sie sind jetzt gut vorbereitet. Nein, im Ernst: Als Interviewer muss man wachsam sein wie ein Schießhund, genau zuhören und das Gespräch führen. Mir war immer wichtig, dass es ein echtes Gespräch ist. Manchmal habe ich meine vorbereiteten Fragen vergessen, um wirklich etwas aus den Leuten herauszuholen. Ein Moderator ist Dienstleister, kein Selbstdarsteller.

Aber ist es nicht auch so, dass man, wenn man so lange auf der anderen Seite stand, viel verkopfter ist und jede Antwort doppelt und dreifach durchdenkt?

An diese Rolle muss man sich tatsächlich erst gewöhnen. Aber ich habe bei meiner Pensionierung vor sieben Jahren beschlossen, nie wieder in die Rolle des Moderators zurückzugehen. Heute halte ich Vorträge und gebe Interviews, aber ich moderiere grundsätzlich nichts mehr. Ich bekomme viele Anfragen, beispielsweise hoch bezahlte Veranstaltungen mit Politikern zu moderieren, aber ich sage immer ab. Wenn ich heute Interviews gebe, dann soll es sich auch lohnen. Und lohnen heißt nicht Geld, sondern Klartext.

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Henk Hogerzeil/Berliner Zeitung
Zur Person
Peter Hahne, geboren in Minden (Nordrhein-Westfalen), studierte Theologie und begann seine Karriere beim Saarländischen Rundfunk. 1985 wechselte er zum ZDF und moderierte unter anderem die Politiksendung „Berlin direkt“.

Bevor wir Klartext reden, lassen Sie uns einen Blick zurückwerfen: Nach dem Abitur wollten Sie eigentlich Pfarrer werden. Ist das, was Sie heute tun – Interviews geben, auf Bühnen stehen und oft vor tausenden Menschen über Gott und die Welt sprechen –, nicht im Grunde eine andere Form der Predigt?

Das Handwerkszeug von Pfarrern und Journalisten ist eigentlich identisch. Man will eine wichtige Nachricht an den Mann und die Frau bringen. Dazu muss man sauber recherchieren, gut formulieren, ansprechend präsentieren und die Menschen interessieren, damit sie nicht abschalten. Und im Idealfall motiviert man sie auch, sich zu engagieren.

Das Gleiche gilt für unseren Beruf. Im Studio, wenn ich alleine vor der Kamera saß, habe ich mir konkrete Menschen vorgestellt, zu denen ich spreche. Bei Vorträgen ist es mir wichtig, die Menschen zu sehen. Ich will grelles Licht, damit ich den Kontakt habe, bis in die letzte Reihe. Man merkt sofort, ob die Leute mitgehen oder nicht. Wenn sie den Kopf schütteln, dann lege ich nach. Und wenn sie stark widersprechen, dann fahre ich erst richtig in Form auf.

Ihr journalistischer Stil war lange von Zurückhaltung geprägt, vom genauen Beobachten und neutralen Berichten. Heute reden Sie „Klartext“, wie Sie sagen. Wann wurde aus dem nüchternen Journalisten ein politischer Kommentator?

In meinen ersten 30 Berufsjahren, bei der ARD in Saarbrücken und später beim ZDF in Mainz und Berlin, habe ich strikt reportiert und nicht kommentiert. Ich stand vor dem Kanzleramt oder dem Reichstag, da konnte man ja schon meine Fußabdrücke sehen, weil ich immer an derselben Stelle berichtet habe, was gerade passiert.

Mein erster Intendant hat mir damals gesagt: „Ich will alles, nur keinen Missionsjournalisten.“ Das habe ich mir zu Herzen genommen. Meine Aufgabe war es, zu informieren, nicht zu indoktrinieren. Fakten, nicht Fake. Damit die Leute sich selbst eine Meinung bilden können. Heute verstehen sich Journalisten als Meinungsmacher. Vielen sieht man schon im Gesicht an, was sie denken.

Wie meinen Sie das?

Schauen Sie sich die Hochrechnungen der Wahlergebnisse um 18 Uhr an. Da kann ich nur sagen: Schalten Sie den Ton ab, denn Sie sehen an den Gesichtern der Moderatoren, wie es ausgegangen ist.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Sie über Jahrzehnte hinweg Teil eines Systems waren, welches Sie heute so scharf kritisieren. 

Ja, sicher. Aber es war ein System, in dem ein Peter Hahne genauso möglich war wie eine Dunja Hayali. Mein neues Buch „Warum macht ihr uns kaputt?“ hat einen schreienden Titel. Da bin ich ja nicht der neutrale Moderator. Ich will die Leute nicht einlullen. Man muss zuspitzen, um Aufmerksamkeit zu bekommen und die Menschen wachzurütteln. „Umstritten“ ist deshalb ein Ritterschlag. Alles andere wäre langweilig.

Peter Hahne: „Unterhaltung sollte unterhalten und nicht missionieren.“
Peter Hahne: „Unterhaltung sollte unterhalten und nicht missionieren.“Henk Hogerzeil/Berliner Zeitung

Wann würden Sie sagen, hat sich Ihr Ton geändert, und warum?

Ein Wendepunkt war 2015, als die Grenzen geöffnet wurden. Im ZDF habe ich viele Sendungen dazu gemacht, immer mit kontroversen Gästen. Keine Hofberichterstattung! Bei Merkel und Co. habe ich mir damit keine Freunde gemacht. Genauso während Corona, da  ist mir vieles so unter die Haut gegangen, dass ich gesagt habe: Das kann man nicht still und akademisch behandeln. Ich will alle Seiten hören und bin nicht der Typ für akademische Konjunktive. Ich sage Dinge klar, schwarz oder weiß, soweit sie auf Fakten beruhen.

Gibt es Sendungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, die Sie heute anschauen?

Ich habe kaum fern gesehen, weil mir die Nahsicht lieber ist: der Umgang mit konkreten Menschen. Ich dachte mir immer, es reicht, wenn ich beruflich damit zu tun habe, dann muss ich mir das nicht auch noch in meiner Freizeit antun. Wenn ich etwas schaue, dann eher etwas Leichtes; Unterhaltung, bei der man abschalten kann. Die „Rosenheim-Cops“ zum Beispiel. Oder Formate wie „Bares für Rares“. Einfach Dinge, bei denen man sich zurücklehnen kann.

Trotzdem wirkt es so, als hätten Sie Ihre Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk erst nach Ihrer Pensionierung geäußert.

Total falsch! Im Gegenteil: Bereits 1984 erschien mein Buch „Die Macht der Manipulation“. Und 2005 habe ich in meinem Bestseller „Schluss mit lustig“ meinen Arbeitgeber geradezu angegriffen. Das war damals das meistverkaufte Sachbuch in deutscher Sprache. Hat mir nicht geschadet, weil diese Kritik ein Stück Meinungsfreiheit war. Heute wäre das „Delegitimierung der Demokratie“, so verrückt sind die Zeiten.

Was haben Sie damals kritisiert?

Dass die eigentliche Indoktrination nicht in den Nachrichten stattfindet, sondern in der Unterhaltung. In Serien und Shows wird vermittelt, welches Familienbild zum Beispiel als normal gilt oder welche Haltung zu Umwelt und Klima. Wissen Sie, ich habe nichts gegen Vielfalt, aber wenn Unterhaltung dazu benutzt wird, eine bestimmte Weltsicht zur Norm zu erklären, dann sage ich nein. Unterhaltung sollte unterhalten und nicht missionieren.

Worin äußert sich das „Missionieren“ in Unterhaltungsformaten Ihrer Meinung nach?

Begriffe verändern sich und damit auch die Sache. Aus dem Täter wird die „Tatperson“, aus dem Lehrer eine „Lehrkraft“. Das ist genau das, wovor mein damaliger Intendant mich gewarnt hat: Mission. Eine Minderheit versucht, die Mehrheit umzuerziehen. Und oft geschieht das mit einer Attitüde der Belehrung. Aber ich will nicht belehrt werden. Ich will informiert werden. Ich bezahle Zwangsgebühren für Information, nicht für Erziehung oder betreutes Denken, Heizen, Essen oder Wählen.

Aber Demokratie lebt doch vom Streit, vom Ertragen anderer Positionen.

Auf den Punkt, liebe Frau Schulz! Streit setzt voraus, dass überhaupt ein Diskurs stattfindet. Viele Menschen fühlen sich heute nicht mehr repräsentiert. Wenn ein öffentlich-rechtlicher Sender den Anspruch hat, „für alle“ zu senden, dann frage ich mich: Wo sind alle? Warum hört man in bestimmten Debatten zu Corona oder Klima immer dieselben Stimmen und andere nie? Ich habe den Eindruck, dass sich das Meinungsspektrum verengt hat.

Woran liegt das aus Ihrer Sicht: an den Strukturen, den Gremien oder an einzelnen Verantwortlichen?

Entscheidend ist die Zusammensetzung der Redaktionen selbst. Journalisten sind nicht neutral im luftleeren Raum. Sie haben Überzeugungen, und diese prägen ihre Arbeit. Früher war dieses Spektrum deutlich breiter. Ich selbst wurde oft kritisiert, aber ich gehörte dazu. Heute habe ich den Eindruck, dass bestimmte Positionen gar nicht mehr vorkommen dürfen, weil auch die politischen Kontrollgremien das nicht wollen.

Für unseren Beruf gelten drei zentrale Säulen: Glaubwürdigkeit, Vertrauen und Kompetenz. Wenn eine dieser Säulen wegbricht, gerät das ganze System ins Wanken. Deshalb schwindet das Vertrauen in die Medien gegen null.

Lassen Sie uns über Ihr neues Buch „Warum macht ihr uns kaputt?“ sprechen. Sie sagen selbst, Sie wollten die Menschen wachrütteln. Kritiker werfen Ihnen jedoch vor, mit bewusst provokanten Formulierungen zur Polarisierung beizutragen. Ist Provokation für Sie ein notwendiges Mittel, um Aufmerksamkeit zu erzeugen?

Das Buch ist erst wenige Wochen auf dem Markt und die siebte Auflage wird bereits gedruckt. Es steht bei Thalia auf Platz eins und im Spiegel auf Platz drei. Mehr kann ich mir gar nicht wünschen. Und das liegt nicht daran, dass ich so schöne blaue Augen habe oder besonders nett bin, sondern daran, dass die Menschen Klartext wollen. Sie wollen Fakten, die anderswo verschwiegen werden. Nicht dieses ewige blödsinnige Links-Rechts-Schema.

Ich habe nie behauptet, ein Meister des Feuilletons oder des leisen Tons zu sein. Das überlasse ich anderen. Es gibt viele Bücher zu diesen Themen. Aber meines wird gelesen. Und zwar freiwillig. Ich habe Startauflagen, die andere Autoren in zehn Jahren nicht erreichen. Das ist kein Beweis für Wahrheit, so naiv bin ich nicht. Aber es zeigt mir, dass der Ton einen Nerv trifft. Im Übrigen kaufen auch meine Kritiker das Buch. Sie lesen es, um sich darüber aufzuregen. Ist doch besser als zuviel Kaffee. Und dann gibt es Literaturkritiker, die sich darauf konzentrieren, mich zu verreißen. Die jedoch selbst gern solchen  Erfolg hätten. Wenn Süddeutsche oder Sächsische Zeitung mich hochjubeln würde, wüsste ich, dass ich was falsch gemacht habe.

Das hört sich fast an, als ginge es Ihnen nur um die Verkaufszahlen.

Nein! Aber es wäre doch Unsinn, ein Buch zu schreiben, das niemand kauft und liest. Dann kann ich auch auf Kreuzfahrt gehen. Mein Buch soll natürlich möglichst viele Menschen erreichen. Deshalb auch der Preis von nur 15 Euro.

Als ich vor sieben Jahren beim ZDF aufgehört habe, hieß es, jetzt sei Peter Hahne erledigt, seine Stimme verschwunden. Kein Hahn kräht mehr nach Hahne. Und nun erlebe ich so etwas wie meinen sechsten Frühling. Ich erreiche Menschen quer durch alle Schichten, vor allem junge Leute. Und was meine Kritiker betrifft: Meist sind es dieselben anonymen Stimmen. Ich nehme das mit Humor. Wie ich in meinem Buch schreibe: Neid ist die Mehrwertsteuer des Erfolgs.

Interview mit Peter Hahne. Wir sprechen unter anderem über sein neues Buch.
Interview mit Peter Hahne. Wir sprechen unter anderem über sein neues Buch.Henk Hogerzeil/Berliner Zeitung

Wollen Sie mit Ihren Büchern Zweifelnde überzeugen, oder Menschen, die Ihre Position bereits teilen, in ihrer Meinung bestärken?

Beides! Viele Menschen fühlen sich heute isoliert. Sie haben das Gefühl, ihre Meinung nicht mehr frei äußern zu können. Das zeigen Umfragen deutlich. Diesen Menschen möchte ich Mut machen und ihnen eine Stimme geben. Ich bekomme oft Rückmeldungen: „Sie formulieren das, was wir denken, aber nicht auszusprechen wagen.“ Diese Menschen möchte ich ermutigen, ihre Stimme zu erheben.

Und dann geht es natürlich auch darum, diejenigen zu erreichen und zu überzeugen, die zweifeln oder anderer Meinung sind. Viele Leser sagen, sie hätten durch meine Bücher besser verstanden, was ich meine. Immer mehr Menschen spüren, dass sich Dinge verändern – wirtschaftlich, gesellschaftlich, politisch. Sie erleben Unsicherheit und suchen nach Orientierung. Mein Ziel ist es, zum Nachdenken anzuregen. Außerdem gibt mir eine exklusive Umfrage zu meinem Buchtitel recht.

Wie meinen Sie das?

Für mein Buch habe ich eine repräsentative INSA-Umfrage in Auftrag gegeben. 60 Prozent der Deutschen haben gesagt: Ja, der Titel meines Buchs trifft zu. Das ist die Mehrheit der Bevölkerung. Wissen Sie, wenn man heute eine kritische Position vertritt, wird man sofort etikettiert. Dann ist man zum Beispiel „Putinversteher“. Dabei ist das doch kein Verbrechen. Im Gegenteil: Jeder Schachspieler weiß, dass man den Gegner verstehen muss, um seine nächsten Züge einschätzen zu können. Verstehen heißt nicht zustimmen. Verstehen heißt analysieren. Und dann hören Sie aus der CDU, dass der Außenminister sagt, Russland sei auf ewig unser Feind. Ich frage mich: Ist der noch zu retten?

Deutschland lag 1945 in Trümmern. Wenn die Alliierten damals gesagt hätten, Deutschland sei auf ewig ihr Feind, dann würden wir heute nicht hier sitzen, sondern in Höhlen bei Knäckebrot. Es gab einen Neuanfang. Dasselbe gilt für die deutsche Wiedervereinigung. Nach 1989 saßen Menschen mit völlig unterschiedlichen Biografien an einem Tisch – ehemalige Systemvertreter, Stasi-Leute, Bürgerrechtler. Sie redeten ohne jede Brandmauer miteinander, um eine gemeinsame Zukunft zu gestalten.

Ich habe damals als Westdeutscher gedacht, man müsse einfach klare Fronten ziehen. Aber die Menschen im Osten waren klüger und haben gezeigt, dass es auch anders geht: durch Dialog. Deshalb halte ich es für katastrophal, wenn heute wieder Feindbilder aufgebaut werden. Eine Demokratie lebt davon, dass unterschiedliche Meinungen existieren und diskutiert und gewählt werden können. Wer ausgerechnet den „Ossis“ Demokratie absprechen will, ist doch nicht ganz bei Trost!

Ein Thema, das in Ihren Büchern und auch bereits in diesem Interview immer wieder zur Sprache kommt, ist die Corona-Pandemie. In Ihrem Buch schreiben Sie: „Das Verbrechen der Corona-Zwangsmaßnahmen wird nicht aufgearbeitet.“ Warum sprechen Sie hier von einem Verbrechen?

Weil es ein Verbrechen ist. Weil das Robert-Koch-Institut, eine Behörde der Bundesregierung, inzwischen selbst erklärt hat, dass vieles von dem, was politisch beschlossen wurde, aus wissenschaftlicher Sicht nicht notwendig war. Trotzdem wurden diese Maßnahmen umgesetzt.

Es ging hier nicht um ein bisschen Hygienespray. Es ging um Menschenleben. Es ist ein Verbrechen, wenn wider besseren Wissens Menschen isoliert wurden, Alte einsam sterben mussten, Familien voneinander getrennt und Kinder hinter Masken gezwungen wurden. Das alles wird heute verschwiegen und unter den Teppich gekehrt. Niemand übernimmt die Verantwortung. Die Täter stilisieren sich zu Opfern „rechter“ Verfolgung. Es gibt keine echte Entschuldigung, keine echte Aufarbeitung. Stattdessen wird weitergemacht, als sei nichts gewesen. Unfassbar! Da könnte ich an die Decke gehen.

Interview mit Peter Hahne
Interview mit Peter HahneHenk Hogerzeil/Berliner Zeitung

Abgesehen von der mangelnden Aufarbeitung: Was hat Sie besonders erschüttert?

Der Umgang mit Kindern und Jugendlichen. Sie mussten bei 35 Grad im Sportunterricht diese elenden „Kaffeefilter“-Masken tragen. Draußen! Das ist doch unmenschlich. Ein Verbrechen! Heute bekommen sie wegen der lächerlichen „Erderhitzung“  schon bei 25 Grad hitzefrei. Ich frage mich: Sind wir alle verrückt geworden?! Und alte, einsam gestorbene Senioren hat man verscharrt, wie niemand seinen Hund beerdigen würde. Ein Anschlag auf die Menschlichkeit.

Wir erleben gleichzeitig, dass unser Land permanent an seine Grenzen stößt. Wenn in Berlin ein paar Schneeflocken fallen, ist von Schneekatastrophe die Rede. Salz darf nicht gestreut werden, weil Bäume wichtiger sind als Menschen. Herr Wegner von der CDU übernimmt doch keinerlei Verantwortung, wenn die Leute sich die Knochen brechen. Das wird einfach hingenommen. Auch die kaputten Brücken, die verspäteten Züge, die unzähligen Baustellen oder dass es eine Woche lang keinen Strom gibt.

Wenn Sie solche Entwicklungen beschreiben, geht es Ihnen dabei ja nicht nur um Kritik an einzelnen Entscheidungen, sondern um eine grundsätzliche Sorge um die Zukunft des Landes. Ja, Sie wollen wachrütteln, wie Sie sagen. Sie zeichnen ein sehr düsteres Bild der Gegenwart, und von der Zukunft will ich gar nicht erst anfangen. Haben Sie noch Hoffnung oder ist der Zug schon abgefahren?

Ich sage immer: Ich bin kein rosaroter Optimist, aber ich bin auch kein pechschwarzer Pessimist. Ich bin Realist. Was nützt es, wenn der Arzt einem aus lauter Mitleid die Krebsdiagnose verschweigt. Nur die Wahrheit macht frei. Heilsame Therapie gibt’s nur nach schonungsloser Diagnose.

Vorhin haben Sie Ihr Denken als „schwarz-weiß“ beschrieben.

So ist es. Ich bin schwarz-weiß in der Schilderung der Probleme. Das muss man holzschnittartig machen, um die Leute wachzurütteln. Aber das Wachrütteln hat ein Ziel. Erstens: den Politikern den Marsch zu blasen, und zwar nicht nur an der Wahlurne. Es gibt tausend Möglichkeiten, sich zu wehren: Initiativen, Unterschriften, Aktionen, was auch immer. Das haben wir doch aus dem Osten gelernt in den letzten 30 Jahren, dass man etwas bewegen kann: Wir sind das Volk!

Und zweitens: mein Appell. Allein geht man ein. Die Isolation ist das schlimmste Erbe der Corona-Zeit. Vielleicht war es sogar Absicht, das Volk zu vereinzeln. Vereine funktionieren nicht mehr, Stammtisch ist „Nazi“, Kaffeekränzchen ist was für „alte Damen“ – alles wird madig gemacht. Dabei müssen wir uns zusammenschließen. Zusammenbleiben und zusammenarbeiten, das nennt man Demokratie. Brücken bauen, keine Brandmauern.