Reinhard Mey sang 1985: „Lasst sie reisen.“ Damals war das eine satirische Abrechnung mit der Bonner Republik. 40 Jahre später wirkt der Blick in die Reisepläne des Bundestages eher wie eine nüchterne Fortschreibung des Liedtexts. Denn auch im Februar 2026 gilt: Die Republik steht, die Delegationen fliegen.
In diesen Tagen gibt sich der und die Deutsche dem Karneval hin, versinkt in der Winterdepression, kuriert Stürze auf nicht geräumten Gehwegen aus oder sitzt vor dem Fernseher. ARD und ZDF übertragen den ganzen Tag parallel die Wettbewerbe der Olympischen Winterspiele – für 18,55 Euro Rundfunkbeitrag im Monat. Biathlon, Abfahrt, Eishockey: Der Februar läuft im Wohnzimmer.
Ganz anders einige Mitglieder des Bundestages. Während Otto Normal den Wettkampf im TV verfolgt, reist der Sportausschuss vom 15. bis 19. Februar direkt nach Mailand und Cortina. Delegationsleiterin ist Aydan Özoğuz (SPD), begleitet von Stephan Mayer und Artur Auernhammer (beide CDU/CSU), Bettina Lugk (SPD), Tina Winklmann (Grüne) und Christian Görke (Linke).

Olympia für Abgeordnete, Fernsehen für den Rest
Offiziell geht es um Infrastruktur, Nachhaltigkeit und Gespräche mit Athleten, Verbänden und Ehrenamtlichen. Praktisch bedeutet es: Olympia live statt Mediathek – auf Steuerzahlerkosten.
Und wer nicht gerade im Olympischen Dorf unterwegs ist, sitzt im Flieger an ein anderes Ende der Welt. Eine Delegation der Parlamentariergruppe für die arabischsprachigen Staaten reist durch Saudi-Arabien, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate. Mit dabei: Alexander Radwan und Lukas Krieger (beide CDU/CSU), Lamya Kaddor (Grüne), Mareike Hermeier (Linke) und Maximilian Krah (AfD). Geplant sind Gespräche über Menschenrechte, Energiepolitik und regionale Konflikte.
Australien und Fidschi wegen des Klimas
Noch weiter geht es für die Deutsch-Pazifische Parlamentariergruppe: Ulrich Thoden (Linke), Carsten Müller und Kerstin Radomski (beide CDU/CSU), Jürgen Coße (SPD), Marc Bernhard (AfD) und Filiz Polat (Grüne) reisen nach Australien und Fidschi. Themen sind Klimafolgen, Sicherheitsstrategien und Entwicklungspolitik.

Dass diese Symbolik kein neues Problem ist, zeigt ein älterer Bericht des Schweizer Portals Blick. Dort wurde 2019 eine Reise der Grünen-Politikerin Claudia Roth beschrieben: rund 41.000 Flugkilometer, um sich vor Ort ein Bild vom Klimawandel in Bangladesch, Kiribati und auf Fidschi zu machen – laut Bericht mit erheblichen CO2-Emissionen und Kosten im fünfstelligen Bereich.

Der Wirtschaftsausschuss fliegt an die Westküste der USA: Christian Freiherr von Stetten, Andreas Lenz und Fabian Gramling (alle CDU/CSU), Dunja Kreiser (SPD), Sandra Detzer (Grüne), Agnes Conrad (Linke) und Raimond Scheirich (AfD) sprechen in Kalifornien über KI, Wasserstoff und Handelsfragen.
Und wer es kürzer mag, fährt nach Brüssel: Carolin Wagner (SPD), Inge Gräßle (CDU/CSU), Nicole Höchst (AfD), Andrea Lübcke (Grüne) und Sonja Lemke (Linke) diskutieren dort über Raumfahrt, Start-ups und europäische Forschungspolitik.
Wasser predigen, Kerosin verbrennen
Für viele Bürger ist das Fliegen längst kein Selbstläufer mehr: CO2-Abgaben, steigende Ticketpreise, eingeschränkte Verbindungen. Geschäftsreisen werden gestrichen, Urlaube verschoben, Wochenendtrips überdacht.
Im politischen Betrieb dagegen scheint Kerosin noch ein reichlich vorhandener Rohstoff zu sein. Dieselben Parteien, die hierzulande über Klimaschutz, Flugabgaben und Verzicht sprechen, verteilen sich in einer Woche über mehrere Kontinente. Von Cortina bis Canberra, von Riad bis San Francisco.
Natürlich hat jede dieser Reisen ihren offiziellen Zweck: Diplomatie, Innovation, Sportförderung. Niemand fliegt laut Pressemitteilung zum Vergnügen. Aber in der Summe entsteht ein vertrautes Bild: Während die Bürger ihre Flugpläne zusammenstreichen, hebt der Bundestag gleich im Dutzend ab.


