In der Paulskirche in Frankfurt am Main betritt Julia Klöckner das Podium, um Masih Alinejad zu ehren. Die Bundestagspräsidentin hat die iranisch-amerikanische Journalistin und Frauenrechtlerin 2025 kennengelernt, als diese zu Besuch in Deutschland war. Klöckner hatte sie in den Bundestag eingeladen, seitdem sind die beiden in Kontakt. Jetzt hält die CDU-Politikerin die Laudatio zum ersten Europäischen Paulskirchenpreis für Demokratie.
Wer Masih Alinejad erlebe, sagt Klöckner, spüre deren Kraft, Energie, Lebensfreude. Eine Frau, die im Iran aufgewachsen ist, verschleiert leben musste, die seither verfolgt wird, Morddrohungen und Entführungsversuchen ausgesetzt ist und mit ihren Kanälen in den sozialen Medien Millionen Menschen erreicht – vor allem Frauen in autoritären Regimen. Der Applaus im Saal ist groß.

Statt Orden kamen Preise
Doch dieser Preis für Demokratie und Freiheit ist nicht der einzige. Er steht am Ende – oder vielleicht am Anfang – einer langen Reihe.
Bertolt Brecht soll gesagt haben: „Glücklich das Volk, das keine Helden hat.“ Nach 1945 hatten Politiker wie Adenauer und Heuss tatsächlich genug von Orden. Die Nazis hatten Ehrungen diskreditiert. Die junge Bundesrepublik setzte auf Zurückhaltung. Orden gab es weiterhin – das Bundesverdienstkreuz in seinen verschiedenen Stufen, dazu die Verdienstorden der Bundesländer –, aber die große Zeit der Auszeichnungen schien vorbei.
Der älteste und lange prägendste unter ihnen ist der Theodor-Heuss-Preis. Benannt nach dem ersten Bundespräsidenten, der sich persönlich eher zurückhaltend bei staatlichen Ehrungen verhielt. 1965, nach Heuss’ Tod im Jahr 1963, wurde er erstmals vergeben – an den Pädagogen Georg Picht. Ein Jahr später folgte Marion Gräfin Dönhoff, Mitherausgeberin der Zeit, eine der prägenden publizistischen Stimmen der frühen Bundesrepublik.
Die Verleihung fand einmal im Jahr statt und war entsprechend bedeutend für die junge Republik. Den Theodor-Heuss-Preis 2026 erhält die Exekutive Vizepräsidentin der EU-Kommission a.D. Margrethe Vestager für ihr entschlossenes Handeln gegen marktbeherrschende Technologieunternehmen, wie es auf der Homepage des Preises heißt.
Preise haben Konjunktur
Heute listet allein Wikipedia rund 28 Preise, die in Deutschland pro Jahr für Verdienste um Demokratie, Menschenrechte und Verständigung vergeben werden. Doch diese Zahl erfasst nur den sichtbaren Teil.
Seit etwa 2016 ist die Landschaft erheblich gewachsen. Der Deutsch-Französische Preis für Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit kam hinzu, der Soziale Menschenrechtspreis, der Bochumer Menschenrechtspreis. 2021 gab es einmalig den Preis Wir ist Plural, gemeinsam initiiert von der Bundeszentrale für politische Bildung und dem Bundesverfassungsgericht zum 70-jährigen Bestehen des letzteren.
Die SPD-Bundestagsfraktion verleiht den Otto-Wels-Preis für Demokratie. Die Bertelsmann Stiftung vergibt den Reinhard-Mohn-Preis unter dem Thema „Demokratie stärken!“. Das Bundesinnenministerium verleiht zusammen mit dem ZDF den XY-Preis – einen Preis für Zivilcourage. Zahlreiche Bundesländer haben eigene Demokratiepreise geschaffen, Schleswig-Holstein etwa, das unter anderem Joachim Gauck auszeichnete.

Dazu kommen Dutzende kommunale Preise, Jugendwettbewerbe, lokale Formate. Die Richtung ist eindeutig: weg von wenigen großen, hin zu vielen kleinen Auszeichnungen – und die Zahl der Preisvergaben insgesamt liegt realistisch geschätzt bei mehreren hundert pro Jahr allein in Deutschland.
Nationalpreis für Herbert Grönemeyer
Die Meldungen reißen nicht ab. Gerade erst gab die Deutsche Nationalstiftung bekannt, dass Herbert Grönemeyer den Deutschen Nationalpreis 2026 erhält. Die Stiftung verleiht die Auszeichnung seit 1997 jährlich an Personen und Organisationen, die sich für eine demokratische Gesellschaft engagieren. Die Auszeichnung ist mit insgesamt 50.000 Euro dotiert.

Die Jury begründete die Wahl mit Grönemeyers künstlerischer Leistung und seinem Engagement für die Werte der Demokratie. Der Stiftungsvorsitzende Thomas Mirow lobte seinen Einsatz für eine offene, freiheitliche Gesellschaft und sein Plädoyer für soziale Gerechtigkeit. Grönemeyer selbst kommentierte sein Engagement für die Demokratie mit seiner Herkunft aus dem Ruhrgebiet. Dieses sei bereits in den 1950er- und 60er-Jahren ein Schmelztiegel von Europa gewesen sei. Der Sänger wurde 1956 in Göttingen geboren und wuchs als Sohn eines Bergwerksingenieurs und einer Krankenschwester mit zwei Brüdern in Bochum auf.
Dass diese Wahl nicht unumstritten ist, gehört zur Debatte. Mehrere Medien kritisierten seine Aussagen, als Grönemeyer auf einem Konzert politische Gegner mit Ratten verglichen hatte. Die Stiftung sieht darin offensichtlich kein Hindernis. Wer einen Preis vergibt, entscheidet.
Förderpreise in Höhe von 150.000 Euro
Besonders deutlich wird die Entwicklung im Bundesprogramm „Demokratie leben!" des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Dort existieren Förderungen, die faktisch wie Preise wirken – nur ohne roten Teppich. Mikroprojekte mit 500 bis 5000 Euro, Jugendfonds mit rund 15.000 Euro jährlich, projektbezogene Förderungen in verschiedensten Größenordnungen. Manche Projekte werden mit bis zu 150.000 Euro gefördert.
Das Programm steht derzeit wieder stärker in der öffentlichen Diskussion. Die Familienministerin Karin Prien hat eine Neuausrichtung beschlossen. Es ist nicht das erste Mal, dass eine Ministerin die Demokratieförderung umgestalten will. Damals war es Kristina Schröder, die von 2009 bis 2013 das gleiche Ministerium führte und mit der sogenannten Extremismusklausel für heftige Debatten sorgte: Wer Fördergelder aus dem Programm beantragen wollte, musste sich per Unterschrift zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung bekennen – und zusätzlich für seine Kooperationspartner bürgen.
Sachsen: Wie aus einem Preis zwei wurden
Der bekannteste Konflikt spielte sich in Sachsen ab. Dort existiert seit 2007 der Sächsische Förderpreis für Demokratie, initiiert von der Amadeu Antonio Stiftung, der Freudenberg Stiftung und der Sebastian-Cobler-Stiftung. Eine unabhängige Jury vergibt zwei Hauptpreise mit je 5000 Euro und acht Anerkennungspreise je 1000 Euro. Die Auszeichnung richtet sich an Initiativen gegen Rechtsextremismus, für Menschenrechte und die demokratische Zivilgesellschaft.
2010 lehnte der Verein Alternatives Kultur- und Bildungszentrum (AKuBiZ) aus Pirna, der in der Sächsischen Schweiz antirassistische Arbeit betreibt, den Preis ab. Der Verein hatte zwar die Jury überzeugt, weigerte sich aber, die geforderte Extremismuserklärung zu unterzeichnen. Die Mitglieder wären damit verpflichtet worden, ihre Bündnispartner vor einer Zusammenarbeit zu überprüfen. Das AKuBiZ wies diese Überprüfung mit einem Vergleich mit Methoden der DDR-Staatssicherheit zurück.
Die Folge: Der Freistaat Sachsen zog sich vom Sächsischen Förderpreis zurück und schuf gemeinsam mit der Stiftung Frauenkirche Dresden und der Kulturstiftung Dresden der Dresdner Bank einen eigenen Preis: den Sächsischen Bürgerpreis, dotiert mit je 5000 Euro in mehreren Kategorien, vergeben seit 2011. Vorschlagsberechtigt sind seitdem nur Bürgermeister und Landräte. Die Amadeu Antonio Stiftung dagegen verleiht mit ihren Partnern den alten Demokratieförderpreis ohne Bekenntnis zum Grundgesez und seitdem fast ohne staatliche Beteiligung weiter.
Mitsprache nein, Geld nimmt man gerne
Ganz ohne staatliche Beteiligung geht es nicht. So ergaben parlamentarische Anfragen, dass die Amadeu Antonio Stiftung im Geschäftsjahr 2024 insgesamt von 21 Zuwendungsgebern der öffentlichen Hand Mittel erhielt.
Die Fördermittel stammten aus unterschiedlichen Quellen auf Bundes-, Landes-, kommunaler sowie europäischer und internationaler Ebene. Die höchste Zuwendung erfolgte durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) mit gut 1,3 Millionen Euro.
Über die Jahre haben beide Preise seitdem regelmäßig Auszeichnungen vergeben – an Schulen, Kirchengemeinden, Vereine, Einzelpersonen aus dem ganzen Freistaat. Die Preisliste des Sächsischen Bürgerpreises liest sich wie ein Querschnitt durch das Engagementleben in Sachsen: Jugendteams, Imkervereine, Hospizvereine, Schulinitiativen, Bürgerinitiativen. Auch der Förderpreis für Demokratie hat jedes Jahr Preisträger gekürt: Die ausgezeichneten Initiativen und Kommunen engagieren sich progressiv für gesellschaftlichen Zusammenhalt, demokratische Teilhabe, Antidiskriminierung sowie den Austausch und die Verständigung zwischen unterschiedlichen Gruppen.
Das sächsische Beispiel zeigt das deutlich: Die Trennung in zwei Preise war nicht das Ergebnis von mehr Wertschätzung für demokratisches Engagement, sondern eines politischen Konflikts. Der neue Bürgerpreis diente in erster Linie dazu, sicherzustellen, dass keine Feinde des Grundgesetzes für ihren Kampf gegen andere Feinde der Demokratie ausgezeichnet werden.
Was kosten die Preise, und wer zahlt dafür?
Ein zentrales Register, das alle Demokratiepreise erfasst, gibt es nicht. Die Kosten lassen sich daher nur schätzen. Einzelne Preise liegen meist bei 5000 bis 20.000 Euro Dotierung, lokale Förderpreise oft bei wenigen tausend Euro. Der Deutsche Nationalpreis kommt auf 50.000 Euro. Das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ verfügt über ein Millionenbudget, das über zahlreiche kleine und mittlere Projekte verteilt wird. Addiert man alle Ebenen – Bundespreise, Landespreise, kommunale Auszeichnungen, Programmmittel –, dürfte die Gesamtsumme jährlich in den zweistelligen Millionenbereich reichen.
Über die Wirkung dieser Investitionen gibt es keine belastbare Gesamtanalyse – auch keinen Überblick darüber, welche Preise wirklich Sichtbarkeit erzeugen, welche Engagierte stärken und welche vor allem ihren Auslobern und deren Organisationen nützen.
Zurück zur Paulskirche
Masih Alinejad, die selbst in den USA lebt, ist eine würdige erste Preisträgerin des Europäischen Paulskirchenpreises. Daran besteht kaum Zweifel. Dass Julia Klöckner sie persönlich vorgeschlagen, das Kuratorium einstimmig zugestimmt hat, dass der Preis in der Paulskirche verliehen wird – das alles verleiht der Auszeichnung Gewicht.



