Energie

Trotz ukrainischer Angriffe: Russlands Öl fließt unbeirrt weiter

Ukrainische Drohnenangriffe setzen Russland unter Druck. Doch dank neuer Routen, hoher Preise und globaler Nachfrage bleiben Moskaus Ölexporte überraschend stabil.

Rauch über Tuapse: Nach ukrainischen Drohnenangriffen steht der wichtige russische Ölhafen am Schwarzen Meer in Flammen – der Export läuft dennoch weiter.
Rauch über Tuapse: Nach ukrainischen Drohnenangriffen steht der wichtige russische Ölhafen am Schwarzen Meer in Flammen – der Export läuft dennoch weiter.Boris Morozov/imago

Die Bilder sind spektakulär: brennende Raffinerien, dichte Rauchwolken über Hafenstädten und Berichte von „schwarzem Regen“, der einen öligen Niederschlag hinterlässt. Ukrainische Drohnenangriffe auf die russische Energieinfrastruktur haben sich in den vergangenen Wochen und Monaten deutlich intensiviert. Sowohl in ihrer Häufigkeit als auch in ihrer Reichweite. Doch anders als vielfach im Westen erwartet, bleibt der große Einbruch bei den russischen Ölexporten bislang aus.

Laut einem Bericht des Wall Street Journal treffen die Angriffe empfindliche Knotenpunkte. „Ukrainische Drohnen haben russische Öl-Exportterminals schwer getroffen und dramatische Bilder von brennenden Raffinerien und Pumpstationen verursacht“, heißt es in einem Artikel. Selbst weit im Landesinneren gelegene Ziele wie Perm, mehr als 1400 Kilometer von der Donbass-Front entfernt, wurden attackiert. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bezeichnete die Angriffe als „Langstreckensanktionen“.

Besonders häufig im Visier steht der Schwarzmeerhafen Tuapse. Dort kam es seit Mitte April mehrfach zu Angriffen auf das Exportterminal. Videos zeigen apokalyptische Szenen, in russischen sozialen Netzwerken beklagen sich Anwohner über ölhaltigen Niederschlag, die bei Touristen beliebte Schwarzmeerküste ist Augenzeugenberichten zufolge von einer Ölpest verseucht. Sowohl Bürger vor Ort als auch der Kreml bezeichnen die Lage in Südrussland als „ökologische Katastrophe“.

Auch Wladimir Putin äußerte sich öffentlich zur Lage in Tuapse. Solche Angriffe von ukrainischer Seite treten nach Angaben des Kremlchefs zunehmend häufiger auf und könnten erhebliche Umweltschäden nach sich ziehen. Zugleich verwies er auf Informationen des regionalen Gouverneurs, wonach derzeit keine schwerwiegenden Gefahren bestehen und die Bevölkerung die Situation bewältigen könne.

Angriffe zeigen Wirkung – aber begrenzt

Die Intensität der ukrainischen Angriffe hat dabei deutlich zugenommen. „Das sind keine Nadelstiche mehr“, sagt der Risikoanalyst Nick Coleman. Tatsächlich traf die Ukraine seit Ende März zentrale russische Exporthäfen wie Primorsk, Ust-Luga und Noworossijsk, über die zuvor rund 60 Prozent der Seeexporte abgewickelt wurden.

Dennoch bleibt die strategische Wirkung begrenzt. Ein Grund: die schnelle Wiederherstellung der Infrastruktur. „Russische Häfen nehmen oft innerhalb weniger Tage nach Angriffen den normalen Betrieb wieder auf“, erklärt beispielsweise Energieexperte Ronald Smith.

Freiwillige sammeln nach einem Drohnenangriff angespülte Ölreste im Hafen von Tuapse, nachdem ein Brand am Ölterminal ausgebrochen war.
Freiwillige sammeln nach einem Drohnenangriff angespülte Ölreste im Hafen von Tuapse, nachdem ein Brand am Ölterminal ausgebrochen war.Boris Morozov/imago

Entscheidend ist jedoch Moskaus Fähigkeit zur Anpassung. Während Exporte über die Ostsee- und Schwarzmeerhäfen zeitweise zurückgingen, verlagerte Russland seine Lieferungen verstärkt in andere Regionen. Insbesondere Häfen am Pazifik und in der Arktis gewannen zuletzt zunehmend an Bedeutung.

Das Ergebnis: Die Gesamtexporte bleiben stabil. Laut Daten des Analyseunternehmens Kpler lagen die russischen Rohölexporte im April bei rund 3,5 Millionen Barrel pro Tag – „nahezu unverändert gegenüber März und sogar 2 Prozent höher als im Vorjahr“. Diese Entwicklung bestätigt auch die Einschätzung aus osteuropäischen und russischen Quellen. Trotz einzelner Ausfälle in westlichen Häfen konnte Russland die Verladungen insgesamt stabil halten, teilweise sogar durch Nachholeffekte und zusätzliche Lieferungen ausgleichen.

Verpasste Gewinne statt Verluste

Ganz ohne Effekt bleiben die Angriffe jedoch nicht. Laut Smith begrenzen sie vor allem das Wachstumspotenzial: „Obwohl die Mengen nicht so stark gesunken sind, wie man erwarten könnte, sind sie auch nicht gestiegen. Es gab Opportunitätskosten“.

Besonders deutlich zeigen sich die Auswirkungen bei verarbeiteten Produkten. Exporte von Heizöl sanken im April um 34 Prozent, Diesel-Ausfuhren gingen um 12 Prozent zurück. Hier trifft die Zerstörung von Raffineriekapazitäten stärker als beim Rohöl.

Ein zentraler Faktor, der die Effekte der Angriffe überlagert, ist die Entwicklung auf dem Weltmarkt. Der Krieg zwischen den USA, Israel und dem Iran hat den Ölpreis stark steigen lassen. Die Sorte Brent näherte sich zeitweise 110 Dollar pro Barrel, was rund 50 Prozent mehr als vor Beginn des Konflikts war.

Für Russland kommt diese Entwicklung zur rechten Zeit. Mit den westlichen Sanktionspaketen und einem weltweiten Preisdruck hatte Moskau zuletzt mit sinkenden Einnahmen zu kämpfen. Nun sorgt der Preisanstieg für einen deutlichen Schub: Laut Berechnungen der Internationalen Energieagentur erreichten die Einnahmen aus Öl und Ölprodukten im März rund 19 Milliarden Dollar – fast doppelt so viel wie im Februar.

Neue Käufer, neue Routen

Zusätzlich profitiert Russland von geopolitischen Verschiebungen. Länder in Asien, die traditionell auf Lieferungen aus dem Persischen Golf angewiesen sind, wenden sich verstärkt russischem Öl zu. Selbst den USA traditionell nahestehende Staaten wie Japan oder die Philippinen importierten zuletzt wieder russisches Rohöl.

Parallel dazu lockerten die USA zeitweise Sanktionen, um den globalen Energiemarkt zu stabilisieren. Auch dieser Schritt verschaffte dem Kreml zusätzliche Spielräume.

Doch trotz der stabilen Öleinnahmen bleibt die Lage der russischen Wirtschaft angespannt. Im ersten Quartal 2026 schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt um 0,3 Prozent, was der erste Rückgang seit drei Jahren war. Analysen sehen darin ein Zeichen dafür, dass die stimulierende Wirkung hoher Militärausgaben nachlässt. Eben vor jenem Hintergrund sind die Energieeinnahmen für den Kreml wichtiger denn je.

Die ukrainische Drohnenkampagne hat zweifellos an Schlagkraft gewonnen – auch der Angriff auf ein Luxus-Hochhaus in Moskau zeugt davon – und trifft zunehmend strategische Ziele tief im russischen Hinterland. Doch ihr Einfluss auf die Ölexporte, und damit auf eine der wichtigsten Einnahmequellen Moskaus, bleibt bislang begrenzt.