Die Eskalation rund um die Straße von Hormus trifft das globale Energiesystem ins Mark. Ein Nadelöhr, durch das ein erheblicher Teil der weltweiten Öl- und Gasströme fließt, ist faktisch blockiert. Mit dramatischen Folgen für Preise, Versorgung und geopolitische Machtverhältnisse. Im Gespräch erklärt der renommierte Energieexperte Adi Imsirovic, warum er von dem größten Energieschock seines Erwachsenenlebens spricht, welche unterschätzten Risiken in Versicherungs- und Transportmärkten lauern und weshalb die Krise weit über den Ölpreis hinaus das internationale Finanzsystem und die Zukunft des Petrodollars erschüttern könnte.
Herr Imsirovic, die Straße von Hormus – durch die fast ein Fünftel der weltweiten Ölexporte fließt – ist nahezu vollständig für den kommerziellen Schiffsverkehr gesperrt. Wie ordnen Sie diesen Schock historisch ein, und wie ernst ist die Lage?
Ich bin seit sehr langer Zeit in diesem Geschäft. Und das ist schlicht der größte Energieschock meines Erwachsenenlebens. Ich erinnere mich an den Tankerkrieg der 1980er-Jahre und die ersten beiden Golfkriege zwischen Iran und Irak. Die waren schon schlimm genug. Aber das hier geht darüber hinaus.
Können Sie das ausführen?
Es gab eine ungeschriebene Regel zwischen den Konfliktparteien – trotz des existenziellen Kampfes, den der Iran führt –, dass die wichtigste Energieinfrastruktur nicht angegriffen werden dürfe. Diese Regel wurde gebrochen, als Israel die Gasfelder von South Pars im Iran angriff. Das ist eine massive Eskalation, denn Gas wird in dieser Region zur Stromerzeugung genutzt. Der Iran schlug anschließend gegen katarische Gasinfrastruktur zurück – und Katar ist einer der weltgrößten LNG-Exporteure. Rund 20 Prozent des globalen LNG-Angebots stammen aus dem North-Field-Komplex in Katar. Diese Infrastruktur speist das Dolphin-Pipeline-System in die Vereinigten Arabischen Emirate, wo Gas zur Stromerzeugung und Meerwasserentsalzung genutzt wird. Das ist buchstäblich ein Dominoeffekt. Im Nahen Osten ist Energie alles, denn Trinkwasser wird über Entsalzungsanlagen gewonnen. Wenn sich die Lage weiter zuspitzt, droht der gesamten Region ein Rückfall in wüstenartige Verhältnisse.
Stehen wir am Beginn einer Kettenreaktion, die weit über den Ölmarkt hinausgeht und das globale Finanzsystem erfasst?
Heute Morgen wurde Dubai-Rohöl mit 160 Dollar pro Barrel gehandelt. Ich habe im Petroleum Economist einen Artikel über den tatsächlichen Ölpreis geschrieben – einen, der nicht nur den Rohölpreis berücksichtigt, sondern auch die Versicherungskosten, die inzwischen etwa zehnmal so hoch sind, und die Frachtkosten, die mindestens fünfmal so hoch sind. Für den Endverbraucher zählt der Lieferpreis, nicht der Preis an einem abstrakten Punkt im Nahen Osten. Preisschocks dieses Ausmaßes haben in meiner Erfahrung stets zu Finanzschocks geführt – und wir sind noch nicht einmal so weit. Ich hoffe wirklich sehr, dass es im Weißen Haus Verantwortungsträger gibt, die die Tragweite der Lage erkennen und auf Deeskalation drängen.

Nicht Minen oder Raketen, sondern der Rückzug der P&I-Versicherung hat den Schiffsverkehr weitgehend zum Erliegen gebracht. Welche Rolle spielen diese Versicherungsklubs? Und können nationale Tankerflotten oder staatliche Alternativen die Lücke schließen?
Es gibt zwar nationale Tankerflotten. Der Iran etwa besitzt eine sehr große eigene Flotte, was ihm die Fortsetzung seiner Ölexporte ermöglicht hat. Aber Versicherung ist ein sehr anspruchsvolles Geschäft, das enormes Wissen und jahrzehntelange Erfahrung erfordert. Lloyd’s of London hat diese Expertise über Jahrzehnte aufgebaut; die Anbieter haben ihre Deckung aufgehoben, weil sie das Risiko erkannt haben. Das ist ein normales Verfahren: Statt 0,45 Prozent des Schiffswertes als Prämie zahlt man plötzlich fünf oder sogar sieben Prozent, weil die Wahrscheinlichkeit eines Treffers sehr hoch ist. Hinzu kommt: Besatzungen weigern sich schlicht, in ein Kriegsgebiet einzufahren.
Die USA haben staatlich subventionierte Versicherungen ins Gespräch gebracht – dieses Vorhaben ist nicht konkret geworden. Selbst wenn das Geld vorhanden wäre, fehlte es an erfahrenen Fachleuten. Gleichzeitig sind die Frachtkosten extrem gestiegen, weil der Großteil der Supertankerflotte im Golf festsitzt. Selbst wenn ein Schiff ordnungsgemäß versichert ist, steht der Reeder vor einem Dilemma: Wird sein Schiff getroffen, verliert er den Vermögenswert, der ihm anderswo 30 bis 40 Prozent Eigenkapitalrendite eingebracht hätte. Je länger der Konflikt andauert, desto schwerer wird es, diesen Dominoeffekt aufzuhalten.
Warum spiegeln die Ölterminmärkte nicht denselben Alarm wider, den die physischen Märkte signalisieren?
Terminmärkte funktionieren einwandfrei. Sie sind für zukünftige Lieferungen gedacht. Die Panik gilt hingegen den Barrels, die jetzt sofort benötigt werden. Die Prämien für physisches Rohöl aus dem Nahen Osten liegen derzeit bei mehr als 60 Dollar über dem Terminpreis. Der Markt gerät in Panik darüber, ob eine Raffinerie diese Woche ihre Produktion drosseln muss – nicht wegen der Versorgungslage in zwei Monaten.
Es gab zudem einen weiteren dämpfenden Faktor: Viele Marktteilnehmer gingen davon aus, dass die USA letztendlich zurückrudern würden – das bekannte Muster, bei dem einige Angriffe erfolgen, ein Sieg erklärt wird und man sich zurückzieht. Die Dinge gerieten außer Kontrolle, weil die USA und Israel sehr unterschiedliche Ziele verfolgen. Israel will die iranische Infrastruktur so umfassend wie möglich zerstören; das US-Ziel ist weit weniger klar erkennbar. Angesichts dieser Ambiguität war kein Licht am Ende des Tunnels auszumachen und die Terminmärkte holen diese Realität nun ein.
Russland und der Iran umgehen westliche Sanktionen seit Jahren über die sogenannte Schattenflotte. Wie funktioniert dieses System, und warum ist es so schwer zu unterbinden?
Hier müssen der Iran und Russland getrennt betrachtet werden. Der Iran hatte wahrscheinlich mindestens 30 Millionen Barrel auf Tankern geladen und auf dem Wasser stationiert, bereit zur Lieferung. Diese Schiffe operieren unter Billigflaggen und können über Nacht umregistriert und umbenannt werden. Bei Schiff-zu-Schiff-Transfers – wobei eine Ladung von einem Tanker auf einen anderen umgeladen wird – werden neue Konnossemente ausgestellt. Nach ein oder zwei solchen Transfers ist der Ursprung des Öls kaum noch nachvollziehbar. So kaufen chinesische Teapot-Raffinerien (kleinere unabhängige Verarbeitungsanlagen) enorme Mengen an angeblich malaysischem Rohöl – das in Wirklichkeit sanktioniertes Öl ist, das in malaysischen Gewässern umgeladen und neu dokumentiert wurde. Wenn jemand mit einem einzigen Schiff Millionen verdienen kann, findet sich immer ein Unternehmen, das dieses Risiko eingeht. Es ist wie der Krieg gegen Drogen: Solange man das Nachfrageproblem nicht löst, findet das Angebot stets einen Weg.

Dennoch berichten einige Quellen, dass der Iran in den ersten Wochen des Konflikts sogar mehr Öl exportiert hat als zuvor. Wie ist das möglich – und was sagt das über die realen Grenzen von Sanktionen als außenpolitisches Instrument aus?
Der Iran selbst profitiert offensichtlich nicht. Er wird gerade umfassend zerstört. Die ursprüngliche Logik der Hormus-Blockade war, dass niemand die Energieanlagen gezielt zerstören würde, weil das allen schadet. Indem der Iran die Straße sperrte, war er zunächst das einzige Land, das erfolgreich Öl aus der Region exportierte, da niemand die Blockade noch weiter verschärfen wollte. In den ersten Wochen exportierte er tatsächlich mehr Öl als zuvor – zu höheren Preisen. Russland hingegen hat durch den Konflikt nach vorliegenden Schätzungen mindestens 150 Millionen Dollar pro Tag mehr eingenommen als vor Ausbruch der Krise.
Und das verweist auf ein grundsätzlicheres Problem. Das gesamte Konzept unilateraler Sanktionen ist seit Jahren tiefgreifend umstritten. Der Grund, warum die USA dieses Instrument so häufig einsetzen, ist schlicht: Es ist so leicht zu handhaben. Dabei treibt es die größten Ölkäufer der Welt – China und Indien – schrittweise in Zahlungsmechanismen, die das Dollarsystem umgehen. Das ist ein strategisches Eigentor mit Langzeitwirkung.
Es gibt Berichte, wonach der Iran chinesischen Schiffen freie Durchfahrt gewährt und Handel in Yuan duldet. Hat China dadurch tatsächlich einen strategischen Vorteil in dieser Krise?
Manches davon ist Gerücht. Bilaterale Durchfahrtsvereinbarungen hat es gegeben. Der Hauptnutznießer war dabei wahrscheinlich Indien, insbesondere beim Flüssiggas, von dem Indien für die Haushaltskochenergie stark abhängig ist. Die Vorstellung, China profitiere von dieser Krise, finde ich ehrlich gesagt absurd. China ist der weltgrößte Ölimporteur mit täglich mehr als zehn Millionen Barrel. Die Chinesen kauften bislang günstig sanktioniertes iranisches und russisches Öl – teils zu gut 30 Dollar das Barrel. Jetzt zahlen sie für dieselben Mengen deutlich über 100 Dollar. Wie könnten sie davon profitieren? Und das noch bevor man die gestiegenen Frachtkosten einrechnet, die alle chinesischen Exporte verteuern.
Beschleunigt dieser Konflikt dennoch die Abkehr vom Petrodollar – und welche längerfristigen Konsequenzen sehen Sie für die globale Energieordnung?
Ich glaube nicht, dass dies das Ende des Dollars bedeutet. Einfach weil es keine unmittelbare Alternative gibt. Der Yuan unterliegt erheblichen Kapitalverkehrskontrollen. Wenn man mir sagt, die Welt wechselt zum Yuan, frage ich: Würden Sie Ihre Altersvorsorge in Yuan anlegen – für zehn bis 15 Jahre? Die Menschen legen ihr Geld nach wie vor in Dollar und US-Staatsanleihen an. Aber die De-Dollarisierung ist im Gange und wird sich beschleunigen. Nicht zuletzt nach einer Präsidentschaft, die das Land zurück in ein Wirtschaftsmodell des 19. Jahrhunderts zu drängen scheint, während der Rest der Welt elektrifiziert.




