In den vergangenen drei Jahren häuften sich in den USA Todes- und Vermisstenfälle unter Personen mit Verbindungen zu sensiblen Forschungs- und Rüstungsbereichen; auch in China berichteten Medien über eine auffällige Serie früher oder ungewöhnlicher Todesfälle unter prominenten Wissenschaftlern. Die öffentlich diskutierten Fälle weisen auf beiden Seiten einige verstörende Ähnlichkeiten auf: nächtliche Autounfälle, spurloses Verschwinden, Leichen in aufgetauten Seen. Analysten stellen inzwischen eine verstörende Frage: Findet vor unseren Augen gerade ein stiller „Wissenschaftlerkrieg“ statt?
Die Frage klingt nach einem Thriller. Womöglich beschreibt sie die tatsächliche Situation. Sie wird mittlerweile von westlichen Militärforschern, amerikanischen Kongressabgeordneten und chinesischsprachigen Medien gleichermaßen aufgeworfen – was für sich genommen bereits ein bemerkenswerter Befund ist.
Das „3 Body Problem“ als kultureller Resonanzboden
Wer verstehen will, warum diese Fälle so rasch eine geradezu mythische Aufladung erfahren, muss Liu Cixins Science-Fiction-Trilogie „Erinnerungen an die Vergangenheit der Erde“ kennen. In China ist das Werk seit Jahrzehnten ein Bestseller, international ist es spätestens seit der Netflix-Adaption „3 Body Problem“ einem Millionenpublikum vertraut. Die Handlung beginnt mit einer geheimen Operation namens „Sophon“: Eine außerirdische Zivilisation sendet subatomare Partikel zur Erde, die gezielt die Grundlagen der Physik destabilisieren. Experimente schlagen fehl, Ergebnisse werden unwiederholbar. Die Besten der Wissenschaft zweifeln an sich selbst – und sterben. Das Ziel ist keine direkte militärische Überlegenheit, sondern die systematische Lähmung der menschlichen Forschung vor einer geplanten Invasion.
Der Roman beschreibt keine Aliens, die mit Laserwaffen feuern, sondern einen unsichtbaren Krieg gegen die Intelligenz selbst.
Diese literarische Erzählung liegt wie eine Schablone bereit, wenn reale Fälle nach einer Erklärung verlangen. Sie ist deshalb so wirkmächtig, weil sie ein strategisches Konzept tatsächlich plausibel erscheinen lässt: Man vernichtet keine Armeen, sondern unterminiert die Fähigkeit einer Zivilisation zur technologischen Selbsterneuerung, indem man ihre kreativsten Köpfe aus dem Spiel nimmt.
Ob ein solches Vorgehen in der Realität stattfindet, ist keineswegs belegt. Dennoch greift die öffentliche Deutung der Ereignisse exakt jenes Muster auf.

Die amerikanischen Fälle
Joshua LeBlanc war 29 Jahre alt, als er am 22. Juli 2025 aus seinem Haus in Alabama verschwand. Er arbeitete für die NASA an nuklearen Antriebsprojekten. Zehn Stunden nach seiner Vermisstenanzeige rammte ein Tesla nahe Huntsville eine Leitplanke und brannte aus. LeBlanc war nicht mehr zu identifizieren.
Steven Garcia, 48, war als Auftragnehmer am Kansas City National Security Campus tätig – einer Einrichtung, die nichtnukleare Komponenten für das amerikanische Atomwaffenarsenal produziert. Er verschwand Ende August 2025 in Albuquerque. Es gibt weder eine Leiche noch eine Spur.
Jason Thomas, ein Krebsforscher bei Novartis mit tiefgreifender Expertise in chemischer Biologie, verließ im Dezember 2025 tief in der Nacht sein Haus in Massachusetts. Drei Monate später bargen Taucher seinen Leichnam aus einem aufgetauten See. Er wurde 45 Jahre alt.
Den ältesten Fall rollt der US-Kongress nun neu auf: Amy Eskridge, Leiterin eines Forschungsinstituts in Huntsville mit Spezialisierung auf Antigravitationskonzepte, wurde 2022 tot aufgefunden. Die Behörden gingen damals von Suizid aus. In einem Interview kurz vor ihrem Tod hatte sie jedoch von Einschüchterungsversuchen gegen Wissenschaftler berichtet, die kurz vor technologischen Durchbrüchen standen. Ob dies ein relevanter Hinweis oder eine nachträgliche Überinterpretation ist, bleibt vorerst offen.
Auch in China sterben Wissenschaftler
Was den Verdacht in den Augen mancher Beobachter zusätzlich nährt – oder zumindest schwer wegdiskutierbar macht –, ist der Blick nach China. Dort sind in den vergangenen Jahren ebenfalls mindestens neun Spitzenwissenschaftler in hochsensiblen Bereichen wie militärischer KI, Hyperschallwaffen und Weltraumverteidigung unerwartet ums Leben gekommen.
Der prominenteste Fall ist jener von Feng Yanghe. Der 38-jährige Professor an der Nationalen Universität für Verteidigungstechnologie hatte mit seiner Plattform „War Skull“ nationale KI-Wettbewerbe gewonnen und an Szenarien für eine mögliche Taiwan-Invasion gearbeitet. Er starb am 1. Juli 2023 bei einem bis heute ungeklärten Autounfall im frühen Morgengrauen in Peking. Laut der staatlichen Zeitung China Daily verließ er kurz nach halb drei Uhr nachts ein Arbeitstreffen. Was danach geschah, nährt Spekulationen: Ein Nachruf auf dem Wissenschaftsportal sciencenet.cn beschrieb seinen Tod mit dem Begriff „geopfert“ – einem Wort, das im Chinesischen fast ausschließlich für Gefallene im Dienst des Staates reserviert ist. Feng wurde zudem auf dem Babaoshan-Revolutionsfriedhof in Peking beigesetzt, einer exklusiven Anlage für die Parteielite, Staatshelden und Revolutionsmärtyrer.

Ein westlicher Militärforscher, der die Fälle seit Monaten verfolgt und gegenüber Newsweek nur unter der Bedingung von Anonymität sprach, fasste das Muster prägnant zusammen: Die betroffenen Felder – Hyperschall und militärische KI einschließlich Schwarmsimulationen – seien bei den Todesfällen auffällig überrepräsentiert.
Das Ziel, so seine Analyse, könnte nicht die Auslöschung einer gesamten Gruppe sein, sondern die gezielte Elimination einiger der hellsten Köpfe, die wegweisende Arbeit leisten. Dies reiche aus, um eine abschreckende Wirkung auf den Rest zu erzielen. Er fügte allerdings hinzu, was auch jede seriöse Analyse festhalten muss: Einige dieser Fälle werden sich höchstwahrscheinlich als tragische, aber gewöhnliche Unfälle herausstellen.
Weitere chinesische Fälle fügen sich nahtlos in dieses Bild. Zhang Xiaoxin, 62, ein Weltraumexperte am Nationalen Satellitenmeteorologiezentrum und Gewinner eines Militärpreises für wissenschaftlichen Fortschritt, starb im Dezember 2024 bei einem Autounfall. Der Hyperschallexperte Fang Daining, 68, erlag im Februar dieses Jahres einem offenbar unerwarteten medizinischen Notfall in Südafrika. Zhang Daibing, 47, einer der führenden chinesischen Drohnenexperten und Gründer des Unternehmens Yunzhihang Technology, starb 2024 in Changsha – bis heute ohne offizielle Angabe einer Todesursache.
Chinesischsprachige Medien in Taiwan und Übersee kommentierten diese Häufung mit Schlagzeilen wie „Acht Spitzenwissenschaftler sterben mysteriös!“ und bezeichneten die Entwicklung als äußerst ungewöhnlich. Die chinesische Botschaft in Washington teilte Newsweek auf Anfrage lediglich mit, man sei über die relevante Situation nicht informiert.
Die Reaktion des Weißen Hauses
Am 17. April 2026 bestätigte US-Präsident Trump eine eigens einberufene Regierungssitzung zu den amerikanischen Fällen. Das FBI prüft mögliche Verbindungen; im Kongress werden Briefings mehrerer Behörden verlangt. Der Abgeordnete Eric Burlison formulierte es auf der Plattform X so: „Wir befinden uns im Wettbewerb mit China, Russland und Iran in Nukleartechnologie, Fortschrittswaffen und Weltraum. Und gleichzeitig verschwinden unsere besten Wissenschaftler.“
Parallel dazu ereignet sich eine Absurdität, die schwer einzuordnen ist: Im März 2026 registrierte die amerikanische Cybersicherheitsbehörde CISA die Domains „alien.gov“ und „aliens.gov“, die laut öffentlichen Protokollen direkt dem Weißen Haus zugeordnet sind. Auf Journalistenanfragen antwortete die Sprecherin Anna Kelly nicht mit einer sachlichen Erklärung, sondern lediglich mit dem Hinweis, man solle „dranbleiben“ – versehen mit einem Alien-Emoji. Ob dies eine gezielte Ablenkungsstrategie, schlechter Humor oder schlichtweg Kommunikation für eine ganz bestimmte Wählerklientel ist, lässt sich kaum seriös beurteilen. Es passt jedenfalls denkbar schlecht zum Auftreten eines Landes, das gleichzeitig beteuert, eine ernste nationale Sicherheitskrise zu untersuchen.
Was das alles bedeutet
Es gibt keinen bestätigten Beweis, dass die USA und China – oder Russland – an einem gezielten gegenseitigen Eliminierungsprogramm von Wissenschaftlern beteiligt sind. Es gibt auch keinen Beweis, dass sie von anderen feindlichen Staaten ins Visier genommen wurden. Das ist der derzeitige, nüchterne Stand der Dinge. Und es ist ein wichtiger Standpunkt, den man in der Debatte nicht einfach in Klammern setzen darf.
Was es jedoch zweifellos gibt: eine auffällige Serie von Fällen, die in den USA inzwischen sicherheitspolitisch gelesen wird und in China öffentliche Spekulationen ausgelöst hat. Es gibt ein kulturelles Narrativ – das „3 Body Problem“ –, welches die Deutungsfolie liefert, lange bevor offizielle Ermittlungen überhaupt abgeschlossen sind. Und es gibt einen Präzedenzfall aus dem Kalten Krieg, der zur Vorsicht mahnt. Auch damals starben auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs Wissenschaftler unter ungeklärten Umständen. Der tatsächliche Anteil echter Sabotageakte war am Ende deutlich geringer, als es die zeitgenössische Paranoia vermuten ließ. Doch die Paranoia selbst richtete bereits erheblichen Schaden an.
Das ist womöglich die wichtigste Lektion aus diesen Vorgängen. Eine Nation verliert ihre Innovationskraft nicht erst dann, wenn ihre besten Forscher getötet werden. Sie verliert sie bereits in dem Moment, in dem diese Forscher aufhören, frei zu denken – aus Angst vor einer Bedrohung, die vielleicht gar nicht existiert. Solch eine geistige Lähmung ist in Liu Cixins Roman kein bloßes Nebenprodukt der Operation Sophon. Sie ist ihr eigentliches Ziel.






