Kolumne

Das Lift-Komplott oder: Wenn Verschwörungstheorien wahr werden

Im Berliner Alltag gibt es immer wieder Rätsel, die einfach nicht zu knacken sind. Unser Kolumnist ist seit Wochen einer ganz heißen Sache auf der Spur.

Fahrstühle sind Orte mit vielen Rätseln.
Fahrstühle sind Orte mit vielen Rätseln.Dreamstime/imago

Es gibt Dinge auf dieser Welt, die sind wirklich unerklärlich. Zum Beispiel gibt es in dem Gebäude, in dem ich arbeite, sechs Fahrstühle: A, B, C, D, E und F. Auf jeder Seite sind drei Stück davon. Aber ich darf fast immer nur mit denen auf der rechten Seite fahren. Ich kann es mir nicht aussuchen: Ich halte meine Zugangskarte an ein Display, und dann wird mir der nächste freie Fahrstuhl in meine Etage zugewiesen. Hochwärts ist es fast immer der B-Fahrstuhl, runterwärts meist der C-Lift.

Ich beobachte das schon länger, als kritischer Journalist mache ich mir da so meine Gedanken. Stimmt da etwas nicht? Ist da ein Fehler im System? Eine Kollegin sagt: „Das ist ganz klar eine Verschwörung, in diesen Zeiten wird doch bei jeder Kleinigkeit eine große Verschwörung vermutet.“

Ein Kollege, der es gern mit der Wissenschaft hat und mit den harten Fakten, haut gleich mal ein paar Fachbegriffe raus, spricht von Normalverteilung oder der Gaußschen Glockenkurve, die etwas über die Wahrscheinlichkeit aussagt. Wir müssen nur lange genug würfeln, dann kommt jede der sechs Zahlen des Würfels gleich oft vor – oder so ähnlich.

Die Wissenschaft ist wichtig und bestimmt auch richtig, aber doch nicht in meiner Fahrstuhl-Realität: Da gibt es auch sechs Möglichkeiten wie beim Würfel, aber ich bekomme statt A oder B oder C oder D oder E oder F fast immer nur B, wenn es hochgeht und fast immer C, wenn es abwärtsgeht. Ganz klar eine Verschwörung. Das kann kein Zufall sein.

Ein Kollege hat eine wunderbare Erklärung

Eine Kollegin sagt: „Ich habe darauf noch gar nicht geachtet, aber wenn das wirklich so ist, dann kann nur die KI helfen.“ Vielleicht kann menschliche Intelligenz solche Probleme wirklich nicht lösen, aber bei Künstlicher Intelligenz bin ich eher vorsichtig, ist mir derzeit noch zu neu dieses Zeugs, da bleibe ich lieber bei der klassischen Verschwörung, obwohl mir hier überhaupt niemand einfällt, der von einem Lift-Komplott profitieren würde.

Hinter vorgehaltener Hand erzähle ich einem Kollegen von meinen Gedanken. Er sagt, dass meine Wahrnehmung der Welt so nicht stimmen könne. „Deine Dominanz von B kann ich definitiv nicht bestätigen“, sagt er. „Bei mir kommt B nur ganz selten, aber dafür bin ich noch nie mit E gefahren.“ Er schüttelt den Kopf. „Wirklich noch nie.“

Ein anderer Kollege erzählt, dass er fast immer mit Aufzug C fahren darf, und liefert dafür auch noch eine wunderbare Erklärung. „Mein Freund heißt Carsten mit C. Ich werte das als Zeichen“, sagt er und lächelt.

Endlich begreife ich das ganze Ausmaß der Manipulation – Carsten mit C. Da ist es ja völlig logisch, dass bei mir fast immer B kommt. Mein Familienname fängt mit B an.