Kolumne

Berlin ist cool, aber warum glauben viele, dass Lautsein auch cool ist?

Unser Kolumnist ist genervt von Touristen, die denken, dass sie sich in einer liberalen Stadt Dinge erlauben können, die sie zu Hause nie tun würden, zum Beispiel: nerven.

Die Admiralbrücke in Kreuzberg: ein klassischer Ort für Leute, denen egal ist, dass die Berliner von ihnen genervt sind.
Die Admiralbrücke in Kreuzberg: ein klassischer Ort für Leute, denen egal ist, dass die Berliner von ihnen genervt sind.Joko/Imago

Menschen sind kommunikative Wesen, und das ist gut so. Das gilt besonders für Berliner, denn Großstädter sind eher Leute, die sich draußen herumtreiben, das Nur-in-der-Wohnung-hocken-und-unter-sich-Bleiben passt eher zu Kleinstädten. In Berlin kommen auch noch die Touristen dazu, die glauben, dass sie in einer so liberalen Stadt wie Berlin geradezu verpflichtet sind, sich all das zu erlauben, was sie zu Hause nie tun würden, zum Beispiel: laut sein.

Dass Menschen kommunikative Wesen sind, kann also auch tierisch nerven. Anwohner der Admiralbrücke in Kreuzberg oder der Simon-Dach-Straße in Friedrichshain kennen den abendlichen Horrorlärm; dazu kommt der Alltag in Kneipen. Etwa abends beim Lieblingsvietnamesen.

Da ist er mal wieder, dieser Typus Mann: Eine tiefe, sonore Stimme, die in einer Ecke sitzt und die auch in den drei anderen Ecken des Restaurants sehr laut zu vernehmen ist. Die Worte übertönen sogar die Stimmen der Freunde am eigenen Tisch. Glaubt der Mann wirklich, dass alle schwerhörig sind?

Frauen können so etwas auch, besonders amerikanische Freundinnen, die unbedingt ganz viel deutsches Bier trinken wollen und dazu ganz viel lachen. Jeder ihrer Mini-Schlucke wird laut belacht, ebenso jedes einzelne Wort. Ihnen ist egal, dass alle um sie herum völlig genervt sind.

Alleinunterhalter oder laute Spanier

Und dann sind da die Alleinunterhalter, diese Woche saß ich beim Lieblingsvietnamesen mit einem von ihnen Rücken an Rücken. Wenn ich merke, dass das nächste fremde Ohr keine 50 Zentimeter entfernt ist, spreche ich lieber etwas leiser. Er aber sprach so, als wäre er mit seiner Freundin ganz allein. Er redete und redete, unaufhörlich. Es war kein Dialog, es war kein Gespräch – es war ein Monolog. Offensichtlich arbeitet er im Bauamt und erklärte nun seiner Freundin – und damit uns allen – jedes Detail seines Arbeitstages. Wirklich jedes: Jede Mail, jede Betreffzeile, jeden Paragrafen. Sie aber schwieg und hörte zu. Er bekam nicht mit, dass sie schwieg. Und am Ende glaubte er sicher, dass sie sich beide ganz toll unterhalten haben.

Dann doch lieber laute Touristen, die verstehe ich wenigstens nicht so gut. So wie neulich die vier Spanier. Die saßen am Nachbartisch und plapperten eine geschlagene Stunde durch – aber alle vier gleichzeitig. Für sie war das völlig normal. Mal sprach der eine mit dem anderen, dann einen halben Satz später mit dem nächsten. Ein ewiges Pingpong der Worte; kreuz und quer ohne Logik für Außenstehende, aber mit ganz viel Spaß für die Beteiligten.

Kommunikation ist schon eine tolle Sache, auch wenn sie in Berlin meist ziemlich laut ist. Mal sehen, wer nächste Woche beim Lieblingsvietnamesen den Ton angibt.