Weltherrschaft

China hebt ab, Deutschland bleibt am Boden: Warum Dorothee Bär den Anschluss verliert

Von China lernen heißt Fortschritt lernen. Der neue Fünfjahresplan zeigt technologische Trends und Wachstumsmärkte auf. Zwei Planziele dürften überraschen.

Xue Qikun, angesehener Wissenschaftler auf dem Gebiet der Festkörperphysik bei der experimentellen Beobachtung des quantenmechanischen anomalen Hall-Effekts
Xue Qikun, angesehener Wissenschaftler auf dem Gebiet der Festkörperphysik bei der experimentellen Beobachtung des quantenmechanischen anomalen Hall-EffektsIMAGO

Zufrieden zeigten sich Chinas Herrscher Xi Jinping und seine Kommunistische Partei auf dem Nationalen Volkskongress beim Thema Fünfjahresplan. Der alte Plan wurde erfolgreich abgeschlossen. Auch das Ausland musste anerkennen, dass China seine Ziele bei Arbeitsproduktivität, Urbanisierung, Lebenserwartung oder Forschung weitgehend erreicht oder übertroffen hat. Das Bruttoinlandsprodukt lag 2025 mit 17,5 Billionen Euro nur knapp unter den 18,5 Billionen Euro der EU.

Technologisch hat man die EU und USA bereits eingeholt oder übertroffen. China hat sich laut aktueller Analysen in der Weltspitze der Forschung festgesetzt und führt in 66 von 74 untersuchten Schlüsseltechnologien – etwa auf den Feldern KI, Energie, Umwelt, Materialforschung, Biotechnologie oder Quantenforschung. Bei Autos, Robotik, Elektronik oder Energietechnik brauchen sich chinesische Hersteller schon lange nicht mehr zu verstecken.

Die Kombination aus kommunistischer Planung und marktwirtschaftlichen Anreizen hat sich zum Erfolgsmodell entwickelt – und ist mindestens ebenbürtig mit dem liberalen Kapitalismus der USA. Der Analyst Imran Khalid bezeichnete den neuen Fünfjahresplan als möglichen „Wendepunkt für die Weltwirtschaft“, weil die strategische Ausrichtung Chinas globale Auswirkungen haben könne. China-Experte Alexander Görlach spricht von einer „Kampfansage an die USA“.

Auch Dorothee Bär dürfte der Fünfjahresplan interessieren

Mit dem neuen Fünfjahresplan will die KP Chinas nun erneut zum großen Sprung nach vorn ansetzen und ökonomisch endlich auch mit den USA gleichziehen. Dafür hat die KPC sechs Industrien identifiziert, die in Zukunft als Säulen die chinesische Wirtschaft tragen sollen: Bei Computerchips soll die eigene Industrie stärker wachsen; in der Biomedizin will man die Vorherrschaft weiter ausbauen; Batterien für E-Autos will die KP zu Großspeichern skalieren; Künstliche Intelligenz (KI) soll humanoiden Robotern Leben einhauchen. Und auch auf zwei anderen Feldern will Peking Vorreiter sein: Raumfahrt und Flugtaxis. Zwei Themen, die auch Dorothee Bär (CSU) als Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt umtreiben.

Chinesische Domain Bezeichnungen
Chinesische Domain BezeichnungenIMAGO

Für Weltraumverteidigung und neue Raketenprogramme will China – ähnlich wie Elon Musk mit seinen Starlink-Satelliten von SpaceX – im Orbit ein Computernetzwerk mit Tausenden Rechnern aufbauen. Auch in China sollen sich die Grenzen zwischen staatlicher, militärischer und kommerzieller Raumfahrt verwischen. Zu den Plänen gehören daher auch Anti-Satelliten-Waffen (ASAT) wie Abfangraketen, Satelliten mit Roboterarmen, bodengestützte Laser und elektronische Störsender.

Atomkraft auf dem Mond – Raumfahrt ist Billionen-Markt

Und während die bayerischen Start-ups Isar Aerospace und Rocket Factory sich weiter abmühen, den ersten erfolgreichen Raketenstart hinzulegen, plant China bereits den Bau von Solarfeldern und kleinen Kernkraftwerken auf dem Mond – mithilfe von Russland. Mit der erzeugten Energie sollen intelligente Roboterschwärme dann die International Lunar Research Stations (ILRS) aufbauen und Forschung – und wohl auch Verteidigung – übernehmen. Viermal hatte man schon in den letzten Jahren unbemannte Sonden landen lassen, mit den Missionen Chang’e 3 bis 6. Weitere sollen folgen.

China will den Mond zum militärischen Stützpunkt ausbauen, und Elon Musk sieht den Erdtrabanten nur als Rastplatz und Tankstelle auf dem Weg zum Mars – die Deutschen dürfen bei der gemeinsamen Artemis-Mission mit der Nasa bei einem Rundflug um den Mond nicht einmal aus dem Fenster schauen.

Und dass China sich hier nicht in einem Science-Fiction-Nonsens verläuft, zeigen diverse Studien. Die Unternehmensberater von McKinsey etwa prognostizieren, dass die globale Weltraumwirtschaft bis 2035 ein Umsatzvolumen von bis zu 1,6 Billionen Euro erreichen könnte. Und die Kollegen von Roland Berger rechnen bis 2040 mit 2,0 Billionen Euro. Die Raumfahrt gilt als Treiber für Innovationen und Forschung. Aber bereits heute bestimmt sie unseren Alltag und unsere Wirtschaft, erklären die Berater von Roland Berger: Ein 24-stündiger Ausfall von satellitengestützten Navigationssystemen würde Deutschland heute rund zwei Milliarden Euro kosten.

Flugtaxis mit 200 Kilometer Reichweite für Chinas ÖPNV

Aber nicht nur im Weltraum ist es spannend, sondern auch einige Sphären tiefer. Was man hierzulande unter dem eher despektierlichen Begriff „Flugtaxi“ abtut, nennt China „Wirtschaft in geringer Flughöhe“: Die chinesische Luftfahrtbehörde CAAC vermutet im Luftraum bis zu einer Höhe von 1000 Metern ein wirtschaftliches Potenzial von über 400 Milliarden Euro bis 2035. Dazu gehören Flugtaxis und Expresslieferungen, aber auch Rettungsdienste und Überwachungsdrohnen.

Zhu Lianqing, politischer Berater und Professor an der Beijing Information Science and Technology University, arbeitet mit seinem Team an Optoelektronik und intelligenter Sensorik – Technologien, die bereits Fortschritte bei neuen Materialien, in der Luft- und Raumfahrt sowie in der Wirtschaft des bodennahen Luftraums ermöglicht haben. Zhu: „Wir müssen unser Tempo bei der Entwicklung neuer und zukunftsorientierter Branchen beschleunigen und echte, originelle Innovationen und Durchbrüche in Kerntechnologien vorantreiben.“

Deutschland kann Innovationen nicht marktreif machen

Im Bereich Flugtaxi haben die Chinesen bereits Tempo vorgelegt: China ist das erste Land der Welt, in dem die elektrifizierten Senkrechtstarter bereits offiziell für den kommerziellen Betrieb zugelassen sind. Die Firma Ehang erhielt Ende 2023 die weltweit erste Typenzertifizierung für ihr autonomes Modell EH216-S. Erste Flüge finden in Städten wie Guangzhou und Hefei statt. Seit April 2024 kann das Flugtaxi sogar regulär gekauft werden. Das neueste autonome Ehang-Modell VT35 erreicht mit seinen Elektro-Rotoren 200 km/h und kann dabei knapp eine Stunde in der Luft bleiben. In Peking und Shanghai könnten die Mega-Drohnen in fünf Jahren ein Teil des ÖPNV und Transportverkehrs sein.

Das waren noch Zeiten: Dorothee Bär und Andreas Scheuer beim Deutschen Computerspielpreis 2019 in Berlin als Star-Wars-Kämpfer. Echte KI-Androiden schickt bald China zum Mond.
Das waren noch Zeiten: Dorothee Bär und Andreas Scheuer beim Deutschen Computerspielpreis 2019 in Berlin als Star-Wars-Kämpfer. Echte KI-Androiden schickt bald China zum Mond.dpa

Als Dorothee Bär 2018 als Staatsministerin für Digitalisierung das Flugtaxi als Innovation pries, erntete sie in der Öffentlichkeit Spott und Hohn. Doch damals, vor acht Jahren, lachte Deutschland auch noch über Elon Musks Elektroautos. In beiden Technologien gibt China heute den Ton und den Takt an. Deutschland kann hingegen Innovationen nicht mehr zur Marktreife führen. Heute baut man in Bayern nach der Lilium-Pleite bei Vaeridion elektrische Flugtaxis, die wie Sportflugzeuge aussehen und nicht autonom fliegen. Für den Paketdienst würden sie einen Flughafen benötigen, weil sie weder senkrecht starten noch landen können.

Fazit für Deutschland: Nachmachen statt neu erfinden

Kann China all seine Ziele erreichen? Lediglich per Parteibeschluss? Selbst wenn China nur einen Teil seiner Planziele in die Tat umsetzt, würde dies die Weltwirtschaft gravierend verändern – und das politische Machtgefüge der Welt: Denn eine KI-gesteuerte autonome Flug- und Raumfahrt beispielsweise bedeutet nicht nur einen großen Fortschritt in der Produktivität, sondern würde auch ein neues militärisches Zeitalter einläuten.

Klar ist auch: Deutschland ist kein First Mover und besitzt keine technologische Avantgarde mehr. Dirk Jehmlich, China-Experte und Geschäftsführer des Ostdeutschen Verlags, bringt es auf den Punkt: „Auch Deutschland verfügt über eine starke Forschungslandschaft – eigentlich. Denn die Herausforderung liegt oft darin, Innovationen schneller zu skalieren und in industrielle Anwendungen zu überführen, was mitunter nur sehr schwerfällig oder auch gar nicht geschieht.“

Was Deutschland bleibt: Chinas Technologien zu adaptieren, statt selbst welche zu erfinden. Das spart Zeit und Geld – und ist ein Erfolgsrezept: Schließlich hat China es selbst so in den 2000ern gemacht und mit dem Kopieren von westlichen Technologien Anschluss an die Weltspitze gefunden. Von China lernen heißt heute Fortschritt lernen.