Debatte

Nach Trumps Ankündigung: „Warum zum Teufel gehört Grönland überhaupt noch zu Dänemark?“

Trump will Grönland „übernehmen“, Europa empört sich. Verdeckt die Völkerrechtsdebatte nicht vor allem europäische koloniale Doppelstandards? Eine Einordnung.

In Grönland spricht sich eine Mehrheit der Bevölkerung für die Unabhängigkeit aus, zugleich lehnt eine große Mehrheit eine stärkere Einflussnahme der Vereinigten Staaten ab.
In Grönland spricht sich eine Mehrheit der Bevölkerung für die Unabhängigkeit aus, zugleich lehnt eine große Mehrheit eine stärkere Einflussnahme der Vereinigten Staaten ab.Christian Klindt Soelbeck/imago

Es ist ein kühler Abend, als ich mit einer Bekannten durch die Stadt spaziere. Wir sprechen über Trumps jüngste Äußerungen zu Grönland, über seinen Interventionismus, über Völkerrecht und die Empörung in Europa. Ich verweise auf die üblichen Argumente: die Souveränität Dänemarks, die Absurdität eines Inselkaufs im 21. Jahrhundert, die aggressiver werdende US-Außenpolitik.

Dann sagt sie: „Gut, Trump setzt Brüssel mit Grönland unter Druck. Aber man sollte lieber die Frage stellen, wieso zum Teufel Grönland überhaupt den Dänen gehören soll.“ Die Frage ist so einfach, denke ich mir, wird aber bemerkenswert selten gestellt. Ein Blick in die Geschichte lässt die europäische Empörung über Trump plötzlich in einem anderen Licht erscheinen.

Die koloniale Vergangenheit, die keine sein möchte

Die Reaktionen auf Trumps erneuertes Angebot Grönland käuflich zu erwerben fallen eindeutig aus. Bereits 2019 bezeichnet Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen den Vorschlag als „absurd“. Und bekräftigt gegenüber Reuters, Washington hätte „absolut kein Recht“, irgendeines der drei Länder im dänischen Königreich einzuverleiben. Grönlands Regierungschef Jens-Frederik Nielsen ergänzt, Trumps Bemerkungen seien „nicht einfach falsch, sondern respektlos“. Sein Vorgänger Múte Egede schreibt: „Grönland gehört uns. Wir sind nicht zu verkaufen und werden es niemals sein.“

Brüssel applaudiert. Doch während sich Europa über den US-Präsidenten mokiert, bleibt die unbequemste aller Frage ungestellt: Warum gehört Grönland überhaupt Dänemark? Und wer hat die Grönländer gefragt?

Die Geschichte der dänischen Herrschaft begann 1721 mit der Mission des Norwegers Hans Egede. Was folgte, war klassischer Kolonialismus: Missionierung, wirtschaftliche Ausbeutung, kulturelle Unterdrückung. Die Inuit-Sprache Kalaallisut wurde zeitweise verboten, dänische Beamte betrachteten Grönländer als einer anderen „Rasse“ angehörig und für das dänische „Zivilisations“-Projekt ungeeignet.

1953 verlor Grönland durch eine dänische Verfassungsänderung formal seinen Kolonialstatus und wurde als gleichberechtigter Teil in das Königreich Dänemark integriert. Über diese Entscheidung gab es jedoch kein eigenständiges Referendum in Grönland. Zwar waren Grönländer formal stimmberechtigt, ihre Stimmen gingen jedoch im gesamt­dänischen Verfassungsreferendum auf – gemeinsam mit der Wählerschaft in Dänemark selbst. Die grönländische Bevölkerung wurde somit nicht als eigenständiges politisches Subjekt über ihre Entkolonialisierung befragt. Aus heutiger völkerrechtlicher Perspektive bedeutet das: Grönland wurde entkolonialisiert, ohne dass die Kolonisierten selbst über Form und Ziel dieses Prozesses entscheiden konnten.

Für viele Grönländer fühlte sich die formale Gleichstellung nach 1953 weniger wie eine echte Entkolonialisierung an als wie fortgesetzter Kolonialismus. Politische Entscheidungen, darunter große Infrastruktur- und Modernisierungsprojekte, wurden über Jahrzehnte hinweg überwiegend in Kopenhagen getroffen und häufig ohne substanzielle lokale Mitsprache umgesetzt. Hinzu kam ein diskriminierendes Geburtsortkriterium, das insbesondere im öffentlichen Dienst dazu führte, dass in Dänemark geborene Beschäftigte höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen erhielten als grönländische Kollegen bei vergleichbarer Tätigkeit. Dieses System wurde erst Ende der 1980er Jahre schrittweise zurückgenommen und galt faktisch erst Anfang der 1990er Jahre als abgeschafft, während seine sozialen Folgen noch länger nachwirkten.

Übrigens: 1946 bietet US-Präsident Truman den Dänen 100 Millionen Dollar für Grönland an. Dänemark lehnt ab. Trumps Vorstoß ist also keineswegs neu.

Zwangsverhütung und geraubte Kinder in 1960er und 1970ern

Die schwersten Kapitel der dänisch-grönländischen Geschichte liegen nicht in ferner Vergangenheit. In den 1960er und 1970er Jahren setzten dänische Ärzte tausenden grönländischen Frauen und Mädchen Spiralen zur Empfängnisverhütung ein, häufig ohne deren informierte Zustimmung. Betroffen waren auch Minderjährige. Ziel war es, das Bevölkerungswachstum einer als sozial problematisch betrachteten Bevölkerung zu begrenzen. Die Zahl der Betroffenen wird heute auf rund 4500 geschätzt. Erst im vergangenen Jahr entschuldigte sich die dänische Ministerpräsidentin offiziell für diese Praxis und bezeichnete sie als systematische Diskriminierung.

Eine Entschuldigung liegt vor. Doch ihr Gewicht bleibt begrenzt, solange strukturelle Ungleichheiten fortbestehen. Bis heute befinden sich rund 5,6 Prozent aller grönländischen Kinder in staatlicher Obhut, während es bei dänischen Kindern etwa ein Prozent ist. Damit sind grönländische Kinder mehr als fünfmal so häufig betroffen. Kritiker sehen darin keine bloße sozialpolitische Schieflage, sondern sprechen von kultureller Assimilation durch die Hintertür und von einem Wohlfahrtsstaat, der koloniale Muster bis in die Gegenwart fortschreibt.

Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen entschuldigt sich im September offiziell für den Einsatz von Verhütungsspiralen bei grönländischen Frauen ohne deren Wissen.
Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen entschuldigt sich im September offiziell für den Einsatz von Verhütungsspiralen bei grönländischen Frauen ohne deren Wissen.Christian Klindt Soelbeck/imago

Wer die Beziehung zwischen Dänemark und Grönland verstehen will, muss die Statistiken lesen. Sie erzählen eine Geschichte, die in Kopenhagen ungern gehört wird.

Die Lebenserwartung in Grönland liegt bei 71,3 Jahren, in Dänemark bei 82,3. Elf Jahre Unterschied für angeblich „gleichberechtigte“ Bürger desselben Königreichs. Die Säuglingssterblichkeit beträgt in Grönland 8,8 Todesfälle pro 1000 Geburten, in Dänemark 3,0, also weniger als halb so viele. Die Arbeitslosenquote liegt bei 9,1 gegenüber 5,1 Prozent, die Armutsrate bei 16,2 gegenüber 12,4 Prozent.

Besonders auffällig ist die digitale Kluft zwischen Nuuk und Kopenhagen. Nur 69,5 Prozent der Grönländer haben Internetzugang, in Dänemark sind es 99 Prozent. Das bedeutet eingeschränkten Zugang zu Bildung, Gesundheitsinformationen und politischer Teilhabe.

Das Geld Kopenhagens als vermeintliche Fessel Grönlands

Das Königreich finanziert den grönländischen Haushalt mit jährlich rund 3,9 Milliarden Dänischen Kronen, also rund 500 Millionen Euro, entsprechend 20 Prozent des grönländischen Bruttoinlandsprodukts und über 50 Prozent des Staatsbudgets. Diese Abhängigkeit dient in Kopenhagen als Argument, warum Grönland nicht reif für die Unabhängigkeit sei.

Bei näherer Betrachtung zeigt sich eine problematische Logik. Über lange Zeit wurde Grönlands wirtschaftliche Entwicklung stark von Entscheidungen in Kopenhagen geprägt, ohne dass eine nachhaltige Diversifizierung der lokalen Wirtschaft im Vordergrund stand. Die daraus entstandene finanzielle Abhängigkeit wird heute häufig als Argument angeführt, warum Grönland ohne dänische Unterstützung nicht lebensfähig sei. Kritiker weisen darauf hin, dass diese Abhängigkeit selbst das Ergebnis historischer politischer Weichenstellungen ist. Es ist, als würde man jemandem die Beine brechen und dann behaupten, er könne offensichtlich nicht laufen.

Grönländische Politiker argumentieren seit Jahren, dass die Einbindung in Dänemark den Handel bremse, etwa weil zentrale Exportgüter wie Fisch über dänische Firmen und Strukturen vermarktet würden. Nach den Wahlen 2025 machte die neue Regierung ihre Linie deutlich und erklärte, Grönland sei „für Geschäfte offen, aber nicht zu verkaufen“.

Umfragen zeichnen ein Bild, das im politischen Kopenhagen ignoriert wird. Bereits 2018 geben 67,7 Prozent der Grönländer an, ihr Land eines Tages unabhängig sehen zu wollen. Eine Erhebung vom Januar 2025 ergibt: 56 Prozent würden bei einem Referendum heute für die Unabhängigkeit stimmen, nur 28 Prozent dagegen.

Allerdings geben 45 Prozent an, aus Sorge um den Lebensstandard mit „Nein“ zu stimmen, falls die Unabhängigkeit diesen senken könnte. Hier zeigt sich das Dilemma: Die Grönländer wollen frei sein, fürchten aber die wirtschaftlichen Konsequenzen, eine Furcht, die Dänemark über Jahrzehnte kultiviert hat.

Bemerkenswert: Rund 85 Prozent lehnen einen Wechsel unter US-Herrschaft ab. Die Grönländer wollen also mehrheitlich weder Dänen noch Amerikaner sein, sondern Grönländer.

Island zeigt wie es geht

Der Vergleich mit Island ist ebenso aufschlussreich. Auch Island stand jahrhundertelang unter dänischer Herrschaft. 1918 erhält es den Status eines „souveränen Königreichs“ in Personalunion mit Dänemark. Der entscheidende Schritt kommt während des Zweiten Weltkriegs. Nachdem Deutschland 1940 Dänemark besetzt, erklärt das Isländische Parlament 1944 den König für abgesetzt und ruft die Republik aus. In einer Volksabstimmung stimmen über 99 Prozent für die Trennung. 1946 tritt Island der Uno bei.

Grönland befindet sich bis heute in einer politischen Zwischenphase. Das Selbstverwaltungsgesetz von 2009 erweitert zwar die Autonomierechte deutlich und legt auch das Verfahren für eine mögliche Unabhängigkeit fest. In der Praxis hat Grönland bislang jedoch nur einen Teil der vorgesehenen Zuständigkeiten übernommen, insbesondere die Kontrolle über die Bodenschätze. Zentrale staatliche Bereiche wie Außenpolitik, Sicherheit und Verteidigung sowie die Währungsordnung verbleiben weiterhin in der Verantwortung Dänemarks.

Der ehemalige Regierungschef Kuupik Kleist weist darauf hin, dass Grönland theoretisch längst alle innerstaatlichen Aufgaben hätte übernehmen dürfen. Die Realität: Kopenhagen hält die Zügel fest.

Der Konvoi von US-Vizepräsident J.D. Vance auf dem Weg zur Pituffik Space Force Base in Grönland im März 2025. Seine Äußerungen zum Status des Gebiets sorgten für Kritik aus Dänemark
Der Konvoi von US-Vizepräsident J.D. Vance auf dem Weg zur Pituffik Space Force Base in Grönland im März 2025. Seine Äußerungen zum Status des Gebiets sorgten für Kritik aus DänemarkWhite House/imago

Doppelte Standards: Kolonialismus kein abgeschlossenes Kapitel

Hier offenbart sich Heuchelei. Europa empört sich über einen US-Präsidenten, der eine Insel kaufen will, die ihm nicht gehört. Dieselben Stimmen schweigen, wenn es um die Frage geht, warum diese Insel Dänemark „gehört“.

In der postkolonialen Forschung wird dieses Phänomen als ‚postkoloniales Gaslighting‘ beschrieben. Koloniale Erfahrungen werden durch dominante Narrative relativiert oder unsichtbar gemacht. Der Wissenschaftler Emil Sondaj Hansen weist darauf hin, dass Kolonialismus kein historisches Relikt ist, sondern bis heute die politische Gegenwart prägt.

Dänemark inszeniert sich als liberal-progressive Vorreiternation für Menschenrechte und Umweltschutz. Dass derselbe Staat noch bis vor wenigen Jahrzehnten Zwangssterilisationen praktizierte und bis heute überproportional viele indigene Kinder aus ihren Familien nimmt, passt nicht in dieses Selbstbild, und wird entsprechend ausgeblendet.

Die Empörung der Europäer über Trump ist daher bequem. Sie erlaubt moralische Überlegenheit, ohne die eigene Geschichte derselben kritischen Perspektive auszusetzen.

Ein wiederkehrendes Motiv in der dänischen Politikdebatte ist das Narrativ einer angeblichen grönländischen ‚Unreife‘. Demnach gilt die Insel als wirtschaftlich zu schwach, politisch zu instabil und institutionell als nicht ausreichend entwickelt, um eigenständig zu bestehen. Entsprechend wird ein langsames, über Jahrzehnte gestrecktes Vorgehen propagiert.

Es ist dasselbe Erklärungsmuster, das Kolonialmächte seit Jahrhunderten verwenden. Die Kolonisierten sind nie reif für die Freiheit – bis sie sie sich nehmen.

Island war 1944 wirtschaftlich keine Großmacht. Die Isländer entschieden sich trotzdem für die Unabhängigkeit. Heute zählt Island zu den Ländern mit dem höchsten Lebensstandard weltweit.