Wiedervereinigung

Die gekaufte Republik: Was der „Deutschland-Monitor“ über die Macht des West-Vermögens verrät

Erschreckende Zahlen zur Demokratieverdrossenheit im Osten. Doch der eigentliche Befund: 35 Jahre nach dem Mauerfall gehört die Macht immer noch dem West-Vermögen.

Menschen feiern am 3. Oktober 1990 vorm Brandenburger Tor die Wiedervereinigung.
Menschen feiern am 3. Oktober 1990 vorm Brandenburger Tor die Wiedervereinigung.dpa

Die Deutschen sind veränderungsbereiter als gedacht, doch ihr Vertrauen in den Staat ist erschüttert. Das ist das ambivalente Ergebnis des heute im Bundesfinanzministerium vorgestellten „Deutschland-Monitors 2025“. Besonders brisant: Etwa ein Fünftel der Bundesbürger ist empfänglich für autoritäre Ideen – im Osten sogar jeder Vierte. Ostbeauftragte Elisabeth Kaiser (SPD) warnte bei der Präsentation der Studie mit rund 8000 Befragten: Die Akzeptanz von Veränderungen hänge direkt von den persönlichen Ressourcen der Menschen ab.

Entgegen mancher Klischees sind die Deutschen mehrheitlich nicht veränderungsmüde. 23 Prozent sehen Wandel als Chance, 52 Prozent stehen ihm ambivalent gegenüber, nur 26 Prozent äußern sich kritisch. Doch der Blick auf den Durchschnitt trügt: Die regionale Tiefenerhebung offenbart ein gespaltenes Land. Menschen mit höherem Einkommen und Bildungsniveau stehen Veränderungen deutlich positiver gegenüber. Wer hingegen Angst um den Arbeitsplatz hat oder sich abgehängt fühlt, ist anfälliger für populistische Parolen.

Die Akzeptanz von Veränderungen steige mit den persönlichen Ressourcen der Menschen, sagte Kaiser. Sichere Arbeitsplätze und faire Löhne, gute Bildung und ein starker Sozialstaat seien die Basis, um die Unterstützung der Bevölkerung zu gewinnen.

Strukturschwache Regionen im Osten als Brennglas

Vergleicht man strukturstarke und -schwache Landkreise, zeigen sich dramatische Unterschiede: Während die Einstellungen in strukturstarken Regionen in Ost und West ähnlich sind, ist die Lage in strukturschwachen ostdeutschen Landkreisen eine andere. Dort ist die Veränderungsskepsis überdurchschnittlich groß, Demokratiezufriedenheit und Institutionenvertrauen besonders gering. Populistische und diktaturaffine Einstellungen sind dort weitverbreiteter. Ursächlich sind die Wahrnehmung von Benachteiligung, Statusverlustangst und Gefühle des Abgehängtseins.

Jeder Dritte wünscht sich eine Einheitspartei

Die Forscher des Zentrums für Sozialforschung Halle, der Universität Jena und des Leibniz-Instituts GESIS haben mit indirekten Fragen einen „Graubereich“ ausgeleuchtet – mit erschreckenden Ergebnissen. Bundesweit stimmen 31 Prozent der Aussage zu, Deutschland brauche „eine einzige starke Partei, die den Willen des Volkes insgesamt verkörpert“. Weitere 23 Prozent stimmen zumindest teilweise zu. In Ostdeutschland liegt die volle Zustimmung sogar bei 35 Prozent, weitere 26 Prozent sagen teils/teils.

Auch das Modell einer starken Führungspersönlichkeit ohne Rücksicht auf das Parlament findet Anhänger: 11 Prozent bundesweit befürworten dies voll und ganz, 21 Prozent teilweise. In Ostdeutschland sind es 15 Prozent (voll) und 22 Prozent (teils/teils). Dass eine Diktatur unter Umständen die bessere Staatsform sei, meinen vier Prozent bundesweit – im Osten sind es sechs Prozent.

98 Prozent für die Demokratie – aber nur jeder Zweite im Osten zufrieden

Der Widerspruch zu den direkt erfragten Werten könnte kaum größer sein: Die „Idee der Demokratie“ befürworten 98 Prozent der Befragten, 89 Prozent lehnen eine Diktatur unter allen Umständen ab. Die Auflösung dieses Paradoxons liefert die Zufriedenheitsfrage: Lediglich 60 Prozent sind mit dem „Funktionieren der Demokratie“ zufrieden, im Osten nur 51 Prozent. 71 Prozent sehen eine negative Entwicklung der Demokratie.

35 Jahre Wiedervereinigung: Der Schatten der 90er-Jahre

Der Anteil der Ostdeutschen, die für Ostdeutschland eher Nachteile der Wiedervereinigung sehen, ist dramatisch gestiegen: von 26 Prozent (2023) auf nun 37 Prozent. Für Kaiser ein Zeichen, dass die Ängste der 90er-Jahre bis heute Teil des kollektiven Gedächtnisses sind.

„So isser, der Besserwessi“

Von Johannes Schirrmeister

12.02.2026

Die materielle Basis des Demokratievertrauens

Dass diese Wahrnehmung auch eine materielle Dimension hat, wurde während der Vorstellung deutlich. Auf Nachfrage der Berliner Zeitung, die auf die Diskrepanz zwischen geerbtem Immobilienvermögen in westdeutscher Hand und den Eigentumschancen von Ostdeutschen verwies, räumte Kaiser ein, dass die Vermögensungleichheit ein ungelöstes Problem darstelle. Angesprochen auf das Beispiel eines süddeutschen Vermieters, der viele Wohnungen in Ostdeutschland geerbt habe, während der Fragesteller bei seinem Einkommen keine Aussicht auf Wohneigentum habe, reagierte die Ostbeauftragte mit einer grundsätzlichen Einordnung.

„Die Vermögensungleichheit, das sehen wir ja schon, dass die sich seit der Wiedervereinigung nicht wirklich verändert hat“, sagte Kaiser. Man müsse fragen, welche Maßnahmen es für den Vermögensaufbau brauche – gerade mit Blick auf die Erbschaftsteuer. Diese sei eine Ländersteuer, und es sei zu prüfen, ob Mehreinnahmen über den Länderfinanzausgleich strukturschwachen Ländern zugutekämen. Auch die Idee eines Grunderbes nannte sie als möglichen Ansatz, um der „Verfestigung von großen Vermögen bei den oberen zehn Prozent“ entgegenzuwirken.

Politik muss Sicherheit im Wandel geben

Kaiser zog aus den Ergebnissen einen klaren Handlungsauftrag. Veränderungen würden eher akzeptiert, wenn der Staat als handlungsfähig empfunden werde. „Der Bericht gibt Rückenwind für die Reformvorhaben der Bundesregierung“, so Kaiser. „In Zeiten multipler Krisen muss Politik Sicherheit und Gestaltungswillen ausstrahlen.“

Die zentrale Botschaft der Studie: Die Demokratie als Idee ist ungebrochen beliebt. Aber sie steht und fällt mit ihrer Fähigkeit, gleichwertige Lebensverhältnisse zu schaffen. Nur wenn es gelinge, ostdeutschen Biografien mehr Sichtbarkeit zu verleihen und die Spaltung zwischen Arm und Reich zu überwinden, könne das Vertrauen in die Demokratie nachhaltig gestärkt werden.