Wer zu Hause seinen Müll trennt, denkt, er tue der Umwelt und dem Klima etwas Gutes. Vor allem bei den bösen Verpackungen aus Kunststoff, wird das Umweltgewissen der Deutschen besänftigt, wenn die alte Wurstverpackung oder die leere Shampoo-Flasche in der Gelben Tonne landet. Doch leider ist das nicht einmal der viel beschworene Tropfen auf dem heißen Stein.
Denn der allermeiste aus Erdöl gewonnene Kunststoff wird leider nicht recycelt, auch wenn die offiziell gefeierte Recyclingquote von 70 Prozent für 2024 von Umweltbundesamt und Verpackungsindustrie etwas anderes suggeriert. Der deutsche Titel des Recycling-Weltmeisters basiert leider nur auf einem statistischen Trick. Wie angeblich schon Winston Churchill gesagt haben soll: „Ich traue keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe.“
Gelbe Tonne und die Rechnung des Umweltbundesamts
Denn diese von Branche und Bundesregierung als großer Erfolg verkaufte Quote schrumpft in sich zusammen, wenn man die tatsächlich recycelten Mengen nicht nur theoretisch berechnen, sondern tatsächlich nachverfolgen würde. Doch von Anfang an:
In Deutschland werden laut Verband der Chemischen Industrie (VCI) über elf Millionen Tonnen Kunststoff pro Jahr verbraucht. Als Abfall tatsächlich statistisch erfasst werden jedoch davon nur rund sechs Millionen Tonnen, die Haushalte, Gewerbe und Industrie wegwarfen.
Davon wiederum sind etwa 2,8 Millionen Tonnen Kunststoffverpackungen, schätzt die Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung (GVM). Davon wiederum hat die Industrie etwa 1,1 Millionen Tonnen Plastik-Verpackungen bei der Zentralen Stelle Verpackungsregister (ZSVR) lizenziert. Und davon wurden 764.500 Tonnen aus den Gelben Tonnen und Säcken der „werkstofflichen Verwertung zugeführt“, wie Ines Oehme vom Umweltbundesamt (UBA) der Berliner Zeitung erklärt: „Dieses Verhältnis ergibt die Quote von 70,8 Prozent.“
Statistik der Regierung greift um über 25 Prozent zu kurz
Doch diese Quote leitet in die Irre. Denn tatsächlich werden aus den von umweltbewussten Bürgern gesammelten Plastikverpackungen am Ende nur wieder 550.000 Tonnen recycelte Kunststoff-Behälter. Die GVM erklärt das damit, dass etwa ein Viertel der Menge im Produktionsprozess verloren geht. Die tatsächliche Recycling-Quote liegt also nur bei etwa 50 Prozent.
Die UBA-Statistik endet also mit dem Abladen der sortierten Ballen aus Verpackungsplastik auf dem Hof der Kunststoff-Hersteller. Diese Plastik-Recycler werfen die brauchbaren Abfälle in ihre Extruder, die das Altplastik aufschmelzen, reinigen und zu Granulat aufbereiten. Hier entstehen laut GVM im Schnitt Verluste von 26,3 Prozent, die in die Statistik des Umweltbundesamts keinen Eingang finden. Doch selbst eine Recycling-Quote von nur 50 Prozent bleibt graue Theorie. Sie ist in Wahrheit noch viel, viel niedriger.
Statistik und Realität: Viele Insolvenzen
Die tatsächliche Recycling-Quote schrumpft weiter. Denn was dann beim Plastik-Recycler anschließend mit dem Plastikgranulat passiert, weiß derzeit niemand so genau.
Seit einigen Jahren stecken die Plastik-Recycler in einer schweren Krise und gehen reihenweise insolvent. Zuletzt etwa die Tecplast Recycling GmbH in Genthin nordöstlich von Magdeburg, die Grünstoff Kunststoff Recycling GmbH in Frankfurt am Main oder etwa die AB Kunststoffrecycling GmbH aus dem Ruhrpott: Die einschlägigen Branchenticker berichten beinahe wöchentlich von neuen Pleiten – und nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus anderen EU-Staaten und den USA.

Der Grund dafür? Das Recycling ist sehr energieaufwendig und daher teuer. Und: Neuplastik aus Erdöl ist nach wie vor viel billiger. Und: China bietet zudem weitaus günstiger Rezyklate an. Die Nachfrage nach Recycling-Plastik ist daher äußerst niedrig. Und die Lager mit Rezyklaten sind entsprechend voll.
Ob nur das Granulat der pleitegegangenen Hersteller in den Verbrennungsöfen der Zement-Industrie landet, ist derzeit das große Geheimnis der Recycling-Branche. Die Nachfrage nach Recycling-Plastik geht jedenfalls gegen null.
„Die ausgewiesenen Recyclingquoten wirken auf den ersten Blick eindeutig, sie spiegeln jedoch nicht die tatsächliche Situation der Branche wider“, erklärt Dirk Textor vom Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung (BVSE). Die Quote bedeute nicht, dass das Altplastik tatsächlich wieder zum Einsatz komme. „Recycling ohne Nachfrage ist kein Kreislauf“, so Textor: „Wenn Rezyklate auf Halde liegen, erzeugen wir Statistik, aber keine Ressourcenschonung.“
Offener Brief an Kanzler Friedrich Merz
Während das Umweltbundesamt seine Statistik schönt, steht der umweltbewegten Branche das Wasser bis zum Hals. Dirk Rossmann, Werner & Mertz (Frosch), Remondis, Der Grüne Punkt und das Deutsche Verpackungsinstitut forderten daher Ende März in einem Offenen Brief an Kanzler Friedrich Merz und Wirtschaftsministerin Katherina Reiche „den sofortigen Dialog über konkrete Maßnahmen zur Sicherung des Kunststoffrecyclings als strategischen Wirtschaftszweig“. Es scheint für die Branche später als fünf vor zwölf zu sein, denn: „Das Kunststoff-Recycling in Europa steht vor dem Aus“, so die Brief-Autoren.
Bis Ende 2025 seien beim Kunststoff fast eine Million Tonnen Recyclingkapazität durch Werksschließungen oder Insolvenzen verloren gegangen, heißt es in dem Brief. Die Zahl der Schließungen habe sich 2024 gegenüber 2023 verdoppelt. Für 2025 werde eine Verdreifachung gegenüber 2023 erwartet.
Steht Recycling in Deutschland vor dem Aus?
„Auch der Iran-Krieg und höhere Erdöl-Preise werden an der geringen Nachfrage wohl nichts ändern“, so der Berliner Umwelt-Ingenieur und Experte für Abfallwirtschaft Rüdiger Oetjen-Dehne: „Neu-Plastik wird weiter billig bleiben.“ In dieser Situation helfe nur ein Weniger an Verpackungen und feste Einsatzquoten von Rezyklaten, so Oetjen-Dehne zur Berliner Zeitung. Doch die neue EU-Verpackungsverordnung sieht solche Quoten erst ab 2030 verpflichtend vor. Das könnte für die Branche bereits zu spät sein.
Und auch in anderen Bereichen kriselt es: Die Recycler von Alttextilien etwa überrollte ebenfalls eine Insolvenzwelle – zu billig ist die Fast-Fashion von Primark, Temu oder Shein, um noch Kunststoffgarne zu recyceln. Auch Altpapier erlebt einen drastischen Nachfrage-Rückgang, da kaum mehr Zeitungspapier, sondern minderwertige Kartonagen vom letzten Online-Versand in der blauen Tonne landen. Und bei Altglas sinkt der Wert ebenfalls, da die Industrie eben billiger ihre Getränke in Plastik als in Glas abfüllen lässt. Überall im Land werden die entsprechenden Sammel-Container vermehrt abgebaut.




