Kommentar

Fall Ulmen: In jedem Mann schlummert ein Monster

Collien Fernandes hat ihren Ex-Mann Christian Ulmen angezeigt. Nun schwingen sich viele zu Dozenten auf. Ein Kommentar.

Collien Fernandes und Christian Ulmen am 25. März 2011: Im September 2025 verkündete das Paar das Ehe-Aus.
Collien Fernandes und Christian Ulmen am 25. März 2011: Im September 2025 verkündete das Paar das Ehe-Aus.imago stock&people

Journalisten haben einen Reflex: Sie ordnen ein. Sie wollen strukturelle Probleme aufdecken, das System im Einzelfall erkennen. So auch in der Causa Ulmen-Fernandes. Frauen empfinden den Fall jedoch anders als Journalisten. Das kann man nicht immer trennen, klar, man sollte jedoch beide Perspektiven berücksichtigen. Die Empörung über mögliche Doppelmoral im Kulturbetrieb ist nachvollziehbar, aber sie ist auch bequem. Man macht es sich zu einfach, in woker Heuchelei das einzige Problem zu sehen.

Collien Fernandes hat ihren hat ihren Ex-Mann  bei einem Bezirksgericht in Palma de Mallorca angezeigt. Laut einem am Donnerstag erschienenen Bericht des Nachrichtenmagazins Spiegel umfasst der rund 40-seitige Schriftsatz, Vorwürfe unter anderem wegen Anmaßung des Personenstands, öffentlicher Beleidigung, Offenlegung von Geheimnissen, wiederholter Körperverletzung im familiären Näheverhältnis und schwerer Bedrohung.

Im Kern der Anschuldigungen steht ein mutmaßlicher Identitätsdiebstahl über soziale Netzwerke, der sich über einen Zeitraum von etwa zehn Jahren erstreckt haben soll. Fernandes wirft Ulmen demnach vor, gefälschte Profile in ihrem Namen erstellt zu haben. Über diese Accounts seien Männer kontaktiert, Chats geführt und Verabredungen zu Telefonsex getroffen worden. Darüber hinaus seien pornografische Fotos und Videos verschickt worden, auf denen Frauen zu sehen gewesen seien, die der Schauspielerin „zum Verwechseln ähnlich“ gesehen hätten.

Ulmens Anwalt Christian Schertz verschickte am Abend ein Informationsschreiben. In diesem heißt es: „Die Berichterstattung ist nach summarischer Überprüfung aus mehreren Gründen rechtswidrig. Wir sind daher auch beauftragt, gegen den SPIEGEL rechtliche Schritte einzuleiten.“ Es würden weiterhin „unwahre Tatsachen aufgrund einer einseitigen Schilderung“ verbreitet.

„Mir wurde über Jahre mein Körper geklaut“, sagte Fernandes. Die Schilderungen von Ulmen-Fernandes lassen uns Frauen verstört zurück.

Enttäuschtes Vertrauen in Männer

Als Frau empfindet man angesichts solcher Berichte Erschütterung und Resignation, Wut und Trauer, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Das Vertrauen in die Mann-Frau-Beziehung wurde enttäuscht, was schwerer wiegt als übergeordnete Zusammenhänge. Einen Kulturbetrieb kann man vielleicht reformieren. Aber ein ganzes Geschlecht? Schwierig.

Aussichtlos ist die Lage trotzdem nicht. Die brutale Wahrheit ist allerdings zunächst einmal: In jedem Mann schlummert ein Monster. Gewalt entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie hat mit Sozialisation zu tun, mit Macht, mit erlernten Grenzverschiebungen. Das ist nicht angeboren, wohl aber früh in der Sozialisation angelegt. In diesem Sinne ist Simone de Beauvoirs „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“ auch auf den Mann übertragbar. Gewalt ist nicht unvermeidlich, hat aber einen entscheidenden Hebel – Erziehung. Angesichts einer riesigen Szene von jungen Frauenfeinden im Netz – sogenannten Incels – scheint zumindest auch die kommende Ehemänner-Generation verloren. Hoffen wir, dass die heute 5-Jährigen bessere Bedingungen vorfinden.

Einer Frau ist es erst einmal egal, ob der mutmaßliche Täter ein woker Vorzeigepapa, ein schmieriger Snob, ein Feminist oder ein Islamist war. Das, was so hart trifft, ist die Tatsache, dass es passiert und dass es sich um den Ehemann handelt, also die Person , die einer Frau am nächsten steht.

Die Schilderungen von Ulmen-Fernandes lassen uns Frauen verstört zurück.
Die Schilderungen von Ulmen-Fernandes lassen uns Frauen verstört zurück.VISTAPRESS/G. Chlebarov via www.imago-images.de

Während Journalisten und andere Theoretiker also noch sortieren, ist für viele Frauen längst klar, was hier passiert: eine Grenzverletzung, die sich jeder sachlichen These entzieht. Die Versuchung ist groß, daraus nun eine ideologische Geschichte zu machen. Einzuordnen. Den Kulturbetrieb und seine Doppelmoral zu verurteilen. Das ist auch richtig und wichtig. Aber mit echter Empathie für Frauen hat das nicht viel zu tun.