Es gibt ein Männerbild, das gerade in der deutschen Medienlandschaft lange, genauer: seit #MeToo, gut funktioniert hat. Der kuschelige Typ, etwas bieder, aber allzeit caring. Ein Mann, der ganz selbstverständlich über Gleichberechtigung spricht.
Einer, der sich um die Kinder kümmert, wenn die Frau arbeitet, ohne seiner Männlichkeit verlustig zu gehen. Der in Interviews sagt, er halte gar nichts von „vermeintlichen Alphatierchen“. Der Moderator Christian Ulmen hat dieses Bild über Jahre perfektioniert. „Ich sehe mich komplett als der Typ Mann, den sich der Feminismus immer gewünscht hat“, sagte er einst der WAZ.
Nun steht der Verdacht im Raum, dass dieses Selbstbild eine Konstruktion war. Eine Fassade, hinter der sich etwas verbarg, das man diesem Mann nicht zugetraut hätte.
Ehe im Zeitraffer
Die Geschichte von Collien Fernandes und Christian Ulmen liest sich zunächst wie ein Drehbuch: Zwei Medienmenschen, die sich beim mittlerweile abgeschalteten Musiksender Viva kennenlernten, 2011 heirateten, ein Jahr darauf Eltern wurden. Ulmen und Fernandes drehten gemeinsam Werbespots, in denen sie ihre Ehe mit recht derbem Humor in Szene setzten. 2019 erneuerte das Paar sein Eheversprechen. 2023 zogen sie nach Mallorca.
Im September 2025 kam dann – doch für viele überraschend – das Ehe-Aus. Fernandes legte den Doppelnamen ab. Auf die Frage, ob eine Versöhnung ausgeschlossen sei, antwortete sie mit einem knappen: „Ja.“ Außenstehende, sagte sie, würden oft nur die Fassade einer Partnerschaft kennen. Ein Satz, der ahnen ließ, dass die Ehe nicht so mustergültig war, wie sie öffentlich inszeniert wurde.
Was Fernandes damit gemeint haben könnte, wurde am Donnerstag dieser Woche klar. In einer Titelstory des Spiegel vom Donnerstag machte sie Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann öffentlich: Ulmen soll nach ihrer Darstellung über Jahre hinweg unter ihrem Namen digitale Identitäten genutzt und darüber mit Dritten kommuniziert haben – ohne ihr Wissen. Hinzu kommen Vorwürfe häuslicher Gewalt, die sie unter anderem mit Fotos und Zeugenaussagen untermauert.
Die Vorwürfe sind Gegenstand rechtlicher Schritte; eine gerichtliche Klärung steht bislang aus. In einer Mail an einen Strafverteidiger soll Ulmen laut Berichten Teile der Vorwürfe eingeräumt haben; er sprach von einem „kaum zu kontrollierenden Drang“. Öffentlich schweigt er. Es gilt die Unschuldsvermutung.
Das Muster Fassaden-Feminismus
Der Fall erinnert an Sebastian Hotz, besser bekannt als El Hotzo. Auch der Comedian hatte sich als progressiver, reflektierter Medienmann inszeniert, bis Ende 2024 Vorwürfe laut wurden, er habe Partnerinnen systematisch belogen, betrogen, manipuliert und gegaslightet. Hotz gestand öffentlich ein: „Ich habe dabei meine Position und mein Image als reflektierter Medienmann ausgenutzt.“ Er vertrete öffentlich „komplett andere Werte“, als er privat gelebt habe.
Die Parallele ist bis zu einem gewissen Grad frappierend. Beide Männer, Hotz wie auch Ulmen, pflegten das progressive Image eines modernen Mannes. Wer so redet, wer sich so gibt, dem traut man Übergriffe nicht zu. Das kuschelige, leicht tollpatschige Auftreten wirkt wie eine Tarnkappe und schafft Vertrauen.
Der entscheidende Unterschied: El Hotzo hat sich „gestellt“, wenn auch unter Druck. Die Vorwürfe gegen ihn bewegen sich im Bereich emotionaler Manipulation. Was Fernandes ihrem Ex-Mann vorwirft, hat eine andere Dimension: unter anderem Identitätsmissbrauch im digitalen Raum sowie mutmaßliche körperliche Übergriffe – Vorwürfe, die strafrechtlich relevant sein können, sofern sie sich bestätigen. Eine abschließende juristische Bewertung steht noch aus. Zum Stand möglicher Gerichtsverfahren ist öffentlich bislang nur begrenzt Verlässliches bekannt.
Collien Fernandes reiht sich ein in eine wachsende Zahl von Frauen, die die Scham die Seiten wechseln lassen, weg von den Betroffenen, hin zu den Tätern. Gisèle Pelicot hat diesen Satz geprägt, Fernandes macht ihn sich zu eigen.
Was bleibt, ist eine mehr als unangenehme Erkenntnis: Der Vorzeigemann, der selbstverständlich über Gleichberechtigung redet und den Haushalt macht, ist kein Gütesiegel, dem man blind vertrauen sollte. Fassaden-Feminismus ist vielleicht die perfideste Form des Machtmissbrauchs – weil er das Vokabular der Emanzipation benutzt, um genau jene Kontrolle auszuüben, die zu bekämpfen er vorgibt. Die bürgerliche Maske ist kein Beweis für den Charakter dahinter. Sie war es nie.
Doch etwas hat sich verändert – und zwar auf der anderen Seite. Die Frauen, die von solchen Männern betroffen sind, schweigen nicht mehr. Seit #MeToo hat sich etwas verschoben, das nicht mehr rückgängig zu machen ist: Betroffene bitten nicht mehr um Gehör, sie fordern es ein. Sie dokumentieren, sie zeigen an, sie gehen an die Öffentlichkeit.
Fernandes fotografierte ihre blauen Flecken, sicherte WhatsApp-Chats, ließ ihre Therapeutin von der Schweigepflicht entbinden, reichte eine 40-seitige Anzeige ein. Diese Schilderungen stammen aus ihrer Darstellung des Falls. Sie tat das nicht aus Rache, sondern, wie sie sagt, „auch für die Generation meiner Tochter“.
Ulmens Anwalt Christian Schertz verschickte am Donnerstagabend ein Informationsschreiben. In diesem heißt es: „Die Berichterstattung ist nach summarischer Überprüfung aus mehreren Gründen rechtswidrig. Wir sind daher auch beauftragt, gegen den SPIEGEL rechtliche Schritte einzuleiten.“ Es würden weiterhin „unwahre Tatsachen aufgrund einer einseitigen Schilderung“ verbreitet.


