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Wie die Spatzen der Minerva: Talkshow-Experten und TV-Philosophen wissen es besser – hinterher

Warum haben uns die „Experten“, die die Versäumnisse in der Vorbereitung auf die gegenwärtige Weltlage beklagen, nicht schon früher gewarnt? Ein Essay als Antwort.

Ein Hinweisschild aus den 1970er-Jahren auf der Halbinsel Macau, einer chinesischen Sonderverwaltungszone
Ein Hinweisschild aus den 1970er-Jahren auf der Halbinsel Macau, einer chinesischen SonderverwaltungszoneHolger Rust

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Als ich 1978 die Hinweistafel auf der Halbinsel Macau fotografierte, verstopften in Peking Chinesinnen und Chinesen auf Fahrrädern die Chang’an, jene später zehnspurige 46 Kilometer lange Avenue, die über den Tiananmen-Platz an der Verbotenen Stadt vorbeiführt. Inge Morath, die weltberühmte Fotografin, hat das damals eindrucksvoll in einem Foto dokumentiert. Der Titel: „6:30 am, Chang an Avenue, Beijing“.

Das war sechs Jahre nach dem ersten Besuch der Volksrepublik China durch einen amerikanischen Präsidenten: Richard Nixon. In der Zeit danach erlebte das Land, initiiert von Deng Xiaoping, eine rasante wirtschaftliche Liberalisierung. Deng und die britische Premierministerin Margaret Thatcher unterzeichneten 1985 die Vereinbarung über die Zukunft Hongkongs, das 1997 an die VR China zurückgegeben werden sollte – unter dem für weitere 50 Jahre geltenden und bei den Vereinten Nationen hinterlegten Grundsatz „Ein Land, zwei Systeme“. China wurde dann zusehends für ausländische Direktinvestitionen geöffnet und trat 2001 der Welthandelsorganisation (WTO) bei, einer Institution regelbasierter globaler Wirtschaftspolitik.

Hat Putin schon damals geblufft?

Im selben Jahr, am 25. September, verkündete Wladimir Putin, dass auch Russland die Absicht hege, „in unmittelbarer Zukunft zum Mitglied der Welthandelsorganisation zu werden“. Und zwar in einer Rede vor dem Deutschen Bundestag. Putin begann auf Russisch, fuhr dann auf Deutsch fort: Es sei „an der Zeit, daran zu denken, was zu tun ist, damit das einheitliche und sichere Europa zum Vorboten einer einheitlichen und sicheren Welt wird. […] Der Kalte Krieg ist vorbei. […] Ich bin überzeugt: Wir schlagen heute eine neue Seite in der Geschichte unserer bilateralen Beziehungen auf und wir leisten damit unseren gemeinsamen Beitrag zum Aufbau des europäischen Hauses.“ Das Protokoll verzeichnet an mehreren Stellen heftigen Beifall. Im heutigen Heute wissen wir, wie diese Annäherung ausging. Aber war das tatsächlich damals schon alles nur Bluff?

Noch mal zurück in die weitere vergangene Zukunft Chinas, zehn Jahre nach dem Beitritt des Landes zur WTO und mehr als drei Jahrzehnte nach dem Foto, also 2011. Wieder eine Reise, nun aber „the nice view“ von innen. Ausgangspunkt Hongkong – Ziel Shanghai.

Freitagnachmittag. Zwei Stunden Flug vom damals neuen Hongkong Airport auf Lantau zum Pudong Airport vor den Toren Shanghais. Von dort mit dem Taxi zwei weitere Stunden und zehn Minuten für knapp 40 Kilometer zur South Maoming ins Zentrum der ehemaligen französischen Konzession. Wir glaubten, Staus zu kennen – auf der Südosttangente Wiens, im abendlichen Paris oder auf der baustellengeplagten Berliner A10. Alles im Vergleich zu Shanghai pittoreske Vorführungen.

Wie man einen Stau aber durch geschmeidige Reaktionen virtuos kompensieren kann, das merkte man in dieser Stadt, in der die Termine für geschäftliche Besprechungen dehnbar angelegt wurden: „irgendwann am Nachmittag“. Es sei denn, Geschäftsleute vereinbarten ein Meeting mit Kolleginnen oder Kollegen am Bahnhof in Peking, 1300 Kilometer entfernt. Das ging auf die Sekunde: in etwas mehr als viereinhalb Stunden mit dem mehr als 350 km/h schnellen Zug.

Ein Land, dem die Welt Reverenz erweist

In den Abteilen lagen Zeitschriften aus, zwar nur auf Chinesisch, aber das war egal. Alles, was drinstand, kannte man von Magazinen dieser Art, wie sie weltweit in den illustren Lobbys auslagen: deutsche Premium-Autos, Schweizer Uhren, französische Parfums, italienische Luxusmode.

Ein Eindruck, der sich in Peking verdichtete. Zwei Ausstellungen im Nationalmuseum gegenüber der Verbotenen Stadt zeugten in jenem Herbst davon, die eine zum Zeitalter der Europäischen Aufklärung, die andere über die italienische Schmuckmarke Bulgari: „125 Years of Italian Magnificence“. Zwei Blocks weiter, in der Wangfujing, fand zur selben Zeit das „Festival der Weltmarken“ statt. Eine Art Gebetsmühle war installiert, auf deren Rollen konsumgöttliche Marken wie Prada, Gucci, Yves St. Laurent und Rolex gedruckt waren. Das Wort „Welt“ war wichtig, sollte sagen: Dies ist das Land, dem die Welt Reverenz erweist, vom Treffen der „World Photographers“ bis hin zur Dependance des „World Economic Forum“ in Dalian im Nordosten des Landes. Und wieder drängt die Frage: Witterten Experten hinter diesem gigantischen wirtschaftlichen Austausch im Maschinenbau, in der Chemie, der Autoindustrie, im Messewesen und in den ungezählten Direktinvestitionen eine Hidden Agenda?

Soweit ich mich erinnere, kaum. Denn die Idee erschien ebenso rational wie verführerisch: Wandel durch Handel. Eine globalisierte Welt unterschiedlicher politischer Systeme, aber kooperativer Wirtschaftspolitik mit diversifizierten Schwerpunkten als Sicherung des Programms eines „Ewigen Friedens“ – wie eine Blaupause der so betitelten Ideen Immanuel Kants in seiner unterhaltsamen kleinen Schrift aus dem Jahr 1795.

Auch in den damals verbreiteten soziologischen Entwürfen wurde das Modell einer „Weltgesellschaft“ diskutiert, etwa von Niklas Luhmann oder Ulrich Beck. Der spätere Laureat des Wirtschaftsnobelpreises Paul Romer, damals noch junger Professor an der Business School in Stanford, spielte gar mit dem Gedanken, Patente abzuschaffen, um den globalen Ideenwettbewerb anzufachen. Wissen sollte als nicht rivalisierendes Gut grenzenlos verfügbar sein.

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Die Desillusionierung kam mit der Annexion der Krim

So entwickelte sich eine reale Utopie! Die Sowjetunion war zerfallen und keine Bedrohung mehr. Das neue Russland hatte das Gas und wie China einen gewaltigen Markt für Konsumgüter. Die Nato schützte den Westen, und der renommierte Politologe Francis Fukuyama diagnostizierte 1992 das „Ende der Geschichte“, nach dem sich die westlichen Demokratiekonzepte und ihre Prinzipien weltweit durchsetzen würden. Dem Nachwuchs wurde geraten, neben Englisch und Spanisch auch Chinesisch und Russisch zu lernen, um globale Karrieren der Zukunft zu sichern.

Die frostige Desillusionierung erfolgte knapp anderthalb Jahrzehnte nach Putins Bundestagsrede, 2014 mit der Annexion der Krim, die sich dann 2022 im Überfall auf die Ukraine brutal fortsetzte. Erstmals zeigte sich der fundamentale Störfaktor der Utopien: die Ausnutzung der Verflechtungen durch machtlüsterne oder politmissionarisch aufgeheizte Charaktere. Und das nicht nur in den Schattenzonen der modernen Weltgeschichte, nicht nur in Nordkorea und manchen von Juntas und Despoten regierten afrikanischen oder lateinamerikanischen Staaten. Sondern in ganz eigener Form auch nach der Wahl von 2016 in den USA.

In welchem Ausmaß Donald Trump die regelbasierte Ordnung aufwühlen würde, hat vor zehn Jahren noch kein TV-Experte geahnt.
In welchem Ausmaß Donald Trump die regelbasierte Ordnung aufwühlen würde, hat vor zehn Jahren noch kein TV-Experte geahnt.Daniel Torok/White House/Imago

Hatte das jemand erwartet? Dass im anfänglich verheißungsvollen 21. Jahrhundert ein Isolationismus sich wieder Bahn brechen würde, der das 19. Jahrhundert beschwört? Dass ein Präsident der USA in seiner turbulenten ersten Amtszeit und, nach einer Ruhepause während vier Jahren Biden-Regierung, in der zweiten heftiger als je zuvor die Weltordnung zertrümmern und 2018 ein komplexes Vertragswerk mit dem Iran zerreißen würde, das drei Jahre zuvor nach jahrelanger Diplomatie unter der Leitung des vormaligen Präsidenten Obama vom außenpolitischen Schwergewicht John Kerry unter Beteiligung der permanenten Mitglieder des UN-Sicherheitsrates, Deutschlands und der EU 2015 zur Unterschrift gebracht worden war? Dass er später, 2026, einen Krieg vom Zaun brechen würde, dessen vorgebliches Ziel ziemlich genau dieser von ihm zerstörten Vereinbarung entspricht?

Jedem, der vor zehn oder 20 Jahren die heutige Realität skizziert und die Feierlaune, die der Wahlsieg Obamas 2008 und sein Amtsantritt mit jenem spektakulären Inauguration Walk auf der Pennsylvania Avenue weltweit auslösten, durch derlei Mahnungen getrübt hätte, wäre ein Besuch beim Psychiater angeraten worden.

Hätte man früher reagieren müssen?

Heute haben sie gut reden, all jene Talkshow-Experten und Polit-Exegeten, TV-Philosophen und selbsternannten Trend-Gurus, die wie die Spatzen der Minerva zwitschern, als hätten sie es immer schon gewusst. Sicher, das utopische System der regelbasierten Weltordnung war fragil und in Teilen illusorisch, das wissen wir nun. Aber war es deswegen grundsätzlich falsch? Und wieder die Frage: Hätte man früher so reagieren müssen, wie es nun in bemerkenswerter europäischer Kooperation geschieht?

Drehen wir die Perspektive um. Werfen wir einen fiktiven Blick zurück aus der Welt von 2070, was ungefähr der Zeitspanne zwischen dem Foto des Holzschildes in Macau und heute entspricht: Sollten wir jetzt vorsichtshalber die Kooperationen mit Indien, Japan, Australien und Südamerika relativieren, weil ja irgendwann irgendwo vielleicht irgendwas …? Die Antwort ist eindeutig: natürlich nicht. Denn was immer geschah und geschehen wird, es war und wird etwas sein, das niemand voraussehen konnte und kann.

Kants so wichtiger Hinweis

Aber die Ideen einer regelbasierten Weltordnung, die in den 80er- und 90er-Jahren reiften, bleiben, angereichert mit der inzwischen erlernten Einsicht in das partielle Scheitern realer Utopien, fundamentale Ansätze zur Bewältigung ungeplanter Folgen planvollen Handelns. Vorausgesetzt, dass die bewährten Module im Hinblick auf eine stetig flexible Reaktion hin modernisiert und zum Beispiel endlich auch die kulturellen und wirtschaftlichen Kapitalien vieler afrikanischer Länder einbezogen werden. Ansätze, um ohne Illusionen und Romantik das vor 231 Jahren entworfene Programm Immanuel Kants weiter zu realisieren.

Der war übrigens keineswegs ein illusionärer Eremit im Elfenbeinturm. Realistisch wies er schon zu Beginn des Textes darauf hin, dass er den Titel „Zum Ewigen Frieden“ als „satirische Überschrift auf dem Schilde jenes holländischen Gastwirths“ entdeckte, „worauf ein Kirchhof gemalt war“.

Das eingangs erwähnte Holzschild hängt übrigens heute in einem Museum in Hongkong.

Holger Rust, geboren 1946, ist Professor (i.R.) für Wirtschaftssoziologie an der Leibniz-Universität Hannover. Er lehrte als Gastprofessor auch an den Universitäten Hamburg, Salzburg und Wien. Seit mehr als drei Jahrzehnten ist er zudem als Berater in Unternehmen und politischen Institutionen sowie als langfristig engagierter Autor und Kolumnist in führenden Wirtschaftsmedien und als gefragter Vortragsredner tätig.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.