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Der anhaltende Angriff auf den Iran hat bereits jetzt tiefgreifende Auswirkungen auf die Weltpolitik – und das wird auch künftig der Fall sein. Er begann ohne jeden Versuch, sich durch ein internationales Gremium legitimieren zu lassen. Er entwickelte sich zu einem Konflikt, der weit über die unmittelbaren Hauptgegner hinausreicht. Er hat zahlreiche traditionelle Bündnisse gespalten, allen voran zwischen den USA und Europa. Und schließlich bleiben sowohl seine Ziele als auch seine Strategie weitgehend unklar. Viele Beobachter argumentieren, er untergrabe das „gegenwärtige globale System“ und könnte den Westen von einem entschiedenen Verfechter der „regelbasierten Ordnung“ zu deren wichtigstem Gegner machen.
Beide Argumente sind, wie ich meine, gut begründet – und wenn dem so ist, sollte man sich auf zwei zentrale Fragen konzentrieren: Wie sind wir in diesen Zustand geraten? Und was steht uns nun bevor?
Die erste Frage muss als Teil eines komplexen Gesamtbildes betrachtet werden, das sich aus der internationalen Ordnung entwickelte, die aus zwei Versuchen hervorging: erst nach dem Ersten Weltkrieg und dann nach dem Zweiten Weltkrieg. Beide Versuche galten als regelbasiert – doch ihr Schicksal war grundverschieden. Konzepte wie Souveränität, Selbstbestimmung und Nichteinmischung finden sich in beiden Ansätzen, um ein berechenbares und steuerbares globales System zu schaffen – doch der erste scheiterte, als die Welt kaum zwei Jahrzehnte später erneut in einen großen Krieg stürzte, während der zweite sich über mehr als 70 Jahre hinweg als vergleichsweise stabil erwies.
Zusammenbruch des Kommunismus als Wendepunkt
Worin lag der entscheidende Unterschied? Meines Erachtens war es eine Komponente, die man als ideologisch bezeichnen kann. Zwar entstanden die zerstörerischsten Ideologien – wie Kommunismus und Faschismus – bereits in den 1920er-Jahren, doch erst die Ära des Kalten Krieges war nahezu vollständig entlang der Gegensätze „Freiheit versus Unfreiheit“, „Demokratie versus Totalitarismus“ oder „Marktwirtschaft versus Planwirtschaft“ strukturiert.
Die Regeln verhinderten somit einen direkten militärischen Zusammenstoß der beiden Supermächte, erlaubten ihnen jedoch zugleich, die Schwächen des jeweiligen Gegners auszunutzen. Die Sowjetunion etwa durch Unterstützung von „Dekolonisationsbewegungen“ und sozialistischen Parteien, während die westlichen Mächte auf Menschenrechte und bürgerliche Freiheiten setzten. Auf diese Weise entwickelten beide Lager ihre eigenen Identitäten – und gerade deren Erhalt hielt die geteilte Welt zusammen.
Der Zusammenbruch des Kommunismus markierte einen Wendepunkt – nicht nur das Ende jener spezifischen Ordnung, sondern möglicherweise das Ende von Ordnung überhaupt. Die sowjetische Bedrohung hatte die atlantische Welt ein halbes Jahrhundert lang zusammengehalten; heute hingegen erklärt US-Präsident Donald Trump die russische Invasion in der Ukraine zur „europäischen Angelegenheit“. Die Unterdrückung der Juden in der Sowjetunion war einst ein globales Thema; der Antisemitismus in Europa hingegen erfährt heute kaum mehr Aufmerksamkeit – ähnlich wenig, wie die Nürnberger Rassengesetze im Deutschland der 1930er-Jahre in Großbritannien oder den Vereinigten Staaten fanden.
Ein relativistischer Ansatz setzte sich durch: Die Welt verabschiedete sich von klaren Gegensätzen und fand sich stattdessen in „50 Schattierungen von Grau“ wieder. Kurz gesagt: Die Ordnung wurde nie durch Hegemonie gesichert, sondern durch ein Gleichgewicht, das durch ideologische Gegensätze stabilisiert wurde. Heute jedoch ist nicht nur dieses Gleichgewicht verschwunden – auch die Ideologien selbst sind „universal“ geworden und haben sich dadurch in andere Bereiche aufgelöst. So kann etwa die Einschränkung von Frauenrechten im Iran kritisiert werden, zugleich aber als Ausdruck religiöser Identität gelten, die im Namen derselben „humanistischen“ Prinzipien respektiert werden soll.

Globalisierung verschärfte die Entwicklung
Die Globalisierung hat diese Entwicklung zusätzlich verschärft, indem sie Konflikte zwischen Nationen und Kulturen in die Gesellschaften selbst hineingetragen und damit bestehende Normen und Regeln weiter erodiert hat. Zusammengefasst: Wir sind in eine Welt des 19. Jahrhunderts zurückgekehrt – und in einem solchen System braucht es nicht viele Gründe, um Krieg zu führen.
Wenn man mich also nach der wichtigsten Lehre aus dem Krieg gegen den Iran fragt, lautet meine Antwort: Hören wir auf, so zu tun, als lebten wir noch in einer regelbasierten Welt. Man sollte auch nicht um die Vereinten Nationen trauern: Wenn die Mitglieder einer so großen Staatengemeinschaft vorgeben, gemeinsam für Ordnung verantwortlich zu sein, ist in Wahrheit niemand dafür verantwortlich. Die Welt befindet sich im Chaos – wie so oft in der Geschichte – und gerade darin liegt nichts Einzigartiges; einzigartig war vielmehr die Ordnung des 20. Jahrhunderts.
Die zweite Frage – wie es weitergeht – ergibt sich unmittelbar daraus, lässt sich jedoch aus der gegenwärtigen Perspektive kaum im Detail beantworten. Meines Erachtens ist die Zerstörung der bestehenden Ordnung noch längst nicht abgeschlossen. Zu zahlreich sind die Widersprüche, zu willkürlich viele Grenzen gezogen, zu groß die wirtschaftlichen Ungleichheiten, zu tief die religiösen und ethnischen Spannungen – und es gibt keine Kraft, die all dies am Ausbruch hindern könnte. Was wir derzeit erleben, ist lediglich das Sichtbarwerden von Problemen, die seit dem Zweiten Weltkrieg existieren, aber durch die ideologische Bipolarität des Kalten Krieges unterdrückt wurden.
Ich sehe daher drei mögliche Entwicklungspfade, die sich vermutlich in Kombination realisieren werden: Erstens könnte das Chaos anhalten. Staaten unterstützen einander situativ und opportunistisch. Wir sehen bereits, dass ein Nato-Mitglied gegen das Regime der Mullahs kämpft, während andere es verurteilen oder neutral bleiben.
Während Israel um sein Überleben ringt, erhält es nur von wenigen europäischen Staaten offene Unterstützung. Während die Ukraine versucht, die russischen Besatzer zu vertreiben, pflegen viele Länder weiterhin wirtschaftliche Beziehungen zu Moskau. Und während all diese Konflikte zumindest Aufmerksamkeit finden, interessiert sich kaum jemand für den Völkermord im Sudan.
Es dürfte Jahrzehnte dauern, bis solche Zustände wieder als anormal gelten – denn derzeit wünschen viele politische Akteure eher ein Ende der Konflikte als deren nachhaltige Lösung. Doch gerade das Chaos lässt den Wert der Ordnung wieder erkennen.
Europa als Vorbild für andere Regionen
Zweitens könnte es zu einer „regionalen Kristallisation“ von Ordnung kommen – weniger international als vielmehr konstitutionell geprägt. Fast vier Jahrzehnte nach dem Ende des Kalten Krieges erscheint die Europäische Union als der einzige klare politische Gewinner. Trotz wirtschaftlicher Schwächen hat sie sich erweitert, größere Kriege vermieden und einen Raum geschaffen, in dem Rechtsstaatlichkeit über nationale Eigeninteressen triumphiert.
Je chaotischer die übrige Welt wird, desto attraktiver erscheint dieses Modell. Bewahrt Europa den Mut, seine Werte nicht als universell auszugeben, sondern als eigenständig und verbindlich zu pflegen, und gelingt es ihm zugleich, wirtschaftlich wettbewerbsfähiger zu werden, könnte es zum Vorbild für andere Regionen werden – insbesondere im Nahen Osten und in Lateinamerika.
Drittens schließlich – und am wenigsten wahrscheinlich – wäre die Entstehung einer neuen bipolaren Weltordnung denkbar, getragen von den USA und China. Eine solche „Duopol“-Struktur könnte globale Probleme effizienter adressieren, indem sie politische Rivalität in wirtschaftlichen Wettbewerb umschlägt. Wirtschaftliche Regeln sind tendenziell „natürlicher“, da sie weniger wertgebunden sind und größere Spielräume für gegenseitige Vorteile bieten als politische Konflikte. Doch auch dieses Szenario würde erhebliche, derzeit kaum vorstellbare Kompromisse erfordern.



