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Was ist eigentlich „der Westen“?

Unser Autor stößt bei der Suche nach einer Antwort auf diese dringliche Frage vor allem auf alte Denkschemata und Widersprüchliches.

Ein Mann des Westens: Clint Eastwood
Ein Mann des Westens: Clint EastwoodCourtesy Everett Collection/Imago

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Seitdem wieder für ihn getötet und gestorben werden soll, muss seine begriffliche Vagheit quälen: Was ist „der Westen“? Sein spätes Produkt, die sogenannte Identitätspolitik, taugt wenig zur Klärung. Behandelt man den Westen nur als konstruierte Identität, dann müsste man auch Konstruktionen des Westens seitens eines Nicht-Westens berücksichtigen. Sie wären widersprüchlich, je nachdem, ob man über „den Westen“ in Russland, in China, in Somalia oder in einem südamerikanischen Land spricht. Ohnedies scheint Identitätspolitik heute ein Teil des Problems westlicher Selbstbestimmung zu sein. Denn wenn Identität durch souveräne Konstruktion entsteht, dann bedarf sie auch ständiger Differenz, vielleicht sogar Divergenz.

Warum sollte diese nur von außen kommen und nicht auch von innen? Und wenn von innen, etwa als Konkurrenz, höflicher: Vielfalt der Identitäten, wer ist dann der berufene Repräsentant dieser Vielfalt? Ein wohlbekanntes Problem: Wer im Pluralismus der Parteien bildet die Partei des Pluralismus?

Gruppenfoto der Außenminister der Nato-Staaten
Gruppenfoto der Außenminister der Nato-StaatenJanine Schmitz/photothek.de/Imago

Was also ist der Westen: „Ist es ein Ort, eine Region? Europa oder Amerika? Sind es beide? Oder nur die reichen Staaten? Handelt es sich um einen historischen Zeitabschnitt? Oder etwa nur ein Wirtschaftssystem? Sind es ethische Grundsätze oder ist es eine Religion? Ein Lebensstil oder eine Geisteshaltung?“

So fragte 2008 der Philosoph Roger-Pol Droit in seinem Buchessay „L’Occident“ („Das Abendland“). Ihm fiel zumindest der sprachliche Einstieg leicht, denn das französische „occident“, vom lateinischen „occidens“, „untergehend“, verweist auf den Ort, von wo aus gesehen die Sonne untergeht.

Ein rätselhafter Umweg der Geschichte

Die Melancholie des Untergangs gehört seit je zur westlichen Selbsterforschung. „The sense of an ending“ hat der britische Kritiker Frank Kermode das genannt, in einem Buchklassiker, der vor fast 60 Jahren erschienen ist. Das Endzeitgefühl bedrängt noch heftiger, seit die ganze Welt verwestlicht scheint. So könnte – in globalem Konsumkapitalismus und Naturraubbau etwa – dem Abendland sein eigener Erfolg zum Verhängnis werden.

Wo begann dieser prekäre Welterfolg? Die Unterscheidung zwischen einem Abend- und einem Morgenland fand sich zuerst in der griechischen Antike, wobei der Orient die heutige Türkei und die Schwarzmeerregion, der Okzident die damals bekannte europäische Welt (Italien, Sizilien, Gallien, Spanien) umschloss. Der Aufstieg Roms als neuer Ost-West-Meridian änderte wenig daran.

In der griechisch-römischen Antike war der Okzident weitgehend mit dem heutigen Westeuropa identisch, er umfasste weder das Baltikum noch Skandinavien. Erst im christlichen Mittelalter enthielt der Begriff des Okzidents bzw. Abendlandes fast alle späteren Staaten Europas. Seit der Kirchenspaltung 1054 waren Christenheit und Abendland jedoch nicht mehr identisch: Es gab nunmehr eine „morgenländische“ oder „Ostkirche“, die orthodoxe.

Der Aufstieg des Abendlandes zur Weltzivilisation und damit zum „Westen“, begrifflich schillernd zwischen einer Staatenregion und einer Wirtschaftsform, beginnt in der europäischen Neuzeit. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wird der Welterfolg des Westens rassentheoretisch gedeutet, als historisch singuläre Leistung des weißen Mannes. Darin überschreitet der Abendland-Begriff die Grenzen Europas, denn um die Wende zum 20. Jahrhundert beginnt man auch die Vereinigten Staaten von Amerika zur „weißen“ Weltzivilisation zu zählen.

Zweifler an deren Dauerhaftigkeit wie Oswald Spengler („Der Untergang des Abendlandes“, 1917/23) sahen sie zum Erstarrungstod bestimmt. Todesursachen seien die Raserei lebensferner Technik und der Rückgang moralfreier Tatkraft; es blieben nur die Russen als „die letzten Weißen“.

Das Denkbild einer weißen, euroatlantischen Zivilisation sollte auch die Jahrzehnte des Kalten Krieges dominieren. Der Okzident umfasste nunmehr die Nato-Staaten; die „freie Welt“ der USA und Westeuropas stand gegen den Ostblock. Wo Marktwirtschaft und Parteienpluralismus fehlten, herrschte roter Totalitarismus, für Abendlandsideologen ein so schrecklicher wie rätselhafter Umweg der Geschichte.

Amerikanisches Kriegsplakat aus dem Zweiten Weltkrieg, das 1943 von J. Howard Miller für Westinghouse Electric entworfen wurde, um die Moral der weiblichen Arbeitskräfte zu stärken.
Amerikanisches Kriegsplakat aus dem Zweiten Weltkrieg, das 1943 von J. Howard Miller für Westinghouse Electric entworfen wurde, um die Moral der weiblichen Arbeitskräfte zu stärken.John Parrot/imago

Ein postutopischer Kater, der um sich griff

Mit dem 1990 verkündeten Ende der Geschichte durch den Sieg des Westens schien dieser definitiv vom geografischen Ort zum politisch-ökonomischen Prinzip mutiert. An die Stelle des Ost-West-Gegensatzes rückte jener von Nord und Süd, wobei den globalnördlichen Kapitalismus eine Aura von Modernität, Entwicklung, Reichtum, Konsum und Liberalismus umgab.

Die ganze Welt schien unterwegs zu den Werten einer einst exklusiv euroatlantischen Zivilisation, vorneweg Länder wie Japan oder Südkorea, später auch Indien und China. Was am Westen zur „Globalisierung“ taugte, schienen vor allem die westlichen Technologien, die Wirtschafts- und Kommunikationssysteme zu sein, nicht so sehr Ernährungsweisen oder Familienbilder.

Nach dem Kollaps des Realsozialismus hatte ein postutopischer Kater um sich gegriffen, der gleichermaßen die Ex-Eliten des Ostblocks wie die Linksprogressiven des Westblocks erfasste. Letztere beeilten sich, auf die Siegerseite zu wechseln. Fortan gaben sie die eifrigsten Apologeten dieses Westens und seiner Werte, ironisch bald „Wertewesten“ genannt. Das war ebenso unglaubwürdig wie das heutige Antiwestlertum im Globalen Süden.

In China und Indien herrscht brutalster Kapitalismus, was dortige Regierungen und Politikeliten nicht davon abhält, „den Westen“ für die Armut dieser und anderer ehemaliger „Entwicklungsländer“ anzuklagen. Sie akzeptieren also die materiellen Werte des Westens vom Innovationsgebot bis zum Massenkonsum, hadern nur mit ihrem eigenen „Rückschritt“ darin.

Anders die islamischen Gegner des Westens. Diese lehnen die westliche Zivilisation rundweg als moralisch verkommen, aber auch als zum Untergang bestimmt ab, der historisch verdient und möglichst zu beschleunigen sei. Sie adressieren mit dem (einst christlichen) Abendland einen seit Jahrhunderten vertrauten Gegner, dessen Schwäche, weil Schande, gegenwärtig aller Welt sichtbar werde: eine Gesellschaft ohne Gott. Die Ambivalenz der „westlichen Werte“, etwa der Freiheit zum Atheismus wie zum Konsumismus, tritt in dieser Gegnerschaft grell hervor. Sie treibt auch den Westen selbst um.

Nostalgiker kirchenchristlicher Weltmacht bewundern manchmal den islamischen Fanatismus. Der hessische Autor und Büchnerpreisträger Martin Mosebach bekundete etwa, dass ihm, katholisch und kinderlos, doch eine muslimische Schwiegertochter lieber wäre als eine atheistische, und dass sein Mitgefühl für antimuslimische Blasphemiker begrenzt sei, wenn verletzte religiöse Gefühle in Terror mündeten.

Selbstdistanzierung oder Selbstentfremdung?

Ansonsten gilt ein Konsens der Wohlmeinenden. Christliche oder „jüdisch-christliche“ Religiosität, griechische Bildung, römische Rechtlichkeit, moderne Ingenieurskunst – das seien die historischen Bausteine des Westens. Man sollte eher von Familienähnlichkeiten sprechen, denn selten sind sie alle zugleich präsent, bis auf ein Merkmal: Die innere Unruhe, die Expansivität des Okzidents – ob als missionierendes Christentum, ob als märktesuchender Kapitalismus – ist heute fixer Posten im westlichen Schuldkatalog. Subtilere Kritiken am Abendland betonen die Schwäche, ja Substanzlosigkeit, die dieser Unruhe zugrunde liege; ein Dasein in permanenter Bewegtheit, ohne Selbstsicherheit und Gegenwartsgewissheit.

Die westliche Daseinsform ist jene, die sich exzessiv und systematisch mit fremden Zivilisationen und überhaupt mit dem Fremden befasst hat, die also eine Fähigkeit zur Selbstdistanzierung – oder nur Selbstentfremdung? – zeigt. Sie vermochte oder versuchte es, sich als eine Zivilisation unter anderen zu begreifen; ein Vergleich als Basis dafür, sich alsdann distinkte Attribute wie Rationalität oder Entdeckerlust anzuheften.

Diese Selbstdistanzierungskraft begründet die westliche Erforschung wie auch Eroberung der Welt. Sie steht in Kontrast zu hochbetagten und kaum veränderlichen Kulturen, die sich nie für eine etwaige Andersartigkeit ihrer Nachbarn interessierten; eine Selbstgenügsamkeit, die den ersten Europäern in Indien, in China auffiel. Der Grieche Herodot bleibt der prototypisch okzidentale Historiker, wenn er sowohl die Taten und Verdienste der Griechen als auch der Nicht-Griechen („Barbaren“) getreulich berichten will.

Hinweis auf ein inneres Substanzdefizit

Gerechtes, „objektives“ Wissen: Wer zwischen sich und die Welt einen Abstand setzt, wer nach interessenfreier Erkenntnis strebt, der erschafft mit Wissenschaft und Technik universelle Mittel – Mittel, die jedem Zweck, jedem Interesse dienen können. Wenn man danach forscht, was heute vom westlichen Lebensstil am weitesten verbreitet ist, dann wohl die Benutzung technischer Geräte, somit auch eine gewisse Organisation der menschlichen Arbeit und wirtschaftlicher Beziehungen. Diese materiell-technische Kultur gilt weltweit als „westlich“. Ein Paradox: Das einzig Spezifische des Westens scheint zu sein, dass er eine nicht spezifisch westliche, daher weltweit adaptierbare Kultur erschaffen hat.

Droit schrieb seinerzeit, westlich leben heiße, „inmitten eines bestimmten Bildungsniveaus, technischer und wissenschaftlicher Kenntnisse und einer Rationalisierung der Welt zu leben, einen Taschenrechner zu nehmen und ingenieursmäßig darauf zu achten, dass der Zug pünktlich kommt“. Es sind die manifesten Aktiva, auch die erfolgreichsten Aktivitäten des Westens: sein konsumtives Glück, seine materiellen Werte.

Die moralischen Werte, vor allem jene individueller Freiheit, hängen mit derselben modern-kapitalistischen Daseinsform zusammen, sind aber defensiv bestimmt. Die Unverletzlichkeit der Person, die Freiheit der Meinung betreffen vulnerable Seiten des Menschseins; es geht um die Abwehr individuellen oder staatlichen Übergriffs.

Dass er heute dem aufstrebenden Globalen Süden mahnend Freiheitsdefizite vorhält, könnte auf das innere Substanzdefizit des Westens selbst deuten: Freiheit ist ihm nicht positiv bestimmt, ist ihm substanziell nur fühlbar in dem, was noch fehlt zum Glück.

Jürgen Große ist Historiker. Soeben erschien „Die Werke der Meister. Kritische Konfessionen“ (Berlin 2026).

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