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Der Libanon – das Land der Zedern, das Land der Bekaa-Ebene, die Obst- und Gemüsekammer der Region, das Land mit so vielen Stätten des Weltkulturerbes. Dieses wunderschöne kleine Land, das sich seit Jahrzehnten im Ausnahmezustand befindet und von Krise zu Krise stürzt, wird nun in einer Zeit, in der die Menschen zu hoffen gewagt hatten, dass mit der neuen Regierung endlich etwas Normalität, etwas Stabilität und Ruhe in ihren Alltag einkehrt, durch Israel und die Hisbollah in eine weitere Krise gestürzt, die die bisherigen Ausmaße um ein Vielfaches überschreitet.
Am 2. März 2026, zwei Tage nach der Tötung des iranischen Diktators Ali Chamenei, sitze ich gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen des Orient-Instituts Beirut in einem eilig einberufenen Sicherheitstreffen. In den Gesichtern stehen Angst und Müdigkeit. Viele haben in dieser Nacht kaum geschlafen. In der Stadt waren die ganze Nacht Detonationen zu hören.
Die Familien von Ali und Fatima sind aus dem Süden des Landes und den südlichen Vororten von Beirut zu ihnen geflohen. Kinder, Mütter, Alte kamen mit dem, was sie am Leib trugen, im Schlafanzug und mit Hausschuhen. Israel bombardiert ihr Zuhause. Bei Ali sind es mittlerweile 30 Personen, bei Fatima mehr als 20, darunter viele kleine Kinder, die auf engstem Raum zusammenkommen und wieder nicht wissen, wie es weitergehen soll. Fatima hat Tränen in den Augen. Alle haben Angst, alle sind verstört.
Ali ist traurig. Er ist ungefähr 61 Jahre alt, genau weiß er es auch nicht: „Ich kenne mein Leben lang nur Krisen und Krieg und nun schon wieder! Hört das denn niemals auf?“ Hussein weiß nicht mehr, was er seinen Kindern erzählen soll. Schulen und Universitäten sind geschlossen, Flüchtlingsströme blockieren die Straßen, suchen Zuflucht in den Schulen, in Autos, auf der Straße. Über uns die israelischen Drohnen. Nachdem wir in den letzten Jahren schon so lange und oft mit ihnen gelebt haben, dachte ich, ich hätte mich daran gewöhnt. Aber das geht nicht, man gewöhnt sich nie daran.
Wir hatten bis zuletzt gehofft, dass die Hisbollah Israel keinen Vorwand liefern würde, um erneut vollumfänglich in den Libanon einzumarschieren. Seit dem Waffenstillstandsabkommen vom 27. November 2024 hat Israel (bis auf einen einzigen Tag) täglich die Waffenruhe verletzt. Nun ist die Armee bereit für den Einmarsch, auf den sie sich scheinbar seit Monaten vorbereitet, denn tausende Reservisten waren bereits an der Grenze stationiert.

Israels Armee setzt Phosphor und Glyphosat ein
Fast 100 Dörfer haben einen Evakuierungsaufruf von der israelischen Armee bekommen. Dörfer im Süden, die bereits einem Domizid ausgesetzt sind, der systematischen Zerstörung von Wohnraum und sozialer Infrastruktur und einem Ökozid, der mutwilligen Zerstörung der Umwelt. Phosphor und Glyphosat werden von der israelischen Armee eingesetzt. Wie ist das zu rechtfertigen? Vermutet man die Hisbollah auf den Feldern?
Dieses Land ist so klein und es gibt keinen Weg hinaus – auf der einen Seite das Meer in Richtung Zypern, im Norden und Osten Syrien und im Süden, entlang der blauen Linie, Israel. Ich weiß, und das gibt Hoffnung, dass es auch in Israel viele Menschen gibt, die die Politik und die Kriege, die die Regierung führt, aufs Tiefste verabscheuen und missbilligen. Und doch erheben viele Ansprüche auf den Libanon und vermitteln dies bereits den Jüngsten, wie in dem Kinderbuch „Alon und der Libanon“ zu sehen ist.
Es gibt ein YouTube-Video, in dem ein Vater seinem Kind dieses Buch vorliest und mit ihm darüber spricht. Die Prämisse des Kinderbuchs ist ungefähr so: Der israelische Junge Alon wächst in einem Kibbuz in Obergaliläa auf, direkt an der Grenze zum Libanon. Er liebt seinen kleinen Kibbuz, seine Familie und Freunde. Besonders aber liebt Alon die malerische Aussicht auf den Libanon von seinem Schlafzimmerfenster aus. Diese Hügel, die schneebedeckten Berge in der Ferne, dort möchte er hin, dort möchte er sein. Er fragt den Vater: „Ist das unser Wald?“ Der Vater sagt: „Nein, das ist der Libanon, da ist es gefährlich, da darfst du nicht hin, das Land gehört uns noch nicht.“
Wut auf die Hisbollah
Die Menschen in Beirut sind verzweifelt, hilflos und wütend, wütend auf die Hisbollah, die mit ihrem „Vergeltungsschlag“ für Chameneis Tod diesen neuen umfassenden Krieg ausgelöst hat. Diese Menschen sind nicht die Hisbollah, die Hisbollah ist nicht der Libanon – sondern eine militante islamistisch-schiitische Partei, die vom iranischen Regime finanziert und gesteuert wird. Skrupellos, gefährlich, egoistisch. Die Wut auf sie ist hier in Beirut ebenso groß wie die Angst und die Sorge vor dem, was nun auf das Land und die Menschen zukommen wird.
„Wie können Sie so egoistisch sein und uns das antun?“ – „Sie wissen, dass es ein Himmelfahrtskommando bedeutet!“ – „Sie setzen lieber das Leben, die Sicherheit, die Existenz von tausenden und abertausenden Landsleuten aufs Spiel, anstatt ihr Gesicht zu verlieren.“ Menschen sind für die Hisbollah unwichtig. Eine kleine Minderheit stürzt das Land in einen erneuten verheerenden Krieg. Und diese „Chance“ lässt sich Israel nicht entgehen.
Gehen oder Bleiben?
Mein Mann und ich waren als Vertreterinnen und Vertreter von deutschen Stiftungen oder Organisationen im Ausland, sogenannten Mittlerorganisationen, im Libanon. Gerade noch waren wir voller Euphorie, wollten gemeinsam mit einer Schweizer Universität ein Projekt zur Unterstützung von Schulen ins Leben rufen. Wir wollten etwas bewegen, wir wollten versuchen, etwas zu heilen.
Mein Mann und ich haben das Land inzwischen verlassen. Evakuierungsflüge nach Deutschland gibt es nicht, obwohl die Sicherheitsstufen für Ausländer erhöht wurden. Trotzdem, dass wir uns bewegen konnten, ist ein Privileg. Die Menschen im Libanon können dies nur noch begrenzt, ihr Radius ist auf ein paar Quadratmeter reduziert.
Sicher, wir hätten auch bleiben können, auf eigenes Risiko – so wie die junge Studentin und Mitarbeiterin im Institut, Levke. Sie will etwas tun. Für die Geflüchteten und Fliehenden sucht sie nach Wohnraum und versucht, Gelder für Kleidung und Lebensmittel zu organisieren. Sie sagt: „Ich könnte es nicht ertragen, in Deutschland zu sitzen und aus der Ferne hilflos zu beobachten, wie meine Freundinnen und Freunde hier in Beirut Angst haben müssen und nicht wissen, wohin. Ich weiß, in Deutschland kann das niemand verstehen, sie haben Angst um mich. Aber ich kann nicht anders.“
Also rufen sie zum Spenden auf, telefonieren durch die Stadt nach sicheren Unterkünften, helfen in Suppenküchen, packen Essenspakete. Vier Euro am Tag reichen, um eine Person mit dem Allernötigsten zu versorgen. Sie helfen, wo immer Hilfe gebraucht wird.
Sie erhalten eine Bestätigung per E-Mail.
Wie geht es weiter?
Ich sitze im Sonnenschein im Berliner Stadtteil Friedenau. Ich bin in Sicherheit und doch fühle ich mich immer noch gestresst. Ich habe ständig Kopfschmerzen, schlafe schlecht. Bilder und Geräusche aus Beirut in meinen Träumen.
Gestern dachte ich im Halbschlaf: „Oh Gott, es geht schon wieder los, sie schießen wieder!“ Dumpfes Grollen, Donnern war zu hören. Es waren nur die Mülltonnen, die hinten über den Hof gezogen wurden. Sobald ich ein Flugzeug höre, werde ich unruhig. Krieg ist eine unfassbare Ausnahmesituation für den Menschen.
Wenn ich das hier in Deutschland immer noch so körperlich spüre, wie unvorstellbar muss es für alle sein, die nicht das Land verlassen können? Ich bin wütend, verzweifelt, fühle mich hilflos, will irgendetwas tun, ich mag nicht „still“ sein und abwarten. Was ich sicher weiß: Wir werden zurückkehren nach Beirut, um weiter an den Projekten zu arbeiten, zu helfen und vielleicht ein wenig zu „heilen“.

Ashraf, ein Doktorand am Institut, schrieb an eine Freundin: „Es war eine angespannte Woche hier, aber wir sind vorerst in Sicherheit. Meine Mutter, meine Schwester und ihre Kinder wurden mitten in der Nacht nach den ersten Bombenangriffen evakuiert. Wir sind im Moment außerhalb der Zone, aber wir hören und atmen die Zerstörung unserer Heimatstadt ein. Jetzt kümmere ich mich um die Logistik und versuche, alle zu beruhigen. Was für ein Albtraum! Ich war am Wochenende mit meiner Mutter zu Hause. Ich habe Bücher, Fotos und alles, was ich vor dem Vergessen retten wollte, mitgenommen. Ich habe angefangen, mich mit den Bruchstücken meiner selbst abzufinden, die ich in verstreuten Erinnerungen überall auf der Welt zurückgelassen habe. Schließlich gehört das zum Leben dazu: Man lässt hier und da Teile von sich selbst zurück.“
Am 11. März schickt Dina ein Foto in die WhatsApp-Gruppe: Im Haus gegenüber sind Raketen eingeschlagen. Sie schreibt: „Ich dachte, sie wären auf unser Gebäude gefallen, hörte die Flugzeuge und dann die drei Angriffe – unvorstellbar! Ich hatte solche Angst. Jetzt geht es mir etwas besser. Ich packe gerade meine Sachen, aber ich habe keine Ahnung, wohin ich gehen soll.“ Einige Stunden später folgt ein Video, das Soldaten zeigt, die die dritte Rakete, die nicht explodiert ist, abtransportieren.
Dina ist inzwischen in Sicherheit. Morgen früh „treffen“ wir uns alle erneut in einem Online-Meeting, um zu überlegen, wie all denen, die noch im Land sind, konkret geholfen werden kann.


