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Im Sport wollte die DDR zügig an die Spitze. Bei Siegerehrungen sollte ihre „Fahne nicht unentfaltet bleiben“, machte Edith Baumann im Mai 1951 im Zentralkomitee (ZK) der Sozialistischen Einheitspartei Deutschland (SED) vor den internationalen Studentensportspielen klar. Der Sport, so die Funktionärin des ZK-Sekretariats, habe die DDR dabei „würdig zu vertreten“ und ihren „Anschluss an den internationalen Leistungskampf“ herzustellen.
Derlei Ambitionen wurden durch Strukturen wie die Deutsche Hochschule für Körperkultur (DHfK, ab 1950) zur Ausbildung von Sportlehrern und Trainern oder Schulen zur Talentförderung (ab 1952) früh untermauert und ab 1954 durch Beschlüsse des Politbüros auf die Weltspitze ausgerichtet. Denn, so der politische Wille im Machtzentrum der SED, „die Siege unserer Sportler zeugen von der Überlegenheit unserer Arbeiter- und Bauernmacht“.
Baumanns Ehemann war ZK-Mitglied Erich Honecker. Er hatte schon in der Sowjetischen Besatzungszone einen „unpolitischen“ Sport „ganz bewusst“ abgelehnt. Denn die Partei sah darin ein Terrain zur Legitimierung und Durchsetzung ihrer Herrschaft beim Aufbau der DDR, um diese konträr zur ebenso 1949 gegründeten Bundesrepublik als eigenen Staat zu etablieren, was ihren damaligen Ruf nach einer (sozialistischen) Einheit Deutschlands durchaus konterkarierte. Das Kalkül, Siege und Medaillen würden ihr Image aufpolieren, verstärkte sich nach dem Aufstand am 17. Juni 1953 nur noch mehr. Innen- und außenpolitische Motive gingen so Hand in Hand.

Im Februar 1955 gab das ZK-Sekretariat vor, dass „jedes internationale Sporttreffen die Stärke der DDR widerspiegeln und zur Hebung ihres internationalen Ansehens beitragen“ müsse. Wettkämpfe gegen „befreundete Länder“ hatten „ehrenvoll bzw. erfolgreich zu verlaufen“, gegen „kapitalistische Länder“ war „unbedingt der Sieg der Sportler der DDR zu gewährleisten“. Präsident Wilhelm Pieck machte im Juni 1955 Druck: „Jeder Sportler, der an den Start geht, muss sich bewusst sein, dass er für das Ansehen seiner Heimat kämpft.“
Die Inszenierung von Sportlern als Auslandswerbeträger folgte der politischen Großwetterlage. Denn die nach dem Zweiten Weltkrieg in der DDR als alliierte Kontrollmacht agierende Sowjetunion gewährte ihr 1955 erste außenpolitische Luft zum Atmen, indem sie ihr formal ihre Souveränität zugestand und ihren Beitritt zum Warschauer Pakt in Reaktion auf den Nato-Eintritt der BRD vorantrieb. Diese drohte mit ihrer Hallstein-Doktrin, die DDR anerkennende Drittstaaten zu sanktionieren oder ihre Beziehungen zu ihnen abzubrechen, um den von ihr erhobenen Anspruch der exklusiven Vertretung Deutschlands durchzusetzen.

Moskaus Präsenz in Nordafrika
Anfangs betraf das die Kontakte anderer Länder zur DDR in von der BRD zunächst als unpolitisch eingestuften Branchen wie Handel und Sport noch nicht. Doch atmosphärisch galt in Bonn der Ausschluss der DDR aus dem Weltsport längst als Pflicht. Dazu kam die westdeutsche Beteiligung am Nato-Exportembargo gegen kommunistische Länder. Da die BRD ab 1952 diplomatische Beziehungen mit Ägypten pflegte, standen solche Dispute auch in Nordafrika im Raum, wo die Sowjetunion seit 1947 aktiv war. Nicht zuletzt, da sich nun die sogenannte Dritte Welt formierte.
Ägypten profilierte sich dabei nach dem Sturz der Monarchie in der ehemaligen britischen Kolonie (1952) als Triebkraft. Moskau stellte daher diplomatische Beziehungen mit Kairo her (wie 1951 mit Libyen und 1956 mit Tunesien, Marokko und dem Sudan). Denn der Kreml stufte neben Kommunismus und Kapitalismus nun auch jene Länder als globalen Machtfaktor ein, die sich zunehmend zwischen Ost- und Westmächten oft ambivalent „blockfrei“ verhielten. Ihre antiimperiale Sicht galt Moskau als Ablehnung westlicher Koalitionen und Kolonialmächte und so als kleinster gemeinsamer weltanschaulicher Nenner, auf dem sich später womöglich sozialistische oder kommunistische Tendenzen in jenen Ländern forcieren ließen.
Südlich des Mittelmeeres hoffte die Sowjetunion auch auf arabisches Öl und die Abwehr westlicher Nato-Einflüsse. In Verstärkung dessen drängte sie ihre Satellitenstaaten im Warschauer Pakt zu mehr Präsenz in Nordafrika. Dort entbrannte im Oktober 1956 zwischen Ägypten und der Allianz aus Israel, Frankreich und Großbritannien die Suez-Krise. Im Schatten dieser Ereignisse näherte sich die DDR Afrika an.

Türöffner Friedensfahrt
Zunächst suchte die DDR nicht die Annäherung an Afrika. Die Parole vom „nationalen Befreiungskampf“ bezog sie noch nicht wie später auf afrikanische Befreiungsorganisationen, sondern „für das ganze deutsche Volk“ auf ihre Rivalität mit der BRD. Erste Bezugspunkte gab es aber: Die Reise des Astronomen Cuno Hoffmeister nach Südwestafrika (heute Namibia) oder die Rückkehr der Kommunistin Ilse Dadoo aus Südafrika in die DDR (1952) waren im Politbüro oder ZK-Sekretariat genauso Thema wie der Besuch einer Regierungsdelegation 1953 in Ägypten. Dort hatte die DDR im sowjetischen Windschatten erste Handelsverträge abgeschlossen und 1954 eine Handelsmission eröffnet.
Dieses Vortasten schloss den Sport ein, da das ZK-Sekretariat im Februar 1955 ebenso festlegte, DDR-Athleten künftig zu Wettkämpfen außerhalb des Warschauer Paktes zu entsenden. Die Kontrolle darüber oblag den ZK-Abteilungen für Internationale Verbindungen und Sicherheitsfragen, die ab August 1955 einen neuen Sektor Sport besaßen. So steuerte die SED jene Wettkämpfe, mit denen sie die Anerkennung der DDR und ihre Aufnahme in weitere (bis dato 21) Weltsportverbände bewerben wollte. Dazu passte im Juni 1955 die Akzeptanz des 1951 gegründeten Nationalen Olympischen Komitees (NOK) der DDR durch das Internationale Olympische Komitee (IOK).
Das schloss zwar Auflagen wie eine ab 1956 gesamtdeutsche Olympiamannschaft ein. Aber über das nun zumindest tolerierte NOK ließen sich neue Netzwerke leichter anbahnen. So starteten bereits im Mai 1955 ägyptische Radsportler bei der international beachteten Friedensfahrt. Kurz danach lud Ägyptens Fußballbund die DDR-Auswahl schon zu einer (hier noch ausbleibenden) Wettkampfreise ein.

Als dann im September 1955 mit Mostafa El-Said der Vizepräsident des ägyptischen NOK die DHfK besuchte, wurden Kontakte zu den Instituten für Körpererziehung in Kairo und Alexandria geknüpft und die Teilnahme Ägyptens am Deutschen Turn- und Sportfest im August 1956 vereinbart. Nach Leipzig kam dann auch NOK-Generalsekretär Ahmed Demerdasch Touny, der fortan für den DDR-Sport ein einflussreicher Verbindungsmann in Afrikas Sport und im IOK war.
Wettkämpfe als Treibstoff
Zu beachten hatte die DDR bei ihrer Suche nach gewichtigen Fürsprechern, dass die Weltverbände im Sport angesichts ihrer Entstehungsgeschichte oft franko- oder anglophil geprägt waren, was nach Afrika ausstrahlte. Kritik etwa an Südafrika, dessen NOK unter britischer Herrschaft 1912 gegründet worden war und das trotz seines Apartheid-Systems der Rassentrennung noch bis 1961 zum Commonwealth gehörte, las man in der damaligen DDR-Sportpresse kaum.
Zugleich suchte sie Kontakte zu jenen Staaten Afrikas, die ihr angesichts sowjetischer Pläne nicht nur politisch genehm erschienen, sondern die nach ihrer Unabhängigkeit schon über ein vom IOK anerkanntes NOK verfügten und so dort die Anliegen der DDR platzieren konnten. Das traf ab 1956/57 auf Ghana, den Sudan, Tunesien und Marokko zu, für die nach ihrer soeben erreichten Souveränität ihre nationale Repräsentation im Weltsport mit Hymne, Flagge und eigener Mannschaft sehr bedeutend war und die so die Interessen der DDR gut nachvollziehen konnten. Zuvor kam dafür in Afrika aber nur Ägypten infrage, weshalb die Sportkontakte dorthin 1956 intensiver wurden.
Den Auftakt machte im Januar 1956 eine DDR-Radsportauswahl, die an der Ägyptenrundfahrt teilnahm und dafür schon damals im Sportzentrum Kienbaum trainierte.
Für Auslandsstarts hatte das Sekretariat des ZK der SED im Februar 1955 betont, dass es dafür „mindestens ein 14-tägiges Abschlusstraining“ zu geben habe. Da „Siege um jeden Preis unserer politischen Zielsetzung völlig zuwiderlaufen, gilt die Devise, erfolgreiches und siegreiches Abschneiden aufgrund guter Vorbereitung und durch besseres Können“ zu erreichen. Oft traten Radstars wie Täve Schur nun in Ägypten an, womit sie in der jährlichen Saisonvorbereitung dem heimatlichen Winter entkamen.

Während im Februar und Juni 1956 Länderkämpfe zwischen der DDR und Ägypten im Feldhockey und Boxen stattfanden, wurde im Mai 1956 mit „Staatstrainer“ Gerhard Gralla erstmals ein DDR-Trainer nach Afrika „delegiert“, um am Nil den Rudersport voranzubringen. Weitere sechs Trainer der DHfK folgten 1957 bis 1959 für Turnen, Volleyball und Leichtathletik. Und im Oktober 1957 führte die Hochschule erstmals eine Fortbildung für ägyptische Sportlehrer durch.
Solch bilaterale Projekte wollte das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten (MfAA) stets in offizielle Staatsverträge mit den Ägyptern einbetten, um die Anerkennung der DDR zu normalisieren. Schon 1956 enthielt daher ein Vertragsentwurf zur Kulturell-Wissenschaftlichen Zusammenarbeit auch den Sport. Doch die Ägypter hüteten sich angesichts der Bonner Hallstein-Doktrin davor, die DDR derart hoffähig zu machen. Die Sportoffensive brachte ihr daher zwar offizielle Wertschätzung ein, führte in Nordafrika jedoch noch nicht zu einem politischen Durchbruch. Erst 1965 stimmte Ägypten einem Abkommen mit der DDR und 1969 ihrer staatlichen Anerkennung zu.

