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Bauhaus: Die DDR und ihr Fremdeln mit der legendären Kunstschule

Dessau feiert die 100. Wiederkehr der Fertigstellung seines Bauhausgebäudes. Die DDR-Führung konnte sich erst spät mit den Idealen der Kunstschule anfreunden.

Stilbildend bis heute: das Bauhausgebäude in Dessau
Stilbildend bis heute: das Bauhausgebäude in DessauJoko/Imago

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Es war Anfang der Fünfzigerjahre, ich war Schüler der dritten Klasse und wir zogen um – aus dem verrußten Zwickau in die beschauliche ostsächsische Kreisstadt Großenhain. Ich versuchte, Fuß zu fassen in der neuen Schule, jedoch bescherte mir mein westsächsischer Migrationshintergrund das eine und andere Adaptionsproblem.

Statt wie gewohnt mit „Glückauf“ zu grüßen, hieß es hier „Guten Tag“, und beim Gedichtvortragen fiel ich mit meinem Unvermögen auf, ein ordentliches „ch“ zu sprechen. Ich sang „Röslein schbrach, isch bresche disch“ und sagte „zeischnen“ statt „zeichnen“. Im Zeichnen selbst, auch im Lesen und Aufsatzschreiben, blieb ich hingegen wie schon in Zwickau unangefochten und gewann so auch hier bald neue Schulfreunde.

Für alle Zeiten im Gedächtnis

Zeichnen und Malen waren meine Leidenschaft, und zu Hause blieb kein leeres Blatt vor mir sicher. Geeignetes Papier für meine Versuche mit Zeichenkohle, Fettstiften, Pastellkreide und Aquarellfarben war damals rar, und so nutzte ich alle im elterlichen Haushalt auffindbaren Ersatzmöglichkeiten.

Eines Tages stieß ich in einer neben Mutters Nähmaschine stehenden Truhe mit Stoffresten, Schnittmuster- und Packpapierbogen ganz unten auf ein dickes Karton-Heft. Die Blätter waren zwar einseitig mit irgendwelchen abstrakten Mustern bedruckt, die freien Rückseiten aber eine willkommene Projektionsfläche für meine bildkünstlerischen Fantasien.

Gerade hatte ich den Wasserfarbenmalkasten auf dem Küchentisch in Position gebracht, da ertönte Mutters Aufschrei hinter meinem Rücken: „Halt! Nicht die Tapetenmappe!“ He? „Tapeten“ sollten das sein, kaum so groß wie Geschirrtücher? Die taugten doch höchstens für die Puppenstube meiner kleinen Schwester. „Junge, das Bauhaustapeten-Musterheft nimmst du nicht zum Bemalen“, bekräftigte Mutter. Das lautmalerische Wort blieb für alle Zeiten in meinem Gedächtnis haften.

Ein Treppenhaus im Bauhausgebäude
Ein Treppenhaus im BauhausgebäudeAlan John Ainsworth/Heritage Images/Imago

Im Schlossmuseum geschah es

Dies war meine erste Begegnung mit dem Bauhaus, das war 1955. In der Schule, im Kunsterziehungsunterricht, hatte und habe ich wie auch später, als ich Anfang der Sechzigerjahre meine pädagogische Berufsausbildung aufnahm, nie etwas davon vernommen. Auch nicht bei einer Stadtführung durch Weimar zu dieser Zeit, wo ich mit Mutter, einer Verehrerin Goethes und seines Umfeldes, eine Sommerurlaubswoche verbrachte. Dort im Schlossmuseum geschah es dann: In einer Art Hinterzimmerkabinett stießen wir zufällig auf eine Ansammlung ungewöhnlicher Gegenstände verschiedener Macharten und Werkstoffe, wie ich sie noch nie gesehen hatte: Zeugnisse des Weimarer Bauhaus-Schaffens.

1965 – ich arbeitete nun als Junglehrer im Landkreis Großenhain – erblickte ich im Schaufenster der städtischen Filiale von Buch und Kunst unter den Neuerscheinungen ein auffälliges Paperback, auf dessen Titel das neu erworbene Wort „Bauhaus“ sogleich die Erinnerung an Weimar und auch an das einstmals mir entzogene „Malbuch“ wachrief.

Es war Lothar Langs „Das Bauhaus 1919–1933. Idee und Wirklichkeit“, herausgegeben vom Zentralinstitut für Formgestaltung Berlin. Ich trug die schwarz-weiß illustrierte Schrift neugierig nach Hause, und unter der Kapitelüberschrift „Produktgestaltung“ stieß ich tatsächlich auch auf Mutters Tapetenmusterheft: „Am bekanntesten sind wahrscheinlich die sogenannten Bauhaus-Tapeten geworden, die die noch heute existierende Hannoversche Tapetenfabrik Gebr. Rasch in Bramsche bei Osnabrück herstellte.“

Ich konnte nicht ahnen, welches Wagnis es seitens des Autors und des Herausgebers bedeutet hatte, dieses Buchprojekt anzupacken. Erst 50 Jahre später sollte ich in einem Gespräch mit dem damals 80 Jahre alten und mir zum Freund gewordenen Berliner Architektur- und Designhistoriker Karl-Heinz Hüter erfahren, dass zur selben Zeit auch dessen Bauhaus-Chronik druckfertig war, es aber noch zehn Jahre brauchen sollte, ehe sie erscheinen durfte: „Das Bauhaus in Weimar“.

Auch von der ersten, so bescheidenen wie mutigen Bauhaus-Ausstellung in der DDR, die 1967 im Dessauer Schloss Georgium gezeigt wurde, bekam ich seinerzeit nichts zu lesen oder zu hören. Die tonangebenden Medien schenkten ihr keine Aufmerksamkeit. Das Land lag fröstelnd immer noch im Schatten des berüchtigten kulturpolitischen 11. Plenums des ZK der SED von 1965, das einen erneuten rabiaten Rundumschlag gegen alles geführt hatte, was nicht der hier postulierten Doktrin vom „sauberen Staat ohne dem Sozialismus fremde, schädliche Tendenzen und Auffassungen“ entsprach.

„Sozialistischer Realismus“ stalinistischer Prägung

Zu diesen beargwöhnten Tendenzen und Auffassungen zählte nach wie vor auch das ideelle und materielle Kulturerbe des Bauhauses. Eine erste vernichtende Partei-Kampagne gegen die berühmteste internationale Kunst- und Gestaltungsschule des 20. Jahrhunderts war bereits eineinhalb Jahrzehnte zuvor, 1951, auf einer Tagung des Zentralkomitees der SED in Berlin mit der sogenannten Formalismusdebatte losgetreten worden. Sie gab den Auftakt zur Indoktrination eines „sozialistischen Realismus“ stalinistischer Prägung in der DDR und „zum Kampf gegen den Formalismus in Kunst und Literatur“, gegen „Kosmopolitismus“ und namentlich gegen den „sogenannten Bauhausstil“.

Das bedeutete zugleich einen Warnschuss über die Häupter jener, die im Geiste des Bauhaus nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Ostdeutschland wieder zu lehren und zu wirken begonnen hatten. An der 1946 in Bauhaus-Nachfolge gegründeten Weimarer „Staatlichen Hochschule für Baukunst und Bildende Künste“ lehrten unter anderem die ehemaligen Bauhäusler Peter Keler, Hans Hoffmann-Lederer, Rudolf Ortner, Emanuel Lindner und Gustav Hassenpflug. An der Hochschule für Bildende Künste Dresden sowie später an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee wirkten Marianne Brandt und Mart Stam; dort zudem Theo Balden, Albert Buske, Heinrich Kilger, Selman Selmanagić und Klaus Wittkugel.

An der Halleschen Burg Giebichenstein waren aus dem Bauhaus-Kreis als Lehrende Friedrich Engemann, Lothar Zitzmann und Walter Funkat tätig. Andere einstige Bauhäusler wirkten in der ostdeutschen Architektur und Industrie oder als freie Künstler. Wer von ihnen auf der Parteikonferenz von 1951 nicht ausdrücklich namentlich in Acht und Bann geriet – so wie der niederländische Sozialist Mart Stam als Rektor in Berlin-Weißensee, der nun sein Büro und die DDR hinter sich lassen musste –, sah in ungläubiger Lähmung alle Bauhaus-Renaissance-Hoffnungen dahinschwinden.

Für die im Lande Gebliebenen hieß es nach 1951, eine lange Epoche der Kompromisse und verdeckter Strategien durchzustehen, um den sozial-funktionalen Bauhaus-Geist Weimars und Dessaus wenigstens „verdeckt“ am Leben zu erhalten.

Die Früchte zeigten sich dann in den Sechziger- bis Siebzigerjahren in Gestalt ostdeutscher Industrieprodukte von hoher funktional-ästhetischer Qualität. Manche unter diesen seriell und über viele Jahre hinweg hergestellten Entwürfen verkauften sich vielfach als Exportgut auch im Westen und gelten heute als Klassiker des DDR-Designs.

Fünfzig Jahre nach jenem 11. Plenum, das erneut eine Abkehr vom Bauhaus markierte, erfuhr ich aus erster Hand, mit welchen Winkelzügen und welcher beharrlichen Sachargumentation darum gerungen werden musste, das Erbe des Bauhauses in der DDR nicht nur zu bewahren, sondern es auch als Impuls für eine zeitgemäße Architektur- und Designausbildung fruchtbar zu machen. Nachzulesen ist dies in meinem Buch „Design Made in GDR – Der Formgestalter MARTIN KELM im Gespräch“ (Das Neue Berlin, 2021).

Ein Trabi vor dem Bauhausgebäude in Dessau
Ein Trabi vor dem Bauhausgebäude in DessauHettrich/Imago

Nach 1945 notdürftig geflickt

Ein demonstrativer Wendepunkt in der DDR-Bauhausrezeption war die 1976 vollzogene „zweite Einweihung“ des 1926 vom Architekten, Bauhausgründer und -direktor Walter Gropius fertiggestellten Bauhausgebäudes in Dessau. Nach seiner Schließung 1932 und der Verdrängung von Lehrenden und Studierenden durch die in der Stadt erstarkten konservativen und nationalsozialistischen Kräfte wurde das Gebäude zunächst zweckentfremdet genutzt, im Krieg schwer beschädigt und nach 1945 nur notdürftig instand gesetzt. Fortan diente es jahrzehntelang als schlichter, baulich entstellter Schulbau.

Erst in den Siebzigerjahren ließ die DDR-Führung in einem großen Kraftakt mit Hinblick auf die bevorstehende fünfzigjährige Existenz des Hauses umfangreiche Investitionen in die Rekonstruktion des Gebäudes fließen.

Mit der festlichen Wiedereröffnung unter Beisein ehemaliger Bauhäusler aus Ost und West machte man jetzt nicht nur international Staat, sondern wurde das Bauhauserbe an sich gar zum Kronzeugen erhoben für die eigene sozialistische Kultur- und Baupolitik: Ihm seien schließlich die „Grundideen für die Lösung der heutigen und künftigen Aufgaben (...) wie der Industrialisierung des Bauwesens“ zu verdanken, so der DDR-Bauminister auf dem Festakt. Was da an Wohnquartieren in Berlin-Marzahn, Jena-Lobeda und Leipzig-Grünau aus dem Boden wachse, sei genau das, was „viele Vertreter des Bauhauses erträumten, das aber nur im realen Sozialismus zu verwirklichen ist“.

Zu dieser Zeit lernte ich auf der journalistischen Suche nach noch lebenden Zeitzeugen des Bauhaus in meiner Geburtsstadt Zwickau auch den freien Künstler Albert Hennig kennen, Jahrgang 1907 und als junger Betonbauer und begabter Amateurfotograf 1932 in Dessau immatrikuliert.

Gleich nach 1945 hatte er den Zwickauer „Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“ sowie eine Künstlergruppe mitgegründet. 1952 riss auch ihm das Formalismus-Verdikt Pinsel und Palette aus der Hand und ließ ihn bis zum Rentenalter 1972 als Betonbauer daran mitarbeiten, was nach Lesart des Neuen Deutschland „viele Vertreter des Bauhauses erträumten“.

Ich lernte ihn nicht als verdrossenen, gebrochenen Mann kennen. Er malte wieder und hinterließ nach seinem Tode im Jahr 1998 der Stadt Zwickau ein umfangreiches, durch und durch lebensbejahendes Werk. Die Hinterlassenschaft der Wohn-Betonriegel am Mulde-Ufer aus den Siebzigerjahren, die seither den Blick auf den historischen Stadtkern Zwickaus weitgehend versperren, hat er nicht mitverschuldet.

Verschämt ins Archiv gesteckt

Auch gegen derartige Fehldeutungen der Bauhaus-Ideen richteten sich im wiedereröffneten Dessauer Gropius-Bau alsbald nationale und internationale Architektur- und Designveranstaltungen sowie öffentliche Ausstellungen. Organisiert und finanziert wurden sie vom DDR-Bauministerium und dem staatlichen Amt für industrielle Formgestaltung.

So etwa fanden allein von Mitte der Achtzigerjahre bis Ende 1990 im Hause jährlich circa 50 Entwurfsseminare, Workshops, Symposien, Fachtagungen und Qualifizierungslehrgänge für Design- und Architekturschaffende statt. Bis zur Eingliederung der ostdeutschen Länder in die BRD.

Mit der Umwandlung der 1996 als Unesco-Weltkulturerbe geadelten Bau-Ikone der Moderne vom „Wissenschaftlich-Kulturellen Zentrum Bauhaus Dessau“ in eine seither leider allzu oft eher mit sich selbst beschäftigte „Stiftung Bauhaus Dessau“ wurde die DDR-Geschichte des Hauses als fremd gebliebenes Kapitel verschämt ins Archiv gesteckt. Sieht man doch gemäß Stiftungsgesetz sich nun eher „der Pflege des Bauhauserbes sowie Förderung der Bauhaus-Idee“ verpflichtet. Auch in den diesjährigen offiziellen Dessauer Rückschauen auf einhundert Jahre Bauhausgebäude erfahren die DDR-Jahrzehnte seines Wiederaufbaus und seiner professionellen Nutzung zwischen 1976 und 1990 nicht die Anerkennung, die ihnen letztlich redlich gebührte.

Günter Höhne, geb. 1943, lebt als Journalist und Buchautor seit 1968 in Berlin. Er arbeitete bei Radio DDR, als Redakteur beim Sonntag und war von 1984 bis 1989 Chefredakteur der DDR-Designfachzeitschrift form+zweck. Nach 1990 erhielt er Publizistik- und Literaturpreise und gibt seit 20 Jahren die Webseite www.industrieform-ddr.de heraus. Im Berliner Verlag am Park erschien Ende 2025 sein jüngstes Buch „Robert Lenz. Architekt zwischen Bauhaus und Planwirtschaft“.

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