Open Source

Mit Egon Krenz in Marburg: „So viel deutsche Geschichte auf hundert Metern findet man selten“

Unser Autor begleitet den ehemaligen Staatschef der DDR zu einem Auftritt nach Hessen. Dabei ist das Rahmenprogramm spannender als die Veranstaltung selbst.

Egon Krenz und Georg Fülberth vor dem Landgrafenschloss in Marburg
Egon Krenz und Georg Fülberth vor dem Landgrafenschloss in MarburgFrank Schumann

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Der Berliner Verlag gibt allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Es war Anfang Februar und die Hänge waren noch weiß. Die Kommunalwahlen in Hessen warfen ihre Schatten in Gestalt politischer Parolen voraus. Diese hingen an den Dorflaternen, und je näher Egon Krenz und ich Marburg kamen, desto größer wurde ihre Zahl.

Nicht nur Lichtmasten wurden zur Willensbekundung benutzt. Auf einen Anhänger war mit schwarzer Farbe gepinselt: „Nie wieder Grüne …“, und auf der Rückseite: „und FDP!“ Vielleicht stand dieser Appell schon seit der letzten Bundestagswahl dort, vielleicht war er neu. Auf jeden Fall verstärkte er das Gefühl einer gewissen Unübersichtlichkeit, wer da alles am 15. März um ein Mandat kämpfte.

In der Universitätsstadt an der Lahn, dem Ziel unserer Reise, waren es 14 Parteien und Wählergruppen. Um die 59 Sitze in der Stadtverordnetenversammlung bewarben sich auch die Marburger Linke und die Partei Die Linke. Die einstige Fraktion hatte sich zerlegt, um nun gegeneinander für Stimmen zu werben. Andere Gruppierungen, etwa Piraten oder DKP, hatten sich in Bündnisse eingereiht. Das BSW trat nicht an. In ganz Hessen reichte das Personal nur für Bewerbungen in 14 Städten und Gemeinden.

Egon Krenz, ehemals SED-Generalsekretär und Staatsratsvorsitzender der DDR, war zu „Lesung und Gespräch über seine Autobiographie“ (Marburger Magazin Express) ins Technologie- und Tagungszentrum (TTZ) der Stadtwerke gebeten worden. Eingeladen hatte Georg Fülberth, der an der hiesigen Philipps-Universität gelehrt und geforscht hatte, ein bundesweit bekannter Politikwissenschaftler und Historiker, einst enger Mitarbeiter von Wolfgang Abendroth, dem Begründer der marxistischen Marburger Schule der Politikwissenschaft.

Egon Krenz und Georg Fülberth in der Elisabethkirche
Egon Krenz und Georg Fülberth in der ElisabethkircheFrank Schumann

Klar in der Rede, offen und ehrlich

Der inzwischen 86-jährige Fülberth verfolgt die linken Händel nur noch von außen, aber keineswegs teilnahmslos. Anders war seine Einladung an Krenz nicht zu verstehen. Der Zeitzeuge und Akteur deutscher Zweistaatlichkeit könnte mit seinem Blick auf die Vergangenheit aus ostdeutscher Perspektiver vielleicht helfen, die Gegenwart besser zu verstehen.

Der Saal war voll, weit über hundert Marburger waren gekommen. Alles lief normal und gesittet. Lediglich zwei Fragesteller sorgten für eine gewisse Heiterkeit. Eine Frau meldete Widerspruch an, weil Krenz der wahrheitswidrigen Behauptung zweier Bundespräsidenten widersprochen hatte, in Leipzig hätten im Herbst 1989 Panzer rollen sollen, Ärzte seien in der Behandlung von Schusswunden unterwiesen und Leichensäcke bereitgestellt worden. Und Michail Gorbatschow hatte die DDR-Führung zur Besonnenheit ermahnen müssen.

Krenz wusste es – er war dabei. Die junge Frau wusste es jedoch besser. Sie habe Zeitungen und Bücher gelesen und viele Filme darüber gesehen, sagte sie. So auch jener Mann, der Krenz vorhielt: „Was Sie heute hier abgezogen haben, war Geschichtsrevisionismus auf höchstem Niveau.“ Ja, ja.

Über die Veranstaltung ist nichts Spektakuläres zu berichten. Der Nachrichtenwert könnte allenfalls durch Hinzufügung des Alters des Vortragenden aus dem Osten gehoben werden: Krenz wird im März 89 Jahre alt. Nach stundenlanger Fahrt war er aus dem Auto gestiegen und wenig später in die Bütt des TZZ, er war klar in der Rede, offen, ehrlich und bescheiden, logisch in der Argumentation, überzeugend in seinen Antworten. Respekt, sagten einige junge Leute, die sich ein Buch signieren ließen: So alt und noch so fit im Kopf …

Die älteste gotische Hallenkirche in Deutschland

Am nächsten Morgen holte uns Fülberth zu einer Stadtbesichtigung ab. Er offenbarte, dass er Krenz absichtsvoll in diesem Hotel einquartiert hatte, um aus der Elisabeth- die Drei-Präsidenten-Straße zu machen. In dem schmucklosen, gelb getünchten Haus zur Linken war nämlich 1895 der Tischler Wilhelm Pieck in die SPD aufgenommen worden, sagte Fülberth zu dessen Nachnachnachfolger an der Spitze der DDR.

„Ich als zweiter Präsident?“ Krenz wiegelte amüsiert ab. Na, na. Und der dritte?

Wir gingen wenige Schritte nach rechts, wo die beiden Türme einer Kirche 80 Meter in den trüben Februarhimmel ragten. Das Gotteshaus wurde, wie wir vernahmen, im 13. Jahrhundert über dem Grab der Landgräfin Elisabeth von Thüringen errichtet. Diese hatte sich Marburg als Witwensitz ausgesucht, wo sie bereits mit 24 Jahren gestorben war. Die Kirche am Rande der Altstadt ist das Wahrzeichen Marburgs und die älteste rein gotische Hallenkirche in Deutschland. Gebaut vom Deutschen Orden, der während des Dritten Kreuzzuges gen Jerusalem gegründet worden war. Dieser verfügte im hessischen Marburg über eine Ballei, eine Ordensprovinz.

Der Deutschorden hatte bekanntlich einen starken Drang nach Osten. Mit Kreuz und Schwert unterwarf er sich das Siedlungsgebiet der Prußen, der Kuren und Esten. Bis Narwa – heute die östlichste Stadt Estlands, an der Grenze zu Russland gelegen – expandierten und missionierten diese unsere Vorfahren bis 1410.

In jenem Jahr im Juli kam es bei Tannenberg/Grunwald zu einer offenen Feldschlacht zwischen dem Heer des Deutschen Ordens und der gemeinsamen Streitmacht des Königreichs Polen und des Großfürstentums Litauen. Das Gemetzel kostete einige zehntausend Soldaten das Leben und die Ordensritter den Ruf der Unbesiegbarkeit. Mit dieser Niederlage begann auch der Niedergang des Ordens.

Helmut Kohl bei der Überführung der sterblichen Überreste von Friedrich II. nach Potsdam am 17. August 1991
Helmut Kohl bei der Überführung der sterblichen Überreste von Friedrich II. nach Potsdam am 17. August 1991Zöllner/Imago

Großes Kino in Potsdam

In der nationalistischen Rezeption in Deutschland wurde die „Schmach von 1410“ im August 1914 getilgt, als das kaiserliche deutsche Heer in einer Kesselschlacht bei Tannenberg in Ostpreußen die 2. Russische Armee vernichtete. Der Oberkommandierende hieß Paul von Hindenburg. 13 Jahre später wurde an jenem Ort eine bombastische Kultstätte eingeweiht – vom Reichspräsidenten. Das war Paul von Hindenburg und der Erfinder der Dolchstoßlegende. Sie wissen schon: im Felde unbesiegt …

Tannenberg war ideologisch eingebunden in die faschistische Ostexpansion. Bezeichnend der Befehl von SS-Chef Heinrich Himmler zur restlosen Zerstörung Warschaus, „das uns seit 700 Jahren den Osten blockiert und uns seit der ersten Schlacht bei Tannenberg im Wege liegt“. Der Kriegsverbrecher Paul von Hindenburg, der Adolf Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler gemacht hatte und knapp zwei Monate später beim „Tag von Potsdam“ mit einem Staatsakt das Militär mit dem faschistischen Terrorstaat „vermählte“, starb im Jahr darauf und wurde mit großem Getöse und einer Rede des Reichskanzlers Hitler in Tannenberg beigesetzt.

Als sich jedoch die Rote Armee dem Ort näherte, wurden die Gebeine Hindenburgs und seiner Frau Gertrud im Januar 1945 mit einem Schiff ins Reichsgebiet überführt und das Revanchisten-Walhalla in die Luft gejagt, damit es nicht den Bolschewisten in die Hände fiele.

Hitler wies an, die Särge der Hindenburgs sowie die der Preußenkönige Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II. in das Salzbergwerk Bernterode im Eichsfeld zu verbringen und einzumauern. Dort fanden sie im April 1945 die Amerikaner und nahmen sie mit („Operation Bodysnatch“), als sie sich aus Thüringen mit erklecklicher Kriegsbeute zurückzogen.

Warum nun die Särge ausgerechnet ins 200 Kilometer entfernte Marburg gebracht wurden, weiß niemand. Vielleicht, mutmaßte Fülberth, hatte ein kundiger Amerikaner davon Kenntnis, dass in Marburg der Deutsche Orden einst eine Bastion hatte – womit sich gleichsam ein historischer Kreis schloss. Jedenfalls kamen die Särge zunächst ins Marburger Schloss, dann ins Staatsarchiv am Wilhelmsplatz und schließlich im Sommer 1946 an ihren jetzigen Ort in der Nordturmkapelle der Elisabethkirche, passend unter den Wappen der Deutschordensherren.

Die Sarkophage der Preußenkönige wurden 1952 auf Betreiben der Hohenzollern auf deren Stammsitz im schwäbischen Hechingen befördert. Knapp 40 Jahre später, im August 1991, kam Friedrich der Große zurück nach Potsdam. Bundeskanzler Helmut Kohl und das deutsche Fernsehen waren dabei, als der Alte Fritz beziehungsweise das, was von ihm noch übrig war, neben dem Schloss Sanssouci in der Nacht in seine Gruft gesenkt wurde. Großes Kino.

Der Geschichtsprofessor empört sich

Fülberth führte uns in die Elisabethkirche. Eine Frau mit Schildchen am Hals verabschiedete gerade eine Schweizerin, als sie „Herrn Krenz“ erkannte und diesen namentlich im Gotteshaus freundlich willkommen hieß. Oh, sagte sie bedauernd auf Fülberths Frage, das Hindenburg-Grab könnten wir nicht sehen. „Die Kirche wird renoviert.“ Was zutraf.

Überall standen Gerüste und Bretterwände. Ein schwarzer Vorhang versperrte den Blick auf die beiden Grabplatten, diese ungeliebte Hinterlassenschaft, wie wir in dem uns gereichten Begleittext lasen. Die kontroverse Diskussion dauere an. Zunächst, so der Text weiter, sei man damit wenig kritisch umgegangen, „weil der Sieger von Tannenberg gut ins antikommunistische, antiöstliche Klima des Kalten Krieges passte“. „Soldatische Kameradschaften, unter ihnen die der ‚Marburger Jäger‘, nationalistische Verbindungsstudenten und Angehörige der ostpreußischen Landsmannschaft versammelten sich regelmäßig in der Kirche.“

Die Hessische Landeszentrale für politische Bildung erklärte zu Beginn der 20er-Jahre das Grab des Reichspräsidenten gar „zu einem ‚positiven Ort der Demokratiegeschichte‘“, empörte sich Eckart Conze am 26. März 2022 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Conze ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Marburger Universität. Hindenburg, so rief er in Erinnerung, habe seit 1916 an der Spitze der Obersten Heeresleitung gestanden, er war „maßgeblich dafür verantwortlich, dass der Erste Weltkrieg für Deutschland zum totalen Krieg wurde“.

In der DDR wurden alle nach Hindenburg benannten Straßen und Einrichtungen gleich nach der Gründung umbenannt, sagte Krenz. Und Fülberth: „Die Liste der nach dem kaiserlichen Generalfeldmarschall benannten Straßen und Alleen in der Bundesrepublik ist heute noch immer lang. Es sind knapp hundert.“

Einen Hindenburgdamm gibt es auch in Berlin, im Westteil der Hauptstadt ...

Wie stiegen ins Auto und ließen Marburg im Regen zurück. Drei Präsidenten in einer Straße. Krenz schüttelte den Kopf. „Nimm’s nicht persönlich“, sagte ich. Und: „So viel deutsche Geschichte auf hundert Metern findet man selten. Wir gehen souverän mit ihr um.“ Vor uns lagen 800 Kilometer nach Osten.

Frank Schumann ist Verleger des 1990 gegründeten Verlages Edition Ost.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz (CC BY-NC-ND 4.0). Er darf für nichtkommerzielle Zwecke unter Nennung des Autors und der Berliner Zeitung und unter Ausschluss jeglicher Bearbeitung von der Allgemeinheit frei weiterverwendet werden.