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Krenz und der Schießbefehl: Das Dilemma der Hinterher-Besserwisser – eine Replik

Überlegungen, dass DDR-Grenzer polizeiliche statt kriegerische Waffen hätten nutzen sollen, ignorieren die damals existierende Realität, meint unser Autor.

Als Steuermann der Volksmarine musste unser Autor glücklicherweise nie den Schießbefehl ausüben.
Als Steuermann der Volksmarine musste unser Autor glücklicherweise nie den Schießbefehl ausüben.Werner Schulze/imago

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Ich war Anfang 20 und Steuermann. Ich fuhr auf dem Minen-Such- und Räumschiff (MSR) „Wittstock“. Das Schiff lag in Parow bei Stralsund und war Anfang der Siebzigerjahre in der Peenewerft Wolgast gebaut worden, wo wir es übernommen hatten. Im Fischereihafen von Karlshagen machten wir uns einige Wochen damit vertraut, dann legten wir an der Flottenschule „Walter Steffens“ am Strelasund an. An Bord lebten keine drei Dutzend junge Männer, der Kommandant, „der Alte“ genannt, war Oberleutnant und gerade 30.

Zu den Übungen gehörten sogenannte Navigationsbelehrungsfahrten mit Offiziersschülern, die in Stralsund an der Offiziershochschule der Volksmarine ausgebildet wurden. Diese Reisen führten durch den Øresund an Kopenhagen vorbei. Zwischen dem dänischen Helsingør und dem schwedischen Helsingborg ging es dann ins Kattegat, anschließend ins Skagerrak, und wenn dort unsere kaum sechzig Meter lange Nussschale auf den Wogen des Atlantik zu tanzen begann, Geschirr zu Bruch ging und die Mehrheit der Offiziersschüler über der Reling hing, drehten wir wieder um.

Zurück schipperten wir durch den Großen Belt. Beim Leuchtfeuer Kiel drehten wir auf Heimatkurs. Von Bord sah man das Marine-Denkmal in Laboe, das die Nazis 1936 den Weltkriegstoten der Kaiserlichen Marine errichtet hatten. Der Turm, einem Schiffsbug nachempfunden, ragte an die hundert Meter bedrohlich in die Höhe. Noch an Fehmarn und schließlich an Hiddensee vorbei, und schon war man nach mehreren Tagen Seefahrt wieder zu Hause.

Ein Minen-Such- und Räumschiff der Volksmarine
Ein Minen-Such- und Räumschiff der VolksmarineCC BY-SA 3.0/wikimedia commons

Unser Kommandant war wie vom Blitz getroffen

Die drei MSR der Schulschiffbrigade fuhren immer im Verband, unser Schiff war die taktische Nummer 3. Neben meinem Steuerstand lag eine Kalaschnikow, unterladen mit dreißig Schuss. Und ich hatte ferner Befehl, wenn einer von den vor uns in Kiellinie fahrenden Schiffen sprang, sollte ich Kurs auf den Deserteur nehmen.

Die Order war dem Umstand geschuldet, dass wir, sobald freies Gewässer erreicht war, immer Begleitung hatten. Mehrere Schiffe liefen auf Parallelkurs, um „Schiffbrüchige“ aufzunehmen. Es herrschte zwischen den Nato-Marinen erkennbar Arbeitsteilung. In der Nähe der westdeutschen Küste übernahmen Schiffe der Bundesmarine diesen Job, sie wurden abgelöst von den Dänen und schließlich von den Norwegern; einzig die Schweden interessierten sich nicht für uns.

Die Aufmerksamkeit unserer Landsleute aus dem Westen war besonders groß, weshalb sie mitunter uns ziemlich nahe kamen. Einmal beugte sich aus der Nock ein Offizier zu uns herüber, gratulierte unserem Alten zu dessen Geburtstag und warf ein Päckchen Kaffee herüber. André Schreiber, unser Kommandant, hatte tatsächlich Geburtstag, und war wie vom Blitz getroffen. Woher wusste man …? Dann bückte er sich nach dem Kaffee und feuerte ihn zurück.

Natürlich fürchtete man auf den Begleitschiffen keinen Angriff auf ihre Territorialgewässer, sie erwarteten keine Provokationen von unserer Seite – diese blieben ihnen vorbehalten. So fauchten oft, nur wenige Meter über dem Mast, Kampfjets mit Balkenkreuz über unser Schiff hinweg. Sie kamen „aus der Sonne“, weshalb man sie nicht anfliegen sah, was ja auch Sinn der Fliegerübung war. Manchmal gingen die grauen Schiffe längsseits und die Matrosen warfen Leinen und Zigarettenschachteln zu uns herüber. Und einmal, ich sah es von der Brücke, reckten Matrosen auf der Back des westdeutschen Schiffes den Arm zum deutschen Gruß in unsere Richtung …

Die Ostsee war auf dem besten Wege, ein Meer des Friedens zu werden

Das ließ mit dem Voranschreiten der Entspannungspolitik sukzessive nach, die Ostsee war auf dem besten Wege, ein Meer des Friedens zu werden. Man begann gesittet miteinander umzugehen, die kleineren grüßten die größeren Schiffe und tippten die Flagge, und die zivilen Frachter holten, wie es in der christlichen Seefahrt Brauch, ihre Fahne als Erste nieder, wenn sie einem Kriegsschiff begegneten. Das fanden wir besonders amüsant, wenn wir Minuten brauchten, um mit unserem kleinen Kahn an einem Riesenpott vorbeizukommen.

Soldaten der Volksmarine bei der Arbeit auf der Brücke
Soldaten der Volksmarine bei der Arbeit auf der BrückeWerner Sc hulze/imago

Aber dieser Befehl.

Ich hatte Glück. Nie ging einer über Bord. Ich habe ihn nicht ausführen müssen. Später stellte ich mir die Frage, ob ich den Befehl ausgeführt hätte. Ich stelle sie mir noch immer. Und ich rede mir ein, dass ich es nicht getan hätte. Die Antwort ist hypothetisch. Ich weiß nicht, wie ich in einem solchen Moment tatsächlich reagiert hätte. Darum kann ich mich in jeden ehemaligen Grenzer hineinversetzen, der in einer vergleichbaren Situation handeln musste. In den einfachen Soldaten wie in den Offizier.

Grenzer-Chef Klaus-Dieter Baumgarten schrieb in seinen 2008 erschienenen Erinnerungen: „Ich wusste, dass jeder Grenzer bei Dienstantritt hoffte, er möge verschont bleiben von einem Vorkommnis in seinem Abschnitt. Nur wenn nichts geschah, konnte er erleichtert zurückkehren. Wieder ein Tag oder eine Nacht, an der der Kelch an ihm vorübergegangen war. Ich als sein Chef machte ebenfalls drei Kreuze, wenn das Schrillen des Telefons ausblieb, weil Ungeplantes nicht geschehen war.“

In 148 Fällen erfolgte der Einsatz der Schusswaffe

Nebenbei: In den elf Jahren zwischen 1979 und 1989, in denen Generaloberst Baumgarten die Grenztruppen der DDR befehligte, wurden 2905 Personen beim Versuch festgenommen, die Grenze illegal zu überschreiten. In 148 Fällen erfolgte der Einsatz der Schusswaffe, dabei wurden 24 Personen verletzt und 17 getötet. Baumgarten: „Der DDR-Grenzer wollte so wenig wie der BRD-Polizeibeamte einen Menschen vorsätzlich töten.“ Natürlich war/ist jeder Tote ein Toter zu viel, und auch die Entschuldigungen bei den Hinterbliebenen – so ehrlich und aufrichtig sie gemeint waren bzw. sind – machten sie nicht wieder lebendig. Egon Krenz hat sich wiederholt entschuldigt, Baumgarten auch.

Selbst wenn die Kausalkette rational akzeptiert wird, bleibt emotionale Bitterkeit. Die Russen wären nicht nach Berlin gekommen, wenn nicht zuvor unsere Vorfahren bis Moskau marschiert wären. In Jalta hatten die Siegermächte Deutschland in Besatzungszonen aufgeteilt, die nach der bedingungslosen Kapitulation des Nazireiches in Potsdam fixiert wurden. Die Westzonen konstituierten einen eigenen Staat, die Ostzone reagierte darauf mit der Gründung der DDR. Die Bundesrepublik forcierte die Westbindung bis hin zum Beitritt in die Nato. Daraufhin gründete der Osten seinen Warschauer Vertrag mit der DDR.

So war aus der ursprünglichen Demarkationslinie zunächst eine Staatsgrenze und 1955 eine Bündnisgrenze geworden. Dort hatten die jeweiligen Führungsmächte das Sagen, für die Nato die USA und für den Warschauer Vertrag die Sowjetunion. Deshalb mussten 1990 ja auch die vier Siegermächte erst den beiden deutschen Staaten eigenstaatliche Souveränität qua Vertrag zubilligen, damit diese sich überhaupt vereinigen durften. In Moskau!

Soldaten an der Mauer in Görsdorf
Soldaten an der Mauer in GörsdorfWEREK/imago

Die Grenze war eine militärische, darum wurde sie entsprechend gesichert

Über die Bündnisgrenze an Werra und Elbe und das dortige Grenzregime bestimmten bis September 1990 weder Berlin noch Bonn. Alle nachträglichen Diskussionen und Vorschläge, diese Grenze mit polizeilichen Mitteln zu bewachen, zu sichern und zu schützen, sind irrelevant. So erst wieder Michael Günther in der Berliner Zeitung am 23. Juni: „Die Ausrüstung der Grenzer durch polizeiliche statt kriegerische Einsatzmittel ersetzen wie z.B. Schlagwaffen, Schreckschusswaffen oder kleinkalibrige Schusswaffen.“

Solche Überlegungen ignorieren die seinerzeit existierende Realität. Diese Grenze war eine militärische, sie wurde darum auch mit militärischen Mitteln gesichert. Das beschreibt doch das Dilemma der DDR-Führung, die für das Grenzregime nicht nur materiell verantwortlich gemacht worden war.

Als beispielsweise die DDR begann, die auf Weisung aus Moskau angelegten „Erdminensperren“ zu räumen, gab es Ärger. Allein auf einem 75,5 Kilometer langen Grenzabschnitt bei Hildburghausen hatte es zwischen 1973 und 1977 insgesamt 22.996 sogenannte Fehlauslösungen gegeben – Bodenfrost, Wild, Hochwasser, Grenzverletzer. Das nahm Berlin zum Anlass, diese schreckliche Waffe zu beseitigen – denn trotz aller Warnhinweise vor der Grenze blieben sie ein Kriegswerkzeug. Mit den humanistischen Idealen des Sozialismus hatte sie nichts zu tun.

Auf 650 Kilometern sollten alle Erdminen geräumt und die SM-70 (bekannt als „Selbstschussanlage“) abgebaut werden. Generaloberst Fritz Streletz – vor wenigen Wochen erst verstorben, er könnte es bezeugen – wurde in Moskau vorstellig, um im Auftrag der DDR-Führung deren Abrüstungspläne vorzutragen. Marschall der Sowjetunion Kulikow als Oberkommandierender des Warschauer Vertrages und Armeegeneral Gribkow als Chef des Generalstabes der Vereinten Streitkräfte hätten zugehört, aber nicht akzeptiert, hieß es von Beteiligten.

Baumgarten in seinen Erinnerungen: „Auch der mir freundschaftlich verbundene Chef der Grenztruppen der UdSSR, Armeegeneral Matrossow, ein sehr erfahrener Militär, der über Jahrzehnte Verantwortung trug für die 67.000 Kilometer Staatsgrenze der UdSSR, bat mich um eine unverzügliche Konsultation, um – wie er sagte – ‚zu vergleichen, ob die Uhren noch gleich gehen‘. Das heißt, es gab merkliche Irritationen auf sowjetischer Seite.“

Armeegeneral und Verteidigungsminister Heinz Hoffmann (r.) mit Marschall Viktor Kulikow (l.) und dem polnischen Ministerpräsidenten Wojciech Jaruzelski während eines Manövers.
Armeegeneral und Verteidigungsminister Heinz Hoffmann (r.) mit Marschall Viktor Kulikow (l.) und dem polnischen Ministerpräsidenten Wojciech Jaruzelski während eines Manövers.Eastnews/imago

Gorbatschow war mit innenpolitischen Problemen beschäftigt

Der Befehl zum Räumen wurde dennoch von Verteidigungsminister Hoffmann erteilt und bis 31. Juli 1985 auch realisiert. Hier kam der DDR möglicherweise der Umstand zugute, dass der kranke Generalsekretär Tschernenko verstarb und Gorbatschow als sein Nachfolger auch im Amt des Chefs des östlichen Militärpaktes mit gewaltigen innenpolitischen Problemen beschäftigt war.

Eine Einordnung des verordneten Grenzregimes in den historischen Kontext ist keine Rechtfertigung, sondern eine Erklärung. Und Erklärungen fußen auf Fakten, auf nüchternen, nachprüfbaren Fakten und Zusammenhängen. Wenn Krenz diese wieder und wieder erwähnt, ist das kein Mantra, wie Michael Günther meint, kein Ausweichen, sondern Reflex auf das absichtsvolle Verdrängen und die Ignoranz anderer.

Selbstverständlich ist es legitim, Fakten und Vorgänge auch moralisch zu interpretieren. Aber das ist eine andere Ebene. Man kann zum Beispiel Krenz nicht vorhalten, dass er die Realität der ihm bekannten Fakten wiedergibt und ihn zugleich dafür haftbar machen, dass er diese vorgefundene Wirklichkeit, die mit moralischen Maßstäben kritisch beurteilt werden muss, hingenommen, mehr noch: sie nicht verhindert hat.

Moral ist immer auch interessengesteuert, die Wirklichkeit ist objektiv. Diese unzulässige Vermischung führt folglich auch zu den unterschiedlichen Wahrnehmungen der Äußerungen des Zeitzeugen und Buchautors Egon Krenz, die sich auch in den Spalten der Berliner Zeitung wiederfinden. Sein Dilemma: Er musste unter gegebenen Umständen handeln. An unsereinem ging der Kelch vorüber.

Frank Schumann ist Verleger des 1990 gegründeten Verlages Edition Ost.

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