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In den letzten Tagen bin ich mehrfach auf diese oben formulierte Frage gestoßen worden. Einmal im Gespräch mit einer jüngeren Frau, die noch spät in der DDR geboren wurde, heute erfolgreich im Beruf ist und sich über ihre in Heidelberg aufgewachsene Kollegin wunderte. Diese hatte ihr völliges Unverständnis darüber erklärt, dass die jüngere Frau aus Ostdeutschland keine Eigentumswohnung hatte. Die war in ihrer (westdeutschen) Umgebung völlig normal. Man verdient ausreichend und erbt noch. Da wurde meiner jüngeren Bekannten ihre Besonderheit bewusst und sie meinte, die müsse irgendwas mit ihrer Herkunft und Sozialisation in der DDR zu tun haben.
Ein anderer Anstoß der Beschäftigung mit jenem zweiten deutschen Staat kam aus einem Beitrag von Maritta Tkalec in der Berliner Zeitung vom 14. März: „Ein Leben – halb Ost, halb West“. Sie sprach über die Gleichzeitigkeit, in der sich Ost wie West gerade vom Schutzmantel ihrer großen „Paten“, den Russen wie den US-Amerikanern, befreien müssen. Das, schlägt Tkalec vor, sollten wir als Chance auf einen Neustart in Richtung „innere Einheit“ begreifen. Aber dafür ist es wichtig, sich von Schablonen über die DDR zu befreien. Sie war weder nur die „zweite deutsche Diktatur“ noch ein soziales Paradies.
Die DDR als „Dunkeldeutschland“
Wie lassen sich die positiven Erinnerungen vieler an den kleinen deutschen Staat mit dem Bild von Mauer, Stacheldraht und „Stasi“ bei vielen anderen verbinden? Zuerst muss sicher deutlich werden, dass das öffentliche Bild der DDR im heutigen Deutschland eine ideologische Komponente in sich birgt. 1989 hätte sich gezeigt, dass der Westen im Systemwettstreit seit 1917 oder 1945 recht gehabt hat. Und diese ideologische These wurde dann nach 1990 im vereinten Deutschland zelebriert. Der DDR wurde in diesem ideologischen Doppelbild die Rolle von „Dunkeldeutschland“ zugewiesen.
Wie aber kommen wir zu einer adäquaten Geschichte der beiden Deutschländer? Wie kommen wir von den mosaikartigen, vielfältigen Erinnerungen, die im Familienkreis gepflegt werden, zu einem gemeinsamen Bild im kulturellen Gedächtnis aller Deutschen? Vielleicht hilft hier die Erschließung der Literatur der DDR und ihres Sich-Reibens an der Kluft zwischen Herrschaft und Utopie im Sozialismus.
Ein Buch, in dem genau das gelingt, ist vom Germanisten Carsten Gansel geschrieben und trägt den Titel „Ausradiert? Wie die Literatur der DDR verschwand“. Sein Rat: Wir sollten zu den konfliktreichen Etappen der DDR-Geschichte die Werke der DDR-Schriftsteller befragen. Dort, nicht in den heutigen oder damaligen Geschichtsbüchern, ließen sich die authentischen Spuren und Wegzeichen des gelebten Lebens finden.
Dass die DDR und die Politik der deutschen Kommunisten in ihr gescheitert sind, kann nicht infrage gestellt werden. Und die literarische Geschichte der DDR ist eine von „Störfällen“. Gansel hat diesen Ausdruck vom Begriff „Störung“ des Soziologen Niklas Luhmann abgeleitet. Kultur wird von jenem als produktiver Störfaktor in der Gesellschaft betrachtet, der dem Sichtbarmachen des bisher Unsichtbaren dient. Es ist eine Art Selbstbeobachtung, in der Tabus sichtbar und auch überwindbar werden. Die Literatur der DDR war in diesem Sinne häufig „aufstörend“. Sie war der Moment eines Lernprozesses. Die SED-Führung hat die Gelegenheiten zum Lernen meist vertan. Anders aber die lesenden Bürger: Sie trafen beim Lesen auf Anschauungen, die den eigenen Erfahrungen und Hoffnungen mehr entsprachen als die Propaganda in den DDR-Medien und begriffen, dass durch die Schriftsteller etwas in der politischen Praxis Uneingelöstes des sozialistischen Programms bekräftigt wurde.

Stabilisator und Störfaktor zugleich
Gansel schreibt eine Literaturgeschichte der DDR, indem er an diese „Störfälle“ systematisch erinnert. Es handelte sich um „Aufstörungen“, die die Toleranzgrenzen des DDR-Systems überschritten und Tabus sichtbar machten. DDR-Literatur stand dabei durchaus nicht anhaltend in Opposition gegen die Ziele des Staates, sie war Stabilisator und Störfaktor zugleich.
Der Lernprozess vollzog sich entlang von geschichtlichen Einschnitten. Diese waren etwa: der Volksaufstand vom Juni 1953, der XX. Parteitag der KPdSU 1956 und sein Echo in der Intelligenz der DDR, der Mauerbau. Letzterer wurde anfangs von der Hoffnung vieler Künstler auf eine weniger eingeengte Kultur begleitet. Schließlich waren es der Prager Frühling und seine Niederschlagung 1968, welche Spuren im Denken und Hoffen der DDR-Bürger hinterließen. In den 1970er-Jahren dann kerbten die Biermann-Ausbürgerung 1976 und die darauffolgenden Repressalien gegen Künstler sich die literarische und politische Zeit ein.
Die Geschichte der DDR-Literatur wird an Romanen und Erzählungen dargestellt: Der Bitterfelder Weg 1959 wurde von vielen Schriftstellern – u. a. von Brigitte Reimann, Christa Wolf, Werner Bräunig, Erik Neutsch und Karl-Heinz Jakobs – als Hinwendung zur Produktion und dem Alltag der Arbeiter begrüßt. „Bitterfeld“ war auch ein Versuch, ein sozialistisches Modell von einer Industriegesellschaft umzusetzen und zu begreifen, was es für eine Gesellschaft bedeutet, wenn kein Privateigentum mehr existiert. Unter der Überschrift eines Gedichts von Volker Braun („Kommt uns nicht mit Fertigem!“) wird an eine ganze Gruppe von jungen Poeten – u.a. Jochen Laabs, Jurek Becker und Gerti Tetzner – erinnert, die ein gemeinsames Anliegen vertraten, wie Gansel schreibt: „Diese jungen Autorinnen und Autoren wollten – vereinfacht gesagt – mit künstlerischen Mitteln in gesellschaftliche Belange eingreifen, wohl wissend, dass in der DDR etwas Neues in Aussicht gestellt war …“
Die Literatur, die besondere „Störfälle“ produzierte, wird exemplarisch im 6. Kapitel des Buches analysiert: Siegfried Pitschmanns Erzählung „Helden wie wir“ über Arbeiter in „Schwarze Pumpe“, Werner Bräunings „Rummelplatz“ über die Anfangsjahre des VEB Wismut, oder Fritz Rudolf Fries mit seinem Buch „Der Weg nach Oobliadooh“.
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Die Debatte auf Augenhöhe fehlt
Allerdings stießen nicht alle wichtigen Werke der DDR-Literatur auf den offenen Widerstand der staatlichen Kontrolleure. In einem anderen Kapitel beschreibt Gansel in ihrer Zeit anerkannte literarische Werke und breitet dabei die unglaubliche Vielfalt der DDR-Literatur aus – von dokumentarischen und biographischen bis zu phantastischen Erzählungen und der vielseitigen Kinder- und Jugendliteratur. Hier wird besonders deutlich, was Gansel an der heutigen Behandlung der DDR-Literatur und der Erfahrungen der DDR-Bürger im Prozess der deutschen Einheit stört. Es ist ähnlich dem, was Maritta Tkalec feststellt: Zwischen Ost und West fehlt es an einer Debatte auf Augenhöhe, in der die jeweiligen Erfahrungen und Einsichten aus der Geschichte der anderen ernst genommen werden. Wann hat diese Ignoranz gegenüber der DDR-Literatur eigentlich begonnen? Gansels These lautet: Der „deutsch-deutsche Literaturstreit“ war der Ausgangspunkt.
Gansel skizziert unter der Überschrift „‚Ignorieren, disqualifizieren, umschmeicheln‘ – DDR-Literatur in Westdeutschland“ die ganze Geschichte der bundesdeutschen Rezeption. Bis in die 1960er-Jahre wurde die DDR offiziell als Feindesland betrachtet und insofern fand von der Literatur vor allem das Beachtung, was sich kritisch gegenüber dem Staat DDR äußerte. Vor dem Hintergrund der Neuen Ostpolitik Brandts ab 1969 wurde die DDR dann als andersartige moderne Industriegesellschaft begriffen und das Interesse an ihrer Literatur stieg an. Nach 1990 begann dann eine weitere Phase, in der die DDR-Literatur erneut als vorwiegend affirmativ bezeichnet wird. Ihre Autoren werden in die Schubladen „staatstreu“ oder „kritisch“ gesteckt und somit grundsätzlich verkannt. Der „deutsch-deutsche Literaturstreit“ beginnt mit dem Verriss der Erzählung Christa Wolfs „Was bleibt“ durch die Journalisten Ulrich Greiner und Frank Schirrmacher. Er wird über viele Jahre fortgeführt.
Entwertete Erinnerung
Damit ist eine Quelle der Entfremdung der Ostdeutschen von der westdeutschen Erzählung über die DDR erkannt. Mit dem Verdikt über die DDR-Autoren als staatsnah wird die authentische Geschichte sowohl der DDR-Literatur als auch der Gesellschaft DDR verdrängt. Die Erinnerungen der Ostdeutschen, sowohl jener Generationen, die in der DDR sozialisiert worden sind, als auch der später Geborenen, geraten in Widerspruch mit der offiziellen Erinnerung ihres nunmehr gemeinsamen Staates. Die Ostdeutschen werden öffentlich als diktatursozialisiert und demokratieunfähig dargestellt.

Natürlich gibt es die Ostdeutschen nicht als geschlossene Erfahrungs- und Erinnerungsgemeinschaft. Es gibt die, welche in der DDR einen sozialen Aufstieg erlebten, jene, die in ihren Lebenschancen durch bornierte Verhältnisse und Gewalt eingeschränkt waren und das Ende der SED-Herrschaft als Befreiung erlebten. Es gibt jene Ostdeutschen, die nach 1990 berufliche Erfolge erlebten, und jene, die zu Opfern der schwierigen Umstände wurden. Ich gehöre zur ersten Gruppe, ebenso wie Carsten Gansel, Maritta Tkalec und meine anonyme Bekannte aus dem oben erwähnten Gespräch.
Was also war die DDR? Sie war eine Diktatur, aber sie ist darauf nicht zu reduzieren. Sie war eine Gesellschaft, in der nach 1945 versucht wurde, aus den Katastrophen der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts zu lernen. In der DDR wurde den Arbeitern viel Raum gegeben, ihren Kindern wurde anfangs der Bildungsaufstieg ermöglicht. Über die inneren Kämpfe beim Aufbau jenes kleineren deutschen Staates gibt die DDR-Literatur Auskunft. Und vielleicht ist sogar ein Nachdenken über die authentischen Erfahrungen der DDR-Bürger vor 1989 sowie der Ostdeutschen nach 1990 ein Weg, um für heutige Krisen moderner Gesellschaften Lösungsvorschläge zu generieren. Diese Debatte müsste nur zwischen Ost und West gleichberechtigt geführt werden.



