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Dies ist eine kleine Reminiszenz an die gar nicht so unfreie Jazzszene im real existierenden Sozialismus der DDR: Nicht erst, aber deutlicher von der frühen Mitte der Siebzigerjahre bis hin in die Zeit des politischen Herbstes 1989 und darüber hinaus konnte man dort von einer äußerst lebendigen Blues- und Jazzkultur sprechen. Als beredtes Beispiel dafür darf auch Magdeburg gelten.
Hier brodelte und quackerte es nicht nur musikalisch herzerfrischend, sondern unter der Schwelle auch politisch temperierter als in manch anderer ostdeutschen Provinz. Stets von der Staatssicherheit „begleitet“, traf hier die ambitionierte Subkultur eines gebildeten Musikpublikums auf die fröhliche Qualität nationaler und internationaler Jazzgrößen.
Jazz war hier wie überall auf der Welt für viele Konzertbesucher, wenn das Kondenswasser der Posaune in irgendein Cocktailglas tropfte und die Paare wie von Sinnen zu spontanem Beifall oder gar Tanz ansetzten, wenn während der Konzertpause in der sichtnahen Clubküche gerade versehentlich ein Stapel Teller zu Boden gekracht war. Diese Begeisterungsfähigkeit wurde in Magdeburg geradezu gelebt.
Louis Armstrong in der DDR
Im Vorfeld dieser Siebziger- und Achtzigerjahre darf an dieser Stelle zunächst natürlich nicht das Konzert des King of Jazz in der Magdeburger Gieselerhalle unerwähnt bleiben. Louis „Satchmo“ Armstrong hatte sich hier wie etwa in Berlin und Leipzig ein bei Besuchern unvergessenes Stelldichein gegeben, nachdem er zur Verblüffung seiner Entourage auf dem Wege von Berlin nach Magdeburg in einer Genthiner Kneipe auf eigenen Wunsch eine schnöde DDR-Bockwurst mit Kartoffelsalat verzehrte.
Bevor dann seinesgleichen, die Sängerin Jewel Brown sowie Gespielen wie Edward Schoolman oder Tyrie Glenn an der Elbe gefeiert wurden, hatte Satchmo dem gespannten Publikum zunächst nur einmal kurz seine Trompete durch den Vorhang lugen lassen – und die Halle tobte augenblicklich wie ein Hexenkessel.

Wenn später Manfred Krug in einem seiner letzten DDR-Konzerte am 31. Januar 1977 in der Magdeburger Stadthalle „auch jene herzlich“ begrüßte, die „nur dienstlich anwesend sind“, gebar dies deutlichen Beifall und dazu zahlreiche Lacher in jener Zeit des kulturellen Aderlasses Richtung Westen. Stichwort Biermann. Einfach haften bleiben gleichfalls die Auftritte von „Manne“ mit Uschi Brüning mitsamt der Günther-Fischer-Band im legendären und verrauchten „Impro“ am Hasselbachplatz. Die bisweilen schier exotischen Podien großartiger Jazzkonzerte jener bewegten wie bewegenden Zeit an der Mittelelbe lassen Eingeweihte noch heute wehmütig werden. Ein Ausschnitt:
Im Klubhaus der Eisenbahner etwa präparierte Hermann Keller die Saiten seines Flügels mit Metallstücken und gelegentlich auch mit Plastikstücken von schimmligen Quarkbechern des HO-Einzelhandels, bevor er seine experimentellen Soli hinlegte. Keller überschritt dabei bewusst die Grenzen von freiem Jazz und Neuer Musik.
Der kindlich-ungezwungenen, ja eruptiven und jeder konventionellen Norm entledigten Freiheit des Spiels fühlte sich auch einer der Neuväter des westdeutschen Jazz, Peter Brötzmann aus Wuppertal, verpflichtet. Im Saal der Freien Kammerspiele ließ er mit seinem Saxofon nicht nur die Sau, sondern wahrscheinlich auch alle Ferkel gleich mit heraus, sodass man an der Elbe fortan die Maßeinheit von Jazzintensität als „Brötz“ definierte.

Call and Response mit einer Amsel
Mit gefühlt etwa 87 Brötz schien später auch Ernst Ludwig „Luten“ Petrowsky sein Saxofon zu bearbeiten, als im Puppentheater an der Warschauer Straße sich plötzlich eine Amsel durch das geöffnete Fenster an den Klangexperimenten beteiligte. Petrowsky bemerkte dies sehr wohl und ließ sich auf eine Art „Frage-Antwort-Spiel“ mit dem Vogel ein, in das der zunächst verblüffte Bassist Peter Kowald aus Wuppertal später wie selbstverständlich einstieg und damit ein Trio der etwas anderen Art geboren worden war.
Einer, der den nikotin- und alkoholgeschwängerten Dunst Magdeburger Jazz-Locations immer wieder mit expressiven und bis dahin sowohl unge- als auch unerhörten Klängen durchfurchte, war der Dresdner Schlagzeuger und Percussionist Günter „Baby“ Sommer, später Professor an der dortigen Musikhochschule. Im Lokschuppen auf dem Hauptbahnhof bot er den einfahrenden Zügen klanglich Paroli, im Kellertheater der Uni ließ er mit dem Pianisten Uli Gumpert erahnen, was später einmal in das legendäre „Zentralquartett“ münden sollte, und im Puppentheater spannte er sich wie ein Pferd vor sein Schlagwerk, um es nach hinten ausschlagend zu bespielen, was Begeisterungsstürme generierte. Show und professionelle Virtuosität stellten keinen Widerspruch dar.
„Jazz hats!“ oder „Jazz oder nie!“ raunten die Leute auch bei einem der skurrilsten Auswürfe Magdeburger Jazzkultur, als in der Oskar-Linke-Schule an der Diesdorfer Straße Manfred Schulze mit seinem Baritonsaxofon erschien und der Lehrerschaft den Angstschweiß auf die Stirn trieb. Der unvergessene Schulze, der kurze Zeit später seine Karriere bedauerlicherweise wegen Verwirrung beenden musste, hatte dort mit seiner Band das freie Spielen derart bis zum Exzess kultiviert, dass niemand mehr so recht wusste, wo oben und unten, hinten oder vorn war. Die Augen mancher Zuhörer flackerten wie die Glühbirnen der Beleuchtung der Schulaula.
Nur wenig strukturierter ging es zuvor im Hörsaal 5 der Guericke-Universität zu, als der Schwede Sven Ake Johannson mit seinem von allerlei Gongs und Klanghölzern strotzenden Schlagwerk ein wahres Spektakel in die 45-Grad-Achse des studentischen Publikums schmetterte. Dies war jene wundersame Zeit, als ein schieres Meer von grünen Parkas zu gleicher Stunde zum Klubhaus der Stahlgießerei Rothensee pilgerte, um Bluesbands wie Stefan Diestelmann, Engerling, Monokel oder Jürgen Kehrt zu erleben. Sozusagen: Als der Saal gehärtet wurde.
Mit Vibraphon und Geige
Im „Talente“, dem Klubhaus neben dem AMO, spielte die Hannes-Zerbe-Blechband den sanften „Sonntag im Altweibersommer“ und machte Appetit auf Bands wie FEZ und Synopsis, welche Free in Reinkultur zelebrierten. Eine wohltuende Freiheit im Lande der Unfreiheit. Eingeweihte wussten dabei allerdings, dass hinter all dem noch so freien und vermeintlich „verrückten“ Spiel immer mindestens eine musikalische Idee steckte. Die bei diesem oder jenem eben den politischen Trotz anschlug wie der sanfte Schlägel ein Vibrafon. In einem einzigen, rein instrumentalen Stück war mitunter eine ganze Welt zu entdecken. Wenn man es nur wollte. Die Stücke schienen vom Teufelchen persönlich am Kessel entworfen, aber die Achse zum Himmel voller Geigen ließ den Sound zu einem komplexen Brodem verschmelzen, es entstand ein wundersamer, bis in das letzte Fiepen des Sopransaxofons gewollter Kosmos der Klangdichte.
Von einem solchen konnte man auch im Keller des „Exlibris“ unter der Stadtbibliothek sprechen, als sich dort einst die Posaunenbrüder Conny und Johannes Bauer nebst innovativer Zirkular-Atmung zu einem wahren Feuerwerk mit dem herrlich eigenwilligen Saxofonisten Dietrich Diesner emportrieben. Ein anderes Mal holte der exaltierte Gitarrist Joe Sachse den krachenden Schraubenzieher heraus, um dem akademisch daherkommenden Genius Uwe Kropinski zu antworten, und das Ergebnis fiel verblüffend überzeugend aus. Die Zahl der Protagonisten ließe sich noch lange fortsetzen: Even Parker, John Tchicai, Alex von Schlippenbach, Irene Schweizer, Andreas Altenfelder oder die Kühn-Brüder sind nur wenige Beispiele herausragender Könner im europäischen Kontext, die Magdeburg sah und hörte.

