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Potsdams Mitte: Ostdeutsche Städte brauchen auch DDR-Architektur

Jedes Kapitel der Stadtgeschichte sollte auch baulich im Stadtbild präsent sein. Das Interhotel in Brandenburgs Hauptstadt ist hierfür das beste Beispiel.

Über die Zukunft des Hotels Mercure (l.) wird seit Jahren gestritten.
Über die Zukunft des Hotels Mercure (l.) wird seit Jahren gestritten.Ralf Hirschberger/dpa

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


In den dreieinhalb Jahrzehnten nach der Wiedervereinigung hat sich das Erscheinungsbild von ostdeutschen Städten stark verändert. Historische Straßenzüge erstrahlen – oftmals nach aufwendigen Sanierungen – wieder in ihrer alten Schönheit und unzählige moderne Gebäude entstanden neu. Fast unbemerkt verschwanden oft zeitgleich jene Bauten aus den Stadtzentren, welche in den Sechziger- und Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts errichtet wurden. Ein solches Schicksal war auch für das Mercure Hotel Potsdam vorgesehen, das seit 1969 über der heutigen brandenburgischen Landeshauptstadt thront.

Der Abriss des 17 Geschosse hohen Gebäudes war bis vor zehn Jahren ein fester Bestandteil des Sanierungszieles für die Potsdamer Mitte im Bebauungsplan. Doch es ging hierbei nicht nur um die Wiedererrichtung des historischen Lustgartens. Anstelle des intakten Hotels beabsichtigte der SAP-Gründer und Mäzen Hasso Plattner eine Kunsthalle errichten zu lassen, in der Teile seiner Kunstsammlung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollten. Hierfür wollte die Stadt Potsdam das Hotel käuflich erwerben, es dem Erdboden gleichmachen und die dadurch entstandene Fläche Plattner zur Verfügung stellen.

Die Idee des Milliardärs Hasso Plattner, auf dem Grundstück des Hotels Teile seiner Kunstsammlung auszustellen, stieß unter Potsdamern auf Widerstand.
Die Idee des Milliardärs Hasso Plattner, auf dem Grundstück des Hotels Teile seiner Kunstsammlung auszustellen, stieß unter Potsdamern auf Widerstand.Ralf Hirschberger/dpa

Bürgerbegehren gegen den Abriss

Dieses Vorhaben verfügte über eine medienwirksame Zustimmung durch prominente Bewohner der Stadt, wie zum Beispiel Fernsehmoderator Günther Jauch und Modedesigner Wolfgang Joop. Doch viele Potsdamer, insbesondere jene, die bereits in den Siebziger- und Achtzigerjahren in der Stadt lebten, zeigten wenig Begeisterung für dieses Projekt.

Die Initiative Potsdams Mitte neu denken startete ein Bürgerbegehren gegen den Abriss des Hotelhochhauses und sammelte 16.000 Unterschriften. Seit 2016 ist die Beseitigung des Hotels nur noch als Fernziel festgeschrieben, aber noch nicht endgültig aufgegeben. Doch was spricht eigentlich für den Erhalt des 1969 als Interhotel Potsdam eröffneten Hauses?

Jedes Kapitel der Stadtgeschichte sollte auch baulich im Stadtbild präsent sein. Deshalb gehört in die ostdeutschen Stadtzentren auch DDR-Architektur. In Potsdams Innenstadt existiert diese heute kaum noch, sofern man die Wohnimmobilien nicht berücksichtigt. Das ehemalige Interhotel – übrigens auch das erste Hotelhochhaus der DDR – ist ein Zeugnis dieser Bauperiode, wie man es heutzutage nur noch selten findet, denn es verfügt immer noch über seine alte Originalfassade.

Bei anderen DDR-Hotelbauten aus jenen Jahren wurde das äußere Erscheinungsbild komplett verändert. So präsentiert sich zum Beispiel das Hotel Park Inn am Berliner Alexanderplatz, welches 1970 als Hotel Stadt Berlin eröffnet wurde, seit zwanzig Jahren mit einer modernen Glasfront. Doch viele der in den Sechziger- und Siebzigerjahren eröffneten Interhotels der DDR wurden nach der Wende abgerissen.

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Von den Befürwortern des Abrisses dieses sechzig Meter hohen Gebäudes wurde häufig das Argument vorgebracht, dass das Hotel in der historischen Stadtsilhouette störe. Wer Potsdam kennt, weiß: Ein „Preußen-Panorama“ gibt es nicht mehr. Laut der Märkischen Allgemeinen Zeitung vom 13. April 2019 wurden bis 2001 in der gesamten Stadt achtundvierzig Hochhäuser errichtet. Einige von ihnen stehen im Zentrum, mitunter nur wenige Gehminuten vom Mercure Hotel entfernt.

Zum Beispiel ragen vier Punkthochhäuser an der Neustädter Havelbucht, also jene in der unmittelbaren Nähe des Hotels, fünfundvierzig Meter in die Höhe. Ein Hotelabriss würde die aktuelle Silhouette der Stadt nur geringfügig verändern und keinen historischen Zustand wiederherstellen. Außerdem darf nicht vergessen werden, dass viele Menschen ihre Heimatstadt oft auch über ein markantes und hohes Gebäude definieren, welches von mehreren Standorten in der Stadt aus sichtbar ist.

Auch über Leipzig thronen zwei hohe Bauten aus DDR-Zeiten, das City-Hochhaus und das Wintergartenhochhaus. Ihr historischer Wert wurde bereits erkannt. Sie stehen beide unter Denkmalschutz. Ein solcher Status könnte das Potsdamer Mercure Hotel vor dem Abriss bewahren. Brandenburgs Landesamt für Denkmalpflege hat 2021 mit der Prüfung begonnen, ob das Hotel für eine Unterschutzstellung als Denkmal in Frage kommt.

Der Märkischen Allgemeinen Zeitung vom 15. März 2024 war dann zu entnehmen, dass das Mercure Hotel nach umfassender Prüfung nicht zum Denkmal erklärt wird. Daher muss jetzt auf die Vernunft der politischen Entscheidungsträger gehofft werden. Denn es wäre verantwortungslos, mit Steuermitteln ein funktionierendes, geschäftlich erfolgreiches und in den Neunzigerjahren saniertes Hotel zu kaufen, nur um es danach abreißen zu lassen.

Gehören für viele Leipziger zum Stadtbild: das City-Hochhaus und das Wintergartenhochhaus.
Gehören für viele Leipziger zum Stadtbild: das City-Hochhaus und das Wintergartenhochhaus.imago stock&people

Doch für viele der älteren Potsdamer geht es in dieser Frage weniger um finanzielle Vernunft oder Denkmalschutz, sondern vielmehr um ihre eigenen Erinnerungen, die sie mit diesem Haus verbinden. Zu DDR-Zeiten hatte das damalige Interhotel etwas ganz Spezielles zu bieten. Es war mehr als eine begehrte Arbeitsstelle oder ein besonderer Ort zum Essengehen. Das Interhotel war immer auch ein winziges Guckloch in die große, weite Welt. Jene Welt, die dem DDR-Bürger vom Staat vorenthalten wurde.

Nach der Wende veranschaulichte das Haus, wie die Deutsche Einheit auch aussehen kann. Ein französischer Hotelkonzern investierte hier sehr viel Geld und sicherte so ostdeutsche Arbeitsplätze. Seitdem übernachten hier Gäste, um die Stadt zu erkunden. Darunter sind auch zahlreiche Menschen aus Bremen, Bayern oder Hessen, die keine Scheuklappen tragen und den Osten Deutschlands kennenlernen möchten. Warum sollte man für diese Gäste der Stadt nur Sehenswürdigkeiten aus dem 18. und 19. Jahrhundert vorhalten?

Heute sind dreißig Prozent der Einwohner Potsdams nach 1990 geboren. Viele Vertreter dieser Generation haben eine Leidenschaft für Dinge, die älter sind als sie. Manche fahren ein Simson-Moped oder hören gerne Duran-Duran-Schallplatten. Andere mögen Second-Hand-Kleidung. Sie alle scheren sich wenig darum, ob etwas eine DDR- oder BRD-Vergangenheit hat.

In Gesprächen mit jungen Leuten erfährt man oft, dass für sie das sechzig Meter hohe Hotelgebäude weder einen sozialistischen Prestigebau noch eine DDR-Bausünde darstellt. Sie definieren es einfach nur als „Vintage“ oder „Retro“. Es ist also an der Zeit, diesem nicht alltäglichen Gebäude aus DDR-Zeiten in Potsdams Mitte eine Daseinsberechtigung zuzugestehen.

Michael Schönberg, 1968 in Potsdam geboren, absolvierte nach der Schule eine Ausbildung zum Restaurantfachmann. Er arbeitete u.a. bei Hilton, Steigenberger, Westin und Interhotel. Das damalige Interhotel Potsdam erlebte er aber nur als Gast.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

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