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Aktueller denn je: Ursula K. Le Guin und ihre Kurzgeschichte „Die Omelas den Rücken kehren“

Die Utopistin berichtet von einer Gesellschaft, deren Glück auf dem Leid eines einzelnen Kindes beruht. Eine Erzählung aus den Siebzigern mit einer Botschaft für uns alle.

Im 20. Jahrhundert prägte die US-Schriftstellerin Ursula K. Le Guin das Science-Fiction-Genre wie sonst kaum jemand.
Im 20. Jahrhundert prägte die US-Schriftstellerin Ursula K. Le Guin das Science-Fiction-Genre wie sonst kaum jemand.Uncredited/dpa

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Stellen wir uns eine Stadt vor, in der das Glück kein flüchtiger Moment ist, sondern der Dauerzustand. Omelas, die utopische Schöpfung von Ursula K. Le Guin, bietet alles, wonach wir uns heute sehnen: Frieden, Freiheit und pure Lebensfreude. Doch diese Harmonie hat einen Preis.

In einem dunklen, schmutzigen Keller der Stadt muss ein Kind vegetieren – eingesperrt, verwahrlost, ungeliebt. Das ist nicht etwa das hässliche Geheimnis weniger Eingeweihter. Alle wissen Bescheid und tun so, als sei das normal. „Einige von ihnen verstehen warum, andere nicht, aber sie alle begreifen, dass ihr Glück, die Schönheit ihrer Stadt, die Zärtlichkeit ihrer Freundschaften, die Gesundheit ihrer Kinder, (…) sogar die Fülle ihrer Ernte und das freundliche Wetter ihres Himmels vollständig von dem abscheulichen Elend dieses Kindes abhängen.“

Zerstörung als Geschäftsmodell

Heute leben wir in einem globalen Omelas. Unsere „Keller“ sind effizient outgesourct. Sie liegen in den Kobaltminen des Kongo, auf den Müllhalden für unseren Elektroschrott in Ghana, in Bangladeschs fensterlosen Textilfabriken oder in den Flüchtlingslagern an den Außengrenzen Europas. Das Prinzip bleibt stets gleich: Überfluss hier, systemisches Elend dort. Ein Tauschgeschäft, ebenso mies wie profitabel.

Auch die Bürger Omelas erschrecken beim ersten Anblick des Kellerkindes. „Sie starren es an mit angsterfüllten, angeekelten Blicken. Der Futternapf und der Wasserkrug werden hastig gefüllt, die Tür wird verschlossen“, und nach ein paar Dehnübungen des Gewissens wird die Gefangenschaft des Kindes von allen als notwendig akzeptiert. Das Glück der Mehrheit, so lautet das kollektive Urteil, rechtfertigt die Misere des Einzelnen. Wir sind da heute nicht wesentlich origineller.

Schlagzeilen über Ausbeutung indigener Gemeinschaften, Kriege oder Klimakatastrophen erinnern uns inzwischen täglich an die Kellerkinder unserer Gegenwart, erzeugen aber nur noch ein moralisches Räuspern. Weil Arbeitsplätze und Renditen daran hängen, wird aus Unrecht Wirtschaftspolitik und aus Wegsehen staatsmännische Vernunft. So darf Kinderarbeit weiterhin die günstigen Akkus für unsere E-Autos und Smartphones sichern und damit zum Rückgrat unserer „grünen“ und digitalen Wende werden. Man muss die Begriffe nur richtig sortieren, damit das Verbrechen wie Vernunft aussieht. Schuld heißt dann Wettbewerbsfähigkeit. Das ist die eigentliche Kulturleistung unserer Zeit: die sprachliche Trockenlegung des Gewissens.

Empörung im Dauerabo

Seit dem Krieg in Gaza üben wir uns zusätzlich in der Disziplin der routinierten Erschütterung. Was als Schock begann, ist nun Sendeformat. Bilder von zerstörten Städten, verstörten Gesichtern und getöteten Kindern flimmern zwischen Börsenkursen und Bundesliga-Tabelle. Wir diskutieren über „Sicherheitsinteressen“ und „militärische Notwendigkeit“. Die Sprache wird technischer, das Mitgefühl matter, und in unseren Kellern stapeln sich die „Kollateralschäden“ – ein Wort, das klingt, als könne man es von der Steuer absetzen. Es sind die Opfer eines jahrzehntelangen geopolitischen Konflikts, in dem strategische Interessen und Waffenexporte oft schwerer wiegen als humanitäre Völkerrechtsstandards. Wir haben gelernt, damit zu leben, erschreckend gut sogar. So wie die Bürger von Omelas.

Sie besuchen das Kind im Keller gelegentlich, erschrecken pflichtschuldig und kehren dann in ihr perfektes Wohlstandsleben zurück. Genau so funktioniert auch die Dynamik unserer Nachrichtenzyklen: intensive Empörung, Pressekonferenzen, Sondersendungen, Talkshow-Runden, Erschöpfung und Rückkehr zum Tagesgeschäft. Die innere Spannung, die dieser Widerspruch erzeugt, wird so lange analysiert, eingeordnet, relativiert – bis sie kaum noch stört und selbst Gefühle von Skrupel, Scham und Reue ihre Stachel verlieren. „Eine Sache, von der ich weiß, dass es sie in Omelas nicht gibt, ist Schuld“, schrieb Le Guin. Natürlich nicht.

Die Bürger in Omelas lernen, mit dem Leid zu leben – das erinnert an die heutige Gesellschaft.
Die Bürger in Omelas lernen, mit dem Leid zu leben – das erinnert an die heutige Gesellschaft.Emmanuele Contini/imago

Schrecklich gerecht

Die Bürger Omelas trösten sich nämlich mit einer besonders herzlosen Logik: Selbst wenn man das Kind aus dem Keller holen würde, wäre es unfähig zur Freiheit. Zu lange in Einsamkeit gelebt, zu sehr beschädigt. Es würde draußen nicht glücklicher. „Ihre Tränen über die bittere Ungerechtigkeit versiegen, wenn sie beginnen, die schreckliche Gerechtigkeit der Realität zu erkennen und zu akzeptieren.“

Heute heißt das: Würde man Ausbeutungsbetriebe schließen, verlören Kinderarbeiter doch ihr Einkommen. Die ultimative Omelas-Rechtfertigung macht das Opfer im Keller zur „tragischen Notwendigkeit“ für das Überleben des Kindes selbst – eine perfide Verdrehung der Tatsachen. Das kapitalistische System sei einfach zu komplex, um es zu ändern. Die Märkte zu sensibel. Die Grenzpolitik grausam, aber notwendig. Die Armen, die Geflüchteten, die kommenden Generationen – bedauerlich gewiss, aber letztlich nicht zu retten.

Solche Gedanken sind der Mörtel für die Wände unserer Keller, von denen wir immer mehr bauen müssen. Um in einer Welt voller Kriege, zerfallender Ordnungen und ökologischer Kipppunkte handlungsfähig zu bleiben, sperren wir unseren Zorn, unsere Verzweiflung und unser Wissen um die Ungerechtigkeit weg. Nicht aus Bosheit. Aus Pragmatismus, damit sie unser tägliches Funktionieren nicht stören. Wir praktizieren so eine Art moralischer Narkose – dosiert genug, um nicht gefühllos zu wirken, stark genug, um nicht handeln zu müssen.

Die Ästhetik des Leids

Und doch – hier liegt die eigentliche Raffinesse – stumpfen wir nicht völlig ab. Das ist kein Zeichen von Resterampe-Humanismus. Auf Kälte gedeiht einfach kein Glück. Die Bürger von Omelas kennen Mitgefühl, versichert Le Guin. „Es ist die Existenz des Kindes und ihr Wissen um seine Existenz, das die Vornehmheit ihrer Architektur, die Wehmut ihrer Musik, die Tiefgründigkeit ihrer Wissenschaft ermöglicht.“ Das Elend im Keller ist nicht der Makel ihrer Kultur – es ist ihre ästhetische Voraussetzung. Der Minotaurus musste schließlich auch mit Menschenopfern gefüttert werden, damit die griechische Mythologie ihre Helden bekam.

Eine saturierte Gesellschaft ohne moralische Risse und soziale Abgründe liefert keinen Stoff für Tragödien.
Kunst und Kultur werden auf Schmerz gebaut. Mit dem preisgekrönten Foto des brennenden Napalm-Mädchens Kim Phúc sahen die Bewohner Omelas das Kind in ihrem Keller plötzlich auf den Titelseiten ihrer Zeitungen. Ein Bild, das die moralische Rechtfertigung für Krieg für immer hätte zerstören müssen. Die Cover wechselten, das Leben ging weiter, das System blieb unangetastet. Darin liegt vielleicht die verstörendste Pointe: Wir brauchen das Wissen um das Unrecht, um uns selbst als moralische Wesen zu erleben. Nicht, um es zu beenden, sondern um uns trotz allem gut zu fühlen und weiterzumachen wie bisher.

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Die Mitmach-Falle

Im Song „Hotel California“, oft als Allegorie auf den Hedonismus gelesen, benennt der Nachtportier den Zwang dieses Weitermachens. „You can check out any time you like, but you can never leave“. Selten war Pop-Lyrik so nah an der dialektischen Wahrheit.

In Le Guins Text kehren die wenigen Menschen, die den Kompromiss zwischen „fremdem Leid und eigenem Wohlstand“ nicht länger ertragen, Omelas den Rücken. In einer global vernetzten Welt ist das Weggehen komplizierter, da es kaum noch ein „Außerhalb“ gibt. Wer das System verlässt, betritt heute meist nur eine andere Suite desselben Hotels – die Keller bleiben. Selbst radikale Selbstversorger oder vegane Lifestyle-Enthusiasten, die auf dem Lastenrad zum Biomarkt fahren, nutzen immer noch den Asphalt, den das Kapital gegossen hat, und die Flucht in Selbstversorger-Gemeinschaften oder in die „Off-Grid“-Existenz ist meist ein Privileg derer, die zuvor in Omelas genug Kapital angehäuft haben.

Bliebe der radikale Systemwechsel. Anstatt wegzugehen, versuchen Menschen, den Keller zu öffnen.

Le Guins Text impliziert, dass bei einer Befreiung des Kindes der gesamte Glanz von Omelas augenblicklich erlischt. Übertragen auf unsere Gegenwart bedeutete ein sofortiger Stopp aller ausbeuterischen Handelsbeziehungen den Zusammenbruch des Weltwirtschaftssystems und damit der Versorgung von Milliarden Menschen.

Jenseits der Lüge

Was bleibt? Nur das Mühseligste: Omelas nicht verlassen, sondern umbauen. Beziehungen statt Besitz ins Zentrum stellen, Wohlstand neu definieren – und dem Recht Vorrang vor bloßer Empörung geben. Denn Moral ist nett, aber Paragrafen haben Zähne. Gesetze wie das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) oder Urteile internationaler Gerichte zwingen uns dazu, nicht nur einmal kurz in die Kerker zu schauen, sondern die Verantwortung für deren Existenz verbindlich zu übernehmen. Organisationen wie Terre des Hommes oder Forensic Architecture sorgen für rigorose Transparenz und verhelfen den Kindern im Keller zu einer Stimme. So werden sie von einer Zahl, an der man zweifeln, zu Menschen, denen man nicht mehr ausweichen kann. Moralische Integrität liegt nicht im perfekten Leben, sondern im Mut, den Keller nicht länger als Fundament zu akzeptieren.

Le Guin lässt offen, wohin die „Aussteiger“ gehen. Es gibt keine Karte für eine gerechte, hellere Welt, kein fertiges Utopia mit Bio-Siegel, das hinter den Stadtmauern wartet. Nur die Gewissheit, dass das Licht im Keller nicht von allein angeht. Wer es einschaltet, verliert den Schutz der vertrauten Lüge, gewinnt aber die einzige Chance auf echte Freiheit. „Der Ort, zu dem sie gehen, ist für die meisten von uns noch unvorstellbarer als die Stadt des Glücks. Ich kann ihn nicht beschreiben. Möglicherweise existiert er nicht einmal. Doch sie scheinen zu wissen, wohin sie gehen, jene, die Omelas den Rücken kehren.“

Nicole Quint schreibt als freie Reisejournalistin über die Sehnsuchtsorte unserer Zeit – und über den Preis, den andere für unser Glück dort bezahlen.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.