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Beistand hinter Gittern: So sieht der Alltag eines Gefängnisseelsorgers aus

Seit fast 20 Jahren arbeitet Patrick Beirle als katholischer Gefängnisseelsorger. In der JVA Moabit ist er für mehr als 850 Insassen Gesprächspartner und Begleiter.

Seit fast 20 Jahren arbeitet Patrick Beirle als katholischer Gefängnisseelsorger. In der JVA Moabit ist er für mehr als 850 Insassen Gesprächspartner und Begleiter.
Seit fast 20 Jahren arbeitet Patrick Beirle als katholischer Gefängnisseelsorger. In der JVA Moabit ist er für mehr als 850 Insassen Gesprächspartner und Begleiter.Henk Hogerzeil/Berliner Zeitung

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Mit einem großen Schlüssel öffnet Patrick Beirle die Gittertür. Sein Weg zum Büro führt über einen dunklen Gang, in dem Zellen für Untersuchungshäftlinge sind. Von dort gelangt er in den Mittelbau eines der größten Gefängnisse Berlins. Justizvollzugsbeamte laufen umher. Von oben schauen zwei Insassen in das Herz der Justizvollzuganstalt Moabit. Viel Bewegungsfreiraum haben sie sich nicht: Netze und Eisen versperren die Wege.

Beirle wirkt in seinen Jeans und dem langärmeligen Polo, als wäre er ein Besucher, der hier nicht hingehört. Dabei ist er der katholische Gefängnisseelsorger für über 850 Insassen. An fünf Tagen in der Woche und zu den Gottesdiensten am Sonntag ist er im Gefängnis.

Auf dem Weg ist es ruhig und dennoch beklemmend. Die Flure sind in ein dumpfes, künstliches Licht getaucht. Noch zwei Treppen und Beirle erreicht die schwere Holztür der Kapelle. Nebenan im Büro scheint die Sonne herein, das Gefängnis scheint in weiter Ferne zu sein.

Beirles Einrichtung ist schlicht: zwei Tische, eine Kommode, Bücherregale, drei Pflanzen und zwei Sessel für die Gespräche. An der Wand hängt ein großes Bild, darauf zwei Jungen. Durch die Fenster blickt man auf den Innenhof. Dort spielen Insassen Tischtennis.

Beirle bietet Kaffee an. „Sie bekommen es wie die Gefangenen“, sagt er und stellt die Tasse löslichen Kaffee auf den Tisch. Wer möchte, kann sich eine Kerze anzünden.

Was die Arbeit über die Jahre mit ihm macht, gibt Beirle nicht preis.
Was die Arbeit über die Jahre mit ihm macht, gibt Beirle nicht preis.Henk Hogerzeil/Berliner Zeitung

Vom Theologiestudium zur „Knastschule“

Man merkt Beirle die Routine an. Er spricht ruhig und wählt seine Worte mit Bedacht. Über Privates redet er wenig. Aufgewachsen ist er in der Nähe von Nürnberg mit zwei jüngeren Schwestern. Sein Vater war Jurist und die Mutter Apothekerin und Künstlerin. Mit 18 Jahren entschied er sich für ein Theologiestudium in Bamberg. Dort ist er auf den Arbeitskreis „Knast“ aufmerksam geworden und lernte die Arbeit im Gefängnis kennen. Zusammen mit zwei weiteren Studierenden sammelte er erste Erfahrungen in der Jugendanstalt in einem ehemaligen Zisterzienser Kloster in Ebrach. Dort sei er „in die Knastschule gegangen.“

Sein Wunsch in der Gefängnisseelsorge zu arbeiten stand fest. Die ersten Stellen fand er in der JVA Neuruppin-Wulkow und JVA Wriezen in Brandenburg. Der spätere Wechsel nach Berlin ersparte ihm das Pendeln.

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Eine Stunde Urlaub von der Haft

Für die Insassen ist Beirle nicht nur ein einfacher Gesprächspartner. Wenn nötig stellt er auch mal eine Briefmarke, Kaffee oder ein bisschen Tabak bereit. Manche der Insassen sehen in ihm auch einen Freund oder Vaterersatz. Beirle bleibt jedoch ein professionelles Gegenüber. Distanz schafft er auch räumlich: Die Gesprächsstühle sind zwei Meter voneinander entfernt. Er nennt es eine „vertrauensvolle Beziehung auf Zeit“.

Für die Insassen ist Beirle nicht nur ein einfacher Gesprächspartner.
Für die Insassen ist Beirle nicht nur ein einfacher Gesprächspartner.Henk Hogerzeil/Berliner Zeitung

Beirles Fokus liegt auf dem einzelnen Mensch. Die Gründe für die Inhaftierung seiner Gesprächspartner sind ihm in der Regel nicht bekannt. Der Seelsorger wünscht sich jedoch eine kritische Auseinandersetzung, damit die Insassen „persönlich im Leben weiterkommen“. Dabei kann ein Gespräch auch mal wie „eine Stunde Urlaub von der Haft“ sein.

Beirle war lange Zeit Einzelkämpfer. In der JVA Moabit ist das nicht mehr der Fall. Er spricht häufig von „Wir“. Was die Arbeit über die Jahre mit ihm macht, gibt er nicht preis. „Man muss gut für sich sorgen“, sagt er. Ausgleich findet er in der Mediation, beim Kochen oder in der Natur. Einmal im Jahr zieht er sich in eine Berghütte zurück. Vor kurzem hat er eine längere Auszeit genommen und ist sechs Wochen auf dem Jakobsweg gepilgert, um wieder Kraft zu schöpfen.

Diese Kraft benötigt er. Für ihn sei es schwer erträglich, dass so viele Menschen eingesperrt leben müssen: „Das ist keine lebensfördernde Welt.“ Er wisse auch, welchen Anteil er daran habe. Ihm sei es jedoch wichtig, als Seelsorger für alle da zu sein, unabhängig von Konfession oder Religion. Für die Menschen außerhalb der Mauern wünscht er sich mehr Verständnis für seine Gesprächspartner: „Die Grenze zwischen schuldig und unschuldig, die verläuft in jedem Menschen – und nicht entlang der Mauer.“

Sebastian Mauritz ist angehender freier Journalist. Derzeit absolviert er den Journalismus-Lehrgang an der Deutschen Journalisten-Akademie.

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