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Ostberlin, Februar 1970: Eine „Stern-Stunde“ mit zwei West-Reportern und einem verdächtigen Arzt

Das Gespräch mit zwei „Journalisten“ aus Westberlin hält unsere Autorin für einen Streich. Groß dann die Überraschung, als sie einen Blick ins Stern-Magazin wirft.

Annelie Roth in einer Märzausgabe des Magazins Stern im Jahr 1970
Annelie Roth in einer Märzausgabe des Magazins Stern im Jahr 1970Privat

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An einem grauen nasskalten Wintertag im Februar 1970 fuhr ich in die Karl-Marx-Allee, um etwas Wichtiges zu erledigen. Beschwingt lief ich auf den modernen Glas-Beton-Bau zu, einen der besten Schuhläden in Ostberlin. Ich musste mich beeilen, bald würde das Geschäft gegenüber dem Kino International schließen. Es war schon Samstagmittag. Ich hatte mir ein paar Sommersandalen reservieren lassen, todschick, orange mit Blockabsatz, Import, wer weiß woher, und für mich sündhaft teuer. Eigentlich hatte ich nichts Passendes zu diesen Sandalen, aber wir Ostdeutschen mussten zugreifen, wenn es etwas Besonderes gab. Und wir waren erfinderisch im modischen Zusammenstellen unserer Bekleidung.

Fast am Eingang angekommen, hielten mich zwei Männer mittleren Alters auf, adrett angezogen, offensichtlich nicht von „hier“. „Entschuldigung, eine kurze Frage. Sind Sie von hier? Wir sind vom Stern und machen eine Reportage über Ostberlin.“ Verdattert und ärgerlich über diese doofe Anmache, sagte ich schlagfertig: „Und ich bin von der BZA (Berliner Zeitung am Abend, Anm. d. Red.) und habe keine Zeit.“ Schwupp, war ich im Laden verschwunden. Ich kaufte meine Sandalen, blätterte 45 Mark der DDR hin, und verließ glücklich den Laden. Unsere Miete betrug damals 50 Mark, solche Schuhe waren für mich totaler Luxus.

„Wie lebt es sich in Ostberlin?“

Die beiden Männer waren immer noch da, sie hatten auf mich gewartet. Das konnte nicht wahr sein, so etwas gab es doch nicht in Berlin, Hauptstadt der DDR. Oder doch? Ich verdrehte die Augen und versuchte, schnell nach links abzuschwenken. Da standen sie schon links und rechts von mir. Der große mit der dunklen Hornbrille fragte: „Dürfen wir die Schuhe fotografieren, über die Sie sich so freuen?“ Der andere hatte eine große Kamera „schussbereit“ auf mich gerichtet. Angeber, dachte ich, denn so eine Kamera hatte ich noch nie gesehen. Ich wehrte ab und gab meinen eben erworbenen Schatz keinen fremden Augen preis. Ich verstand noch immer nicht, was das Ganze sollte.

Die beiden waren hartnäckig, wichen mir nicht von der Seite, der Große schaffte es nun doch mit Charme und Humor, mich in ein Gespräch zu verwickeln. „Erzählen Sie uns doch bitte ein bisschen über sich. Wie lebt es sich in Ostberlin?“ Er faselte noch mal was von Stern-Reportage und hatte noch viele Fragen. Ich musste lachen, glaubte den beiden kein Wort und ließ mich nun doch auf das kurze Gespräch auf dem Bürgersteig ein. „Na prima geht’s mir, ich mache grad mein Abi und will jetzt nach Hause. Noch was?“ Der andere fotografierte pausenlos. Das amüsierte mich noch viel mehr; ich dachte, der tut nur so. So schnell kann man doch keine Fotos schießen?! Ich hatte eine Pouva Start, das Simpelste, was in der DDR auf dem Markt war. Einfach zu bedienen: Film einlegen, drehen, knipsen, weiterdrehen. Zwölf Schwarz-Weiß-Fotos im quadratischen Format waren das Ergebnis.

Die kultige Pouva Start aus der DDR ist inzwischen ein Sammlerstück.
Die kultige Pouva Start aus der DDR ist inzwischen ein Sammlerstück.Ray van Zeschau/imago

Inzwischen war die Stimmung entspannt, ich fand die beiden Westdeutschen nett und diese Begegnung total spannend. Solche Kontakte waren nicht erwünscht, aber das war mir, als Berliner Göre, schnurzpiepegal. Wir quatschten ja nur. Nun wollte ich aber wirklich nach Hause. „Warten Sie, wir haben noch ein paar Fragen! Dürfen wir Sie auf einen Kaffee einladen?“ Sie schlugen vor, mich in die gegenüberliegende Mokka-Milch-Eisbar einzuladen. Ich sagte Ja und wir kehrten ein.

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Das Gespräch ging am Tresen bei einem Milchshake für 0,45 Pfennig locker weiter, meine beiden Begleiter tranken Kaffee, der eine redete mit mir, der andere fotografierte immer noch unentwegt. Na, von mir aus. Ich war immer noch fest überzeugt, dass die beiden sich mit mir einen originellen Spaß erlaubten. Ganz gentlemanlike wurde die Rechnung von den Herren übernommen.

Zu guter Letzt wurde ich nach meiner Adresse gefragt, weil der Stern mir gern ein Päckchen schicken würde. Hoppla, jetzt wurde ich hellhörig. War doch etwas an dieser wilden Geschichte dran? Nein, niemals würde ich mehr als meinen Vornamen preisgeben. Irgendwie auch schade, denn ein Päckchen aus dem Westen klang doch allzu verlockend. Ich widerstand, verabschiedete mich artig von meinen netten Gesprächspartnern und fuhr nach Hause.

Die Mokka-Milch-Eisbar gehörte zu den beliebtesten Treffpunkten in Ostberlin.
Die Mokka-Milch-Eisbar gehörte zu den beliebtesten Treffpunkten in Ostberlin.H. Blunck/imago

Drei Wochen später musste ich zu unserem Orthopäden, bei dem die ganze Familie in Behandlung war. Ich kannte Dr. St. seit ich klein war. Kompetent, immer freundlich, mit einem unverkennbaren kollernden Lachen; ich ging angstfrei zu jeder Untersuchung.

Diesmal war alles irgendwie anders. Ich meldete mich an und wurde sofort zum Doktor ins Sprechzimmer geführt. Die Sprechstundenhilfe und mein Arzt erwarteten mich mit ernster Miene. Ich solle mich erst einmal setzen. Jetzt wurde mir mulmig: Gab es eine unangenehme Diagnose, musste ich gar ins Krankenhaus? Verkrampft saß ich wenige Sekunden auf meinem Stuhl, die mir wie endlose Minuten vorkamen, und schaute die beiden erwartungsvoll an.

Dr. St. kramte in seinem Schreibtisch und fragte mich: „Na, nun erzähl uns mal, mit wem du vor drei Wochen in der Karl-Marx-Allee Schuhe kaufen warst.“ Ich war so schockiert, dass mir der Mund offenstand, aber kein Ton herauskam. Es ratterte in meinem Kopf: Die Stern-Reporter waren echt. Mein Arzt ein Stasi-Mann? Woher weiß er das? Was passiert jetzt?

„Die Reise nach Ostberlin“ auf der Doppelseite

Das kollernde Lachen von Dr. St. riss mich in die Realität zurück. Warum lachte er so herzlich? Warum guckte die Sprechstundenhilfe so amüsiert? Sie schoben mir eine große bunte Zeitschrift über den Schreibtisch, den neuesten Stern, blätterten einige Seiten um und zeigten lachend auf eine Doppelseite. Da lief ich im Februarmatsch über die Karl-Marx-Allee und lächelte in die Kamera. Die war also doch echt, und die Stern-Reporter ebenso. Groß prangte die Überschrift über der Seite „Die Reise nach Ostberlin“. Völlig verblüfft fragte ich meinen Arzt: „Wie kommen Sie zu der Zeitschrift? Was bedeutet das?“ Immer noch amüsiert klappte er den Stern zu und schob ihn zu mir rüber. „Den kannst du mit nach Hause nehmen. Wusstest du nicht, dass ich hier in Ostberlin praktiziere, aber in Westberlin lebe?“

Nein, das wussten weder ich noch meine Eltern. Darüber sprach man nicht, man tuschelte vielleicht darüber. Zu unserer Familie war nichts durchgedrungen, es war mir auch egal. Ich war unendlich erleichtert, dass es eine so einfache, ungefährliche Erklärung gab, und damit die Geschichte für mich ein aufregendes, aber gutes Ende fand.

Das dachte ich jedenfalls. Aber nein, so schnell war das Mädchen aus Ostberlin in der Westzeitschrift in verschiedenen Amtsstuben nicht vergessen. Die Geschichte klebte noch lange an mir, so wie der süße Milchshake aus der Mokka-Milch-Eisbar. Zunächst wurde ich zum Schuldirektor zitiert: „Können Sie mir bitte erklären, warum ausgerechnet über Sie im Stern berichtet wurde? Sie wissen, was das für Ihr Abitur bedeuten kann?“ In einem langen Gespräch konnte ich glaubhaft versichern, dass ich die beiden Männer zwar als Westdeutsche eingeordnet hatte, aber niemals dachte, dass es echte Reporter sein könnten.

Mit dem Schrecken davongekommen

Was ich nicht wissen konnte: Diese beiden Reporter waren die ersten von vielen folgenden Westkorrespondenten, die ab Anfang 1970 im Zuge der politischen Lockerungen Akkreditierungen für ihre journalistische Arbeit in der DDR bekamen. Mein Schulleiter glaubte mir, verwarnte mich und ich durfte an der Schule bleiben. Ich war mitten im schriftlichen Abitur, das mündliche folgte im Frühjahr. Nicht auszudenken, was es für mich bedeutet hätte, von der Schule geworfen zu werden. Das habe ich auch erst sehr viel später realisiert. Jetzt war ich mit dem Schrecken davongekommen.

In den nächsten Jahren gab es immer mal wieder Situationen, in denen ich zu einem Kadergespräch zitiert oder von der Stasi abgeholt wurde. Jedes Mal kam die Frage: „Was war das eigentlich mit den beiden Stern-Reportern? Haben Sie noch Kontakt zu denen?“ Ehrlichen Herzens konnte ich immer versichern, dass ich mich zwar auf das Gespräch eingelassen und die Einladung zu einem Milchshake angenommen hatte, aber mehr nicht.

Trotzdem: Für mich war und blieb es meine „Stern-Stunde“, die mir für immer in Erinnerung bleiben wird.

Anmerkung: Bei den Reportern handelte es sich um Jörg Andrees Elten (1927–2017) und den Fotografen Michael Ruetz (1940–2024).

Annelie Roth, Dipl.-Kommunikationswirtin im aktiven Ruhestand, mit vielen Interessen und Ehrenämtern.

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