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„Einige Szenen treffen mich wie ein Schlag“ – über Ilker Cataks Film „Gelbe Briefe“

Unser Autor hat in der Türkei die im Siegerfilm der Berlinale geschilderten Prozesse bis hin zu einer Verurteilung selbst erlebt. Der Kinobesuch triggert ihn.

Tansu Biçer übernimmt die männliche Hauptrolle in „Gelbe Briefe“.
Tansu Biçer übernimmt die männliche Hauptrolle in „Gelbe Briefe“.Berlinale

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Der Berliner Verlag gibt allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Über viertausend Menschen sitzen in der Uber Eats Music Hall, als İlker Çataks „Gelbe Briefe“ – frisch ausgezeichnet mit dem Goldenen Bären – über die Leinwand läuft. Ich sitze mitten unter ihnen und merke schnell: Dieser Film trifft mich nicht nur als Zuschauer. Weil ich selbst einen ähnlichen Prozess erlebt habe, treffen mich einige Szenen wie ein Schlag. Ich habe Mühe zu atmen. Im heutigen Sprachgebrauch würde man sagen: Ich bin getriggert.

2016 wurde ich – wie viele andere – in der Türkei angeklagt, weil wir den Text „Wir werden nicht Teil dieses Verbrechens sein“ unterzeichnet hatten. Wir, über zweitausend Akademiker, protestierten gegen die militärischen Operationen in kurdischen Städten – und wurden dafür kriminalisiert.

Meine ehemalige Ehefrau und ich wurden zu jeweils 15 Monaten Haft verurteilt. Sie verlor ihre Stelle an der Universität. Gleichzeitig sahen wir uns mit unseren Kindern und unseren Familien konfrontiert und mussten auch deren Druck aushalten. Am Ende mussten wir uns ein neues Leben in einem anderen Land aufbauen. Vielen anderen erging es ähnlich – wie in der Geschichte des Films.

Eine mutige Produktion

Einen solchen Stoff zu verfilmen, solange die Wunden noch offen sind, und über den es keine gesellschaftliche Einigung gibt, ist riskant. Man kann sowohl den Zorn der Betroffenen als auch den von regierungsnahen Kreisen auf sich ziehen. In diesem Sinne ist es eine mutige Produktion – und allein dafür verdient sie Anerkennung.

Der Film erzählt von der Theaterschauspielerin Derya (Özgü Namal) und dem Akademiker und Dramatiker Aziz (Tansu Biçer). Aus politischen Gründen verlieren sie ihre Arbeit. Danach kämpfen sie darum, ihr Leben neu zu ordnen. Dabei entfernen sie sich nicht nur voneinander, sondern auch von einigen Kollegen.

Die Geschichte der Theaterschauspielerin Derya und des Akademikers Aziz ist die eines sozialen Abstiegs.
Die Geschichte der Theaterschauspielerin Derya und des Akademikers Aziz ist die eines sozialen Abstiegs.Berlinale

„Gelbe Briefe“ wurde vollständig in Deutschland gedreht. Berlin wird zu Ankara, Hamburg zu Istanbul – eine großartige Idee. Orte überlagern sich. Ein Teil der sozialen und kulturellen Realität aus der Türkei wird längst hier gelebt. In Berlin, Köln oder Hamburg kann man sich fühlen, als wäre man in einem Viertel von Istanbul oder Ankara. In Hamburg fahren wir mit der Fähre über den Bosporus. Wir sehen den Berliner Fernsehturm und denken an Ankara. Wir hören den Ruf zum Gebet. Wir nehmen an Demonstrationen teil – unter der Drohung türkischer Polizeigewalt in Berlin.

Solche Erfahrungen mögen manche politische Kreise in Deutschland irritieren. Für viele Migranten sind sie jedoch elementare soziale Netze: Sie schaffen Vertrautheit, Schutzräume und Handlungsmöglichkeiten – nicht als Gegenentwurf zur Gesellschaft, sondern als Teil von ihr.

Eine Geschichte des sozialen Abstiegs

Eines der zentralen Themen des Films ist die Frage, was geschieht, wenn staatliche Gewalt nicht verarbeitet werden kann. Oft beginnen Menschen dann, ihre Konflikte im engsten Umfeld auszutragen. Nachdem Derya und Aziz ihr Einkommen verlieren, müssen sie ihre Wohnung aufgeben und ziehen in Istanbul zu Aziz’ Mutter. Es ist eine Geschichte des sozialen Abstiegs. In dieser angespannten Situation treten auch die gesellschaftlichen Spannungen deutlicher hervor.

Aziz fühlt sich seinem konservativ-nationalistischen Schwager unterlegen. Er wirkt – wie seine Frau sagt – neben ihrem Bruder kleinlaut. Das verweist auf eine breitere gesellschaftliche Stimmung in der Türkei. Aziz bemüht sich, nicht als privilegierter Intellektueller aufzutreten – eine Rolle, die ihm leicht zugeschrieben werden könnte. Der Vorwurf, „das Volk“ zu verachten, ist in der Türkei mit den verschobenen Machtverhältnissen der letzten Jahrzehnte weit verbreitet.

Ganz aus der Luft gegriffen ist dieser Vorwurf nicht. Es gab eine Zeit, in der Frauen mit Kopftuch nicht im Staatsdienst arbeiten durften und ihnen selbst der Zugang zu Universitäten verwehrt wurde. Ich habe erlebt, wie säkulare Milieus – denen auch ich angehöre – religiöse Menschen nicht als ausreichend modern betrachteten und herabwürdigten. Sich wie ein Bürger zweiter Klasse zu fühlen, ist schwer auszuhalten. Der aufgestaute Groll darüber dürfte ein zentraler Faktor für die langanhaltende politische Dominanz Erdoğans gewesen sein – ein Affekt, auf den die Regierung bis heute immer wieder zurückgreift.

Im Gegensatz dazu wirkt Derya deutlich angespannter. Ihr Bruder – und vermutlich auch ihre Familie – sind konservativer. Um ihre Position, ihren Ruhm und ihr kulturelles Kapital nicht zu verlieren, ist sie eher bereit, Kompromisse einzugehen. Diese klassenbezogene Dynamik prägt auch ihren Versuch, wieder Fuß zu fassen.

In einem kleinen Privattheater beginnen sie mit den Proben für ein „mutigeres“ Stück. Für einen Moment kehren sie in ihre alten Rollen zurück: Aziz schreibt und inszeniert, Derya spielt. Doch dann erhält Derya ein Angebot für eine Serie in regierungsnahen Medien. Sie entscheidet sich dafür, löscht ihre oppositionellen Beiträge in den sozialen Medien und nimmt die Rolle in einer eher seichten Fernsehproduktion an.

Der Ausgangspunkt rückt an den Rand

An diesem Punkt beginnt der große Konflikt, der zur Trennung führt. Aziz wirft ihr vor, die gemeinsamen Werte zu verraten und opportunistisch zu handeln. Derya wiederum nennt ihn arrogant und weltfremd. Von Prinzipien allein, sagt sie, könne man nicht leben. Schließlich trennen sich ihre Wege.

In Diyarbakir kommt es am 25. April 2023 zur Konfrontation zwischen demonstrierenden Kurden und der Polizei.
In Diyarbakir kommt es am 25. April 2023 zur Konfrontation zwischen demonstrierenden Kurden und der Polizei.Mehmet Masum Suer/imago

Wir sehen eine Geschichte, die eng mit den Konflikten zwischen konservativen und säkularen Milieus in der Türkei verbunden ist – ebenso mit Klassenlagen und Geschlechterrollen. Was mich jedoch nicht ganz überzeugt, ist die erneute Randstellung des Konflikts um die kurdischen Gebiete.

Die „Hexenjagd“ nach 2016 begann, weil wir gegen die Zerstörung ganzer Stadtviertel in kurdischen Städten, gegen das Ende des Friedensprozesses zwischen Staat und kurdischer Bewegung und gegen massive staatliche Gewalt protestierten. Das war der Ausgangspunkt. Doch bald verschob sich der Fokus: Fragen der akademischen Freiheit traten in den Vordergrund und überlagerten den ursprünglichen Anlass.

In Veranstaltungen in der Türkei wie auch in Deutschland musste ich immer wieder daran erinnern, dass unsere Unterschrift ihren Ursprung in der kurdischen Frage hatte – und in der Gewalt vor Ort. Darin sehe ich etwas Symptomatisches: Dieses Framing schafft eine leichter konsumierbare, weniger konflikthafte Agenda.

Auch im Film erfahren wir nicht genau, warum Aziz und Derya in Schwierigkeiten geraten. Es ist von persönlichen Beleidigungen oder Social-Media-Beiträgen die Rede, während im Hintergrund Fernsehberichte von militärischen Operationen laufen. Die kurdische Figur Rojda sagt: „Solange es euch nicht direkt betroffen hat, habt ihr euch herausgehalten.“ Doch es bleibt bei Andeutungen. Bei den Demonstrationen sehen wir keine Slogans der kurdischen Bewegung, sondern Plakate zur akademischen Freiheit, Regenbogenflaggen oder Solidarität mit Gaza.

Natürlich ist der Film kein Dokumentarfilm und muss historische Ereignisse nicht detailgetreu abbilden. Dennoch hatte ich den Eindruck, dass der Ausgangspunkt erneut an den Rand rückt – zugunsten von Themen, die innerhalb wie außerhalb der Türkei anschlussfähiger sind.

Übertriebene Wut, die konstruiert wirkt

Andererseits erzählt der Film vielleicht gerade von dieser Verschiebung. Weder Derya noch Aziz haben die kurdische Frage ins Zentrum ihres Lebens gestellt; sie waren lange eher still. Eine stärkere Betonung hätte die Geschichte womöglich weniger glaubwürdig gemacht. Kurz gesagt: Mich irritiert, dass der Film den dominanten Rahmen wiederholt, der auch in oppositionellen Milieus bestimmte Themen marginalisiert. Zugleich erscheint mir diese Entscheidung innerhalb der Logik der Figuren nachvollziehbar – vielleicht eines der Risiken, wenn man noch offene Wunden der jüngsten Vergangenheit verhandelt.

Die einzige Szene im Film, die mich nicht überzeugt hat, ist die Auseinandersetzung zwischen Aziz und einigen Kollegen nach der Gerichtsverhandlung. Aziz sagt, er müsse nach Hause zu seinem Kind. Darauf wirft ihm ein Kollege vor: „Du hast nicht in der Straßenakademie unterrichtet“ – einer informellen Lehrinitiative im öffentlichen Raum – „du hast uns allein gelassen.“ Diese konfrontative, übertriebene Wut wirkt auf mich etwas konstruiert.

Gab es unter Akademikern Spannungen und Konflikte? Ja. Doch ihre Ursachen lagen woanders. Der Staat verhängte für dieselbe „Tat“ unterschiedliche Strafen und schuf so zusätzliche Spaltungen. Einige konnten das Land verlassen, andere nicht. Gleichzeitig stellten Länder wie Deutschland Stipendien in Aussicht und brachten Betroffene damit auch in Konkurrenz zueinander. Leid wurde zu einer Kategorie in Anträgen – etwas, das überzeugend dargestellt werden musste, um Förderung zu erhalten. In diesen Verfahren prallten humanitäre Rhetorik und neoliberale Drittmittel-Logik aufeinander.

Mit wechselnden politischen Prioritäten änderte sich zudem, welchen Ländern Aufmerksamkeit galt – viele der Geflüchteten standen später ohne Perspektive da. Kurz gesagt: Konkurrenz um Existenzsicherung, Förderlogiken und politisch gerahmte Opferrollen prägten viele dieser Spannungen. Gleichzeitig gab es auch beeindruckende Beispiele von Solidarität – das möchte ich ausdrücklich erwähnen. Der Film scheint diese Konflikte aufgreifen zu wollen. Doch sie bleiben als theatralischer Wutausbruch stehen. Es ist eine der wenigen Szenen, in denen der Film seine gesellschaftliche Tiefe kurzzeitig einbüßt.

Wie eingangs beschrieben, habe ich das Kino mit starken Emotionen verlassen. Offenbar wirken die Erfahrungen von damals bis heute nach. Der Film ist vielschichtig, erzählt mehrere Geschichten zugleich. Den Preis hat er aus meiner Sicht verdient. Und dennoch: Als jemand, der die letzten neun Jahre in Deutschland verbracht hat, der die bedingungslose Unterstützung der Bundesregierung für Israels Kriege und die Debatten um die Haltung der Berlinale miterlebt hat, kann ich den Gedanken nicht ganz verdrängen: Vielleicht hätte „Gelbe Briefe“ diesen Preis lieber auf einem anderen Festival erhalten sollen.

Sezai Ozan Zeybek ist Kulturgeograph und Buchautor. Zuletzt erschien von ihm „Animals, Justice, and the Politics of Violence: Shared Struggles in Turkey“ (2025).

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.