Im Stadtteil Wedding gründete sich vor 30 Jahren eine Initiative für eine bessere Versorgung Sterbender. Unheilbar Kranke sollten ihr Lebensende zu Hause verbringen können, statt ins Krankenhaus abgeschoben zu werden.
Das Berliner Home-Care-Projekt gilt heute als Wegbereiter der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung, die 2007 in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen aufgenommen wurde. Stephan Putz berichtet über seine Erfahrungen als deutschlandweit erster Arzt, der für die häusliche Versorgung von Sterbenden freigestellt war.
Herr Putz, Sie haben bis zu Ihrer Pensionierung 17 Jahre lang Krebspatienten in ihren letzten Lebenswochen zu Hause versorgt. Gibt es aus Ihrer Zeit als Home-Care-Arzt Fälle, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?
Also ein Fall geht mir heute noch nahe. Ich bin mal im Hochsommer in ein Altenheim in der Lietzenburger Straße gerufen worden. Es waren draußen abends um 18 Uhr immer noch 30 Grad und da lag diese alte Frau im obersten Stock des Heims. Und obwohl die Fenster mit Laken zugehängt waren, kochte die Luft. Die Frau war völlig dehydriert und ich sollte ihr nun Flüssigkeit geben.
Leider bestand dieses arme Wesen nur noch aus Haut und Knochen, es war kaum möglich, ihr subkutan eine Nadel zu legen für eine Infusion. Da habe ich mir eine Kanne Tee kommen lassen und ihr Tröpfchen für Tröpfchen Flüssigkeit auf die Lippen geträufelt. Und irgendwann nach einer Dreiviertelstunde sagte die Frau mit ganz leiser Stimme „Danke“ – es war kaum zu hören. Sie ist noch in derselben Nacht gestorben. Ich kannte sie vorher nicht, aber ich denke immer wieder an diese Frau, so sehr hat sie mich gerührt. Das war einer meiner schönsten und traurigsten Fälle.
Das Schöne und das Traurige daran ist, dass es einer so einfachen Zuwendung bedarf – und dass es dann trotzdem von dem Betrieb drumherum übersehen oder ignoriert wird …
Wenn da nur ein, zwei Pflegerinnen sind, die sich um 30 Patienten kümmern müssen, dann haben die einfach nicht die Zeit. Die rotierten damals im Haus und waren voll damit beschäftigt, auf drei Etagen die Windeln zu wechseln.
Sie haben sich bei den Hausbesuchen viel Zeit genommen. Wenn ich auf die alten Erhebungsbögen schaue, dann waren Sie im Schnitt 30 bis 45 Minuten bei den Patienten …
… und da war noch nicht einmal mit einberechnet, wie oft ich vor der Tür oder draußen am Gartenzaun gestanden habe, weil die Angehörigen noch dieses oder jenes wissen wollten. Ein Hausbesuch von einer halben Stunde war vorgeschrieben, das war die Voraussetzung für die Bezahlung. Mit einer halben Stunde bin ich aber nur selten ausgekommen.
Ich muss da an eine Patientin denken, die hatte ein Mammakarzinom und der ganze Körper war voller Hautmetastasen. Zu ihr kam ein Pfleger, der Pflaster in lauter Schnipsel geschnitten hat, um die vielen wunden Stellen mit Verbandsmaterial abdecken zu können. Damit war er mindestens eine Stunde beschäftigt. Und in dieser Zeit hat die Frau sich mit ihm unterhalten und Witze gemacht. Der Humor der beiden hat mir imponiert, darum habe ich mich gerne dazugesetzt. Ich habe bei meiner Arbeit nur ganz selten auf die Uhr geguckt. Das ist, heute glaube ich; nicht mehr möglich.
Für die Pflegedienste war das damals schon schwierig …
Das ist richtig. Aufgebaut haben wir Home Care mit der Hauskrankenpflege Halensee. Die Leiterin Doris Funck hatte sehr gute Schwestern, auf die konnte ich mich immer verlassen. Krebspatienten zu Hause pflegen geht aber nur bei einer Mischkalkulation. Man braucht auch Einnahmen durch Pflegefälle, die weniger arbeitsintensiv sind. Weil sie die erste Pflegestation dieser Art leitete, hat Doris das nicht rechtzeitig erkannt und ausschließlich Onkologie gemacht. Sie musste dann irgendwann Insolvenz anmelden.
Was haben Sie davon mitbekommen, wie die Sterbenden die Lebenszeit zu Hause genutzt haben?
Das Wichtigste an dieser Lebenszeit war, dass sie einigermaßen schmerzfrei war.
Haben Sie Fälle gehabt, in denen die Schmerztherapie versagt hat?
Es gab schon schwierige Fälle, aber mit einer Morphinpumpe kam man meist an den Schmerz heran. Viele niedergelassene Ärzte verschreiben Tabletten und wenn die Patienten erbrechen oder die Tabletten nicht so nehmen, wie sie sollen, dann gibt es Probleme. Mit der Pumpe kann man die Leute so einstellen, dass sie die meiste Zeit relativ schmerzfrei sind.
Wie oft mussten Sie nachts raus, weil es einen Notfall gab?
Relativ selten. Mit der Zeit bekommt man immer mehr Routine und weiß, wen man wie oft besuchen muss, damit man nicht überraschend nachts gerufen wird.
Hatten Sie auch Patienten, die ganz allein lebten?
Viele. Sehr viele. Aber auch die wollten lieber zu Hause bleiben.
Das ist ein wichtiger Punkt, denn in der Diskussion über die demografische Entwicklung heißt es ja: Die Gesellschaft ist überaltert, es gibt immer mehr Menschen, die allein leben, die müssen alle ins Hospiz …
Na ja, als ich angefangen habe, gab es keine Hospize in Berlin. Ich hab dann selber das Lazarus-Hospiz in der Bernauer Straße mit aufgebaut, weil es schwierig wird mit der Versorgung, wenn jemand ganz allein lebt. Da kann dreimal am Tag die Krankenschwester kommen, aber wenn die abends um zehn Uhr das letzte Mal da war und um elf macht die Patientin in die Windel, dann liegt sie die ganze Nacht in dieser dreckigen Windel und dann kommt es schnell zum Wundliegen.
Trotzdem wollten viele lieber zu Hause bleiben, weil sie Vorbehalte gegen Hospize hatten. Das Problem ist: Wenn du zu Hause bist und niemand sich ständig um dich kümmert, dann vernachlässigst du das Essen, dann vergisst du das Trinken, dann fehlt es an Körperpflege.
Ich kann den Wunsch, trotz alledem zu Hause zu bleiben, gut nachvollziehen. Ich bin ja ein paar Mal mitgefahren. Zu Hause konnten die Leute zum Beispiel weiterrauchen – das konnten sie in der Klinik nicht. Sie hatten ihre Fan-Utensilien von Hertha BSC an der Wand, sie hatten ihre Haustiere – die hätten sie nicht mit ins Krankenhaus nehmen können …
Das stimmt. Haustiere sind für viele Leute sehr wichtig im Leben.
Als es vor 30 Jahren mit Home Care losging, haben Sie einen Job übernommen, für den es keine Stellenbeschreibung gab und kaum Vorbilder. Aber das hat man Ihnen nicht angemerkt. Ich habe immer die Ruhe und Gelassenheit bewundert, die Sie ausgestrahlt haben.
Man kann da nicht hinkommen und noch Unruhe ins Haus bringen. Man kann auch nicht als Herr Doktor da hinkommen. Für die Kranken war ich wie ein Freund: „Ich bin krank und du besuchst mich.“ Ich habe mich immer ans Bett gesetzt, nicht von oben herab den Patienten befragt nach dem Motto: „Wie geht’s uns denn heute?“ Das geht bei diesem Job nicht.
Wir haben noch nicht darüber gesprochen, wie Sie überhaupt zu Home Care gekommen sind.
Ich habe vorher mehrere Jahre in der Strahlentherapie im Virchow-Klinikum gearbeitet. Meine Oberärztin dort war Karin Koch. Von ihr habe ich viel gelernt, was den Umgang mit Menschen angeht. Karin ist mit dem Onkologen Bernd-Rüdiger Suchy verheiratet. Der hat 1988 eine Schwerpunktpraxis in der Genter Straße aufgemacht und ambulante Chemotherapien durchgeführt.
Das ging natürlich nur solange, wie die Kranken die Wohnung verlassen und in die Praxis kommen konnten. Viele von ihnen mussten ganz am Schluss dann doch noch in die Klinik, weil die Schmerztherapie zu Hause nicht gewährleistet war. So kam Bernd auf die Idee mit dem Home-Care-Projekt und hat mich gefragt, ob ich dabei mitmachen will.
Wie oft sind Sie in ihrer Home-Care-Zeit mit dem Wunsch nach Sterbehilfe konfrontiert worden?
Gar nicht. Von Patienten jedenfalls gar nicht, eher schon von Angehörigen. Da kam das Argument „Einem Hund gibt man eine Spritze, warum muss er sich jetzt so quälen?“ Meine Antwort war immer: „Das mache ich nicht.“
Und doch gibt es genug Leute, die unheilbar krebskrank sind oder aus einem anderen Grund am Lebensende sagen: Ich habe genug. Können Sie das nicht verstehen?
Na klar kann ich das verstehen. Ich kann ja nicht von jemandem erwarten, dass er sich quält. Aber es gibt ja noch die palliative Sedierung. Wenn die Leute das nicht wollen, kann man es ihnen ersparen, das Ende bewusst zu erleben. Ich habe mal eine junge Patientin gehabt, die sah aus wie das blühende Leben, aber sie kriegte keine Luft mehr.
Sie hatte zwei Sauerstoffkonzentratoren und hatte panische Angst davor, dass der Strom ausfällt und sie dann erstickt. Das war so furchtbar für sie, dass sie mich angefleht hat: Ich möchte nicht mehr. Wir haben uns mit den Angehörigen und dem Hausarzt beraten und haben dann gesagt: Wir sedieren diese Frau. Das ist eine der legalen Möglichkeiten im Rahmen der Palliativmedizin.
Und wie ist das umgekehrt: Sind Sie oft mit der Erwartung konfrontiert worden, das Leben eines Patienten um jeden Preis zu verlängern?
Zu meiner Zeit hatten wir ziemliche Probleme mit türkischen Familien. Wenn der Vater starb, wollten die immer, dass man ihnen Hoffnung macht nach dem Motto „Das wird schon wieder“. Das war auch für den Patienten belastend, denn der ist ja nicht dumm. Der spürt ja genau, dass es jeden Tag schlechter wird. Dazu kam bei den Älteren noch das Problem, dass man sich mit ihnen nicht auf Deutsch verständigen konnte, sodass zum Beispiel der zehnjährige Enkelsohn übersetzen musste. So etwas funktioniert beim Sterben nun mal gar nicht.
2009 sind Sie vorzeitig in den Ruhestand gegangen. Wie kam es dazu?
Was ich bei den ganzen Begleitungen oft genug erlebt habe, waren Ehepaare, die gesagt hatten: Wenn wir erst mal in Rente sind, dann holen wir alles Mögliche nach. Doch dann wurde einer krank und der andere hat ihn bis zum Tod gepflegt und hatte danach dann keinerlei Lust mehr, irgendwas zu unternehmen.
Deshalb habe ich mit 60 gesagt: „Jetzt genießen wir jeden Tag und verreisen so viel wie es geht.“ Als ich noch gearbeitet habe, konnte ich nie länger als 14 Tage weg und mein Mann Gerrit hatte dasselbe Problem. Der ist Krankenpfleger und musste immer für andere einspringen, weil er keine Kinder hat. Darum war es für uns lange Zeit schwierig, gemeinsam in die Ferien zu fahren.
Kann man alles in allem sagen, dass Ihnen die jahrelange Beschäftigung mit Leiden und Sterben zu einer besseren Lebensqualität verholfen hat? Zu einem bewussteren Umgang mit der Zeit, die wir Normalbürger vor dem Fernseher hocken oder mit den sozialen Medien verdaddeln?
Das kann man so sagen. Aber was meinen Sie, wie oft ich durch die Gegend gefahren bin und die Leute saßen im Sommer draußen auf der Terrasse und ich dachte: Die trinken ihr Bier und ich muss noch da und dort hin und dann war es dunkel, wenn ich nach Hause kam und ich war erledigt. Trotzdem: Ich habe es gern gemacht und ich bereue eigentlich nichts.
Dietmar Jazbinsek ist Soziologe und Journalist. 1993 gehörte er selbst zu den Gründern des Berliner Home-Care-Vereins.
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