Die Diagnose Krebs löst heftige, vielschichtige Gefühle wie Angst, Wut und Trauer aus. Das Erleben der Patientinnen und Patienten, das Können und die Grenzen der Ärztinnen und Ärzte sowie Reaktionen von nicht selbst Betroffenen zeigt die Ausstellung „Da ist etwas. Krebs und Emotionen“ im Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité (Mitte). Fragen an die Kuratorin, die Kultur- und Emotionshistorikerin Anne Schmidt.
Frau Dr. Schmidt, die digitale Ausstellungsfassung für Desktop, Tablet und Smartphone überrascht mit ungewöhnlichen Dynamiken. Was ist anders als bei vielen herkömmlichen virtuellen Ausstellungen?
Eine frühe Online-Ausstellung präsentierte 2002 das Museum of Modern Art in New York. Wenn wir sie uns heute anschauen, haben wir den Eindruck, wir blättern durch einen Ausstellungskatalog im Internet. Damals war diese Präsentation aufsehenerregend. Inzwischen haben sich die technischen Möglichkeiten weiterentwickelt. Wir haben uns für das Format des Scrollytelling entschieden. Dabei handelt es sich um eine multimediale interaktive Erzählform, bei der Texte, Bilder und Videos zu einer Einheit verschmelzen.
Bei der Krebsausstellung signalisiert ein grellgelber Untergrund Aggressivität und Gefahr, darüber sind Gewebestrukturen in Bewegung. Per Zoom ziehen die Bilder in das Geschehen auf dem Bildschirm hinein. Es gibt dezente Soundeffekte wie das Klicken eines Schalters.
Die virtuelle Ausstellung habe ich mit den Grafikerinnen Lilla Hinrichs und Anna Sartorius von eot. essays on typography und Timo Hinze vom Studio Supercomputer entwickelt. Wir wollten Sinnlichkeit und Räumlichkeit im Digitalen inszenieren. Auch das Narrativ der Ausstellung sollte anschaulich sein. User begegnen der Krankheit Krebs in der Ausstellung wie viele Patient:innen: zunächst in der Aufklärung, später im Sprechzimmer des Arztes, dann in Krankenhäusern, in den Behandlungsräumen wie Operationssälen oder Bestrahlungsräumen.
Wer hat sich den Titel „Da ist etwas. Krebs und Emotionen“ ausgedacht? Das ist genau der Satz, der ständig im Zusammenhang mit der Erkrankung fällt.
Das war Thomas Schnalke, er ist der Direktor des Medizinhistorischen Museums der Charité. Die Idee zur Ausstellung hatten er und die Medizin- und Emotionshistorikerin Bettina Hitzer. Sie hat mit ihrem ausgezeichneten Buch „Krebs fühlen“ auch die wissenschaftliche Voraussetzung geschaffen, dass diese Ausstellung realisiert werden konnte.
Bettina Hitzer und Sie sind Emotionshistorikerinnen. Was verbirgt sich dahinter?
Es geht darum, zu erforschen, inwieweit Gefühle die Geschichte beeinflussen. Und inwieweit Gefühle eine Geschichte haben, wie sich ihr Charakter im Verlauf der Geschichte verändert hat. Mit dieser Ausstellung möchten wir etwa zeigen, wie sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts die Erwartungen, was wir fühlen sollen, wenn wir mit Krebs konfrontiert werden, gewandelt haben. Diese Erwartungen haben ja einen Einfluss darauf, wie wir mit unseren Gefühlen umgehen und sie ausdrücken.

Die Ausstellung thematisiert auch, dass sich nach 1945 in beiden deutschen Staaten der Umgang mit Krebs unterschieden hat.
Ein Beispiel, das mir spontan einfällt: In der BRD hielt man länger als in der DDR an konservativen Geschlechterrollen fest. Das war ein Grund, warum im Westen Sterbende länger zu Hause von weiblichen Angehörigen gepflegt werden sollten. Während man im Osten früher mit dem Ausbau von Pflegeheimen begann.
Was sind die Unterschiede zwischen der digitalen und der physischen Ausstellung?
Die physische Ausstellung wird im Virchowschen Präparatesaal gezeigt. Sie ergänzt und erweitert diese Präsentation, in der sich auch Krebspräparate befinden.

Die Interviews mit Patientinnen und Patienten, Angehörigen, Ärzten, Psychologen und Krankenschwestern vor der Kamera sind bewegend. Wie haben Sie Ihre Interviewpartner gefunden?
Die Onkolog:innen und eine Psychoonkologin arbeiten in leitender Funktion an der Charité und haben sofort zugestimmt, als wir sie um ein Interview gebeten haben. Außerdem habe ich Selbsthilfegruppen und Hospize in Berlin angefragt.
Wer sollte sich die Ausstellung anschauen?
Rund viereinhalb Millionen Menschen in Deutschland leben mit einer Krebsdiagnose. Viel mehr Menschen, von den Angehörigen bis zum medizinischen Personal, sind betroffen. Vor allem sie möchten wir ansprechen.
Anschauungen, was man fühlen soll
Wie sollte man sich nach dem Betrachten der Ausstellung fühlen?
Wir wollen mit der Ausstellung zeigen, wie stark unsere Gefühle in Bezug auf Krebs von Normen geprägt sind. Die Anschauungen, was man fühlen soll, wenn man mit Krebs konfrontiert wird, haben sich historisch stark gewandelt.

Kann man das konkretisieren?
Im Nationalsozialismus waren einige Ärzte der Ansicht, dass das Sterben – ob als Soldat oder Todkranker – die „letzte Bewährungsprobe des deutschen Menschen“ sei. Dieser sollte er sich mutig und furchtlos stellen. Manche hielten es aus diesem Grund sogar für falsch, Sterbenden Schmerzmittel zu geben. Eine Auffassung, der wir heute zum Glück nicht mehr begegnen. Indem wir zeigen, wie stark sich Gefühlsnormen verändert haben, möchten wir Besucher:innen einladen, auch über eigene Gefühle in Bezug auf Krebs nachzudenken. Und wir möchten ein wenig Hoffnung wecken. Durch die modernen Therapien ist Krebs in gewisser Weise eine andere Krankheit geworden. Es lässt sich mit manchen Krebsarten heute viel länger leben.



