Die Ölpreise geben leicht nach, wichtige Aktienindizes bleiben stabil. Für Fatih Birol ist das ein gefährliches Signal. „Der Markt unterschätzt, was eine anhaltende Sperrung bedeuten würde“, sagte der Direktor der Internationalen Energieagentur (IEA) der Neuen Zürcher Zeitung.
Im Kern beschreibt Birol im Interview ein zeitverzögertes Krisenszenario. Die bisherigen Ausschläge an den Märkten seien auch deshalb begrenzt geblieben, weil Lieferungen durch die Straße von Hormus noch aus der Zeit vor der Eskalation eintreffen. „Vor dem Krieg waren bereits mehrere Öl- und Gastanker auf dem Weg zu ihren Zielorten“, sagte er. Diese Transporte hätten die Lage zunächst stabilisiert. Doch inzwischen werde eine Lücke sichtbar: „Im März wurden keine neuen Tanker beladen.“
Genau diese Verzögerung macht die Krise aus seiner Sicht so tückisch. Die Versorgung reißt nicht abrupt ab, sondern schrittweise. Wenn die Straße von Hormus geschlossen bleibt, werde sich das mit voller Wucht zeigen – in steigenden Preisen und realen Engpässen.
Hormus, Ölpreise, Inflation: Der verzögerte Schock
Die erste Folge sei global spürbar. „Die erste Auswirkung wird nahezu universell sein: höhere Preise“, sagte Birol der NZZ. Ölpreise nahe 100 US-Dollar pro Fass könnten die Inflation in vielen Regionen antreiben. Besonders verletzlich seien Schwellen- und Entwicklungsländer, deren Währungen schwach sind und die weniger Spielraum für Gegenmaßnahmen haben.
Doch Birol geht im Interview deutlich über die Preisfrage hinaus. Entscheidend sei die physische Versorgung. Wenn Rohöl Raffinerien nicht mehr erreicht, fehlen Produkte wie Kerosin und Diesel. „In einigen Ländern könnte dies zu Flugausfällen und -stornierungen führen“, sagte er. Auch der Industriesektor drohe durch Dieselknappheit beeinträchtigt zu werden.
Nächste Stufe der Krise: Lieferketten, Kerosin, Industrie
Damit rückt ein Szenario in den Vordergrund, das an die Pandemie erinnert. Birol spricht von massivem Druck auf die Lieferketten – nicht nur im Energiesektor. „Diese Engpässe werden erhebliche Probleme für die Lieferketten verursachen“, sagte er der NZZ mit Blick auf Düngemittel, Petrochemikalien und Helium. Die Folgen könnten bis in den IT-Sektor, die Landwirtschaft und letztlich zu steigenden Lebensmittelpreisen reichen.
Direkt sichtbar wird die Krise im Luftverkehr. Europa verfügt nach Einschätzung der Internationalen Energieagentur nur noch über Kerosinvorräte für etwa sechs Wochen. Der IEA-Direktor warnte in einem anderen Interview mit der Nachrichtenagentur AP vor massiven Flugstreichungen, sollte die Blockade der Straße von Hormus andauern. „Bald werden wir hören, dass Flüge von Stadt A nach Stadt B wegen fehlenden Kerosins gestrichen werden“, sagte er.
Parallel arbeitet die EU an Notfallmaßnahmen, um die Raffineriekapazitäten möglichst vollständig auszulasten und die Treibstoffversorgung zu sichern. Birol bezeichnete die Lage gegenüber AP als „die größte Energiekrise, die wir je erlebt haben“.
Die Internationale Energieagentur versucht gegenzusteuern. Im März kündigten die 32 Mitgliedstaaten die Freigabe von 400 Millionen Barrel Öl aus strategischen Reserven an. Die IEA bezeichnete dies als die größte koordinierte Freigabe ihrer Geschichte. Birol machte im NZZ-Interview deutlich, dass weitere Schritte möglich sind: „Falls nötig, sind wir bereit, sofort und entschlossen zu handeln.“ Gleichzeitig relativiert er die Wirkung dieser Maßnahme. Die Freigabe könne Engpässe abfedern, sei aber „keine Lösung“. Entscheidend bleibe die Straße von Hormus. „Die wichtigste Lösung ist die Wiederöffnung der Meerenge“, sagte Birol.
Der strategische Umbau: Energiewende, Atomkraft, Rohstoffe
Die strukturellen Schäden gehen jedoch bereits über eine kurzfristige Blockade hinaus. Nach Angaben der IEA, die Birol im Interview darlegte, wurden mehr als 80 Energieanlagen in der Region beschädigt, ein erheblicher Teil davon schwer. Selbst bei einer schnellen Entspannung werde die Erholung Zeit brauchen. „Wir schätzen, dass es gesamthaft etwa zwei Jahre dauern wird, bis das Vorkriegsniveau wieder erreicht ist“, sagte er der NZZ.
Diese Einschätzung deckt sich mit aktuellen Berichten von Reuters, die ebenfalls unter Berufung auf die IEA von einem mehrjährigen Wiederaufbau der Energieproduktion in der Region ausgehen.
Birol zog Parallelen zu den Ölkrisen der 1970er Jahre. Damals führten die Schocks zu Rezessionen, aber auch zu grundlegenden Veränderungen der Energiepolitik. Eine ähnliche Dynamik erwartet er nun erneut. Der Ausbau erneuerbarer Energien werde sich beschleunigen, nicht nur aus Klimagründen, sondern wegen der Energiesicherheit. Zugleich rechnet Birol mit einem Comeback der Kernenergie und einer schnelleren Verbreitung von Elektrofahrzeugen.
Doch auch hier warnt er vor neuen Abhängigkeiten. „Ich sagte immer wieder, dass die Weltwirtschaft – eine 110-Billionen-Dollar-Wirtschaft – von ein paar hundert bewaffneten Männern in einer 50 Kilometer breiten Meerenge in Geiselhaft genommen werden kann“, sagte Birol der NZZ.
Diese Logik lasse sich auf kritische Mineralien übertragen. Lithium, Kobalt oder seltene Erden seien ebenfalls stark konzentriert – sowohl beim Abbau als auch bei der Verarbeitung. Birol formuliert daraus eine einfache Regel: Diversifikation. „Setze nie alles auf eine Karte“, sagte er.




