Energieversorgung

IEA-Chef Birol über beispiellose Energiekrise: Asien versteht Lage besser als Europa

Der Chef der Internationaler Energieagentur warnt vor einem historisch beispiellosem Versorgungsengpass durch den Iran-Krieg. Birol appelliert auch an Bürger.

Fatih Birol, Exekutivdirektor der Internationalen Energieagentur (IEA), sprach über die jüngsten Entwicklungen auf den globalen Energiemärkten.
Fatih Birol, Exekutivdirektor der Internationalen Energieagentur (IEA), sprach über die jüngsten Entwicklungen auf den globalen Energiemärkten.Omar Havana/AP

Der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), Fatih Birol, hat die aktuelle Energiekrise als die schwerste in der Geschichte der Organisation bezeichnet. Asien habe dabei ein besseres Verständnis von der Situation als Europa. Bei einer Rede vor dem Nationalen Presseklub im australischen Sydney am Montag erklärte Birol laut dem australischen Sender ABC, der durch den Iran-Krieg verursachte Versorgungsausfall übersteige die beiden Ölkrisen der 1970er-Jahre bei weitem.

„Damals hat die Welt bei jeder der beiden Krisen etwa fünf Millionen Barrel pro Tag verloren“, sagte Birol mit Blick auf die Jahre 1973 und 1979. „Bis heute haben wir elf Millionen Barrel pro Tag verloren, also mehr als zwei große Ölschocks zusammengenommen.“ Die IEA selbst spricht von der größten Ölversorgungsstörung der Geschichte.

Die Krise beschränkt sich dabei nicht auf den Ölmarkt. Auch die Gasversorgung ist massiv betroffen. Nach der russischen Invasion in der Ukraine habe Europa 75 Milliarden Kubikmeter Gas verloren, so Birol. Durch den aktuellen Konflikt seien es nun rund 140 Milliarden Kubikmeter. „Diese Krise ist, so wie sie jetzt steht, zwei Ölkrisen und eine Gaskrise in einer“, fasste der IEA-Chef zusammen. Zusätzlich seien Lieferketten für Düngemittel, Petrochemie und Helium gestört.

Seit Beginn des Iran-Krieges am 28. Februar ist die Straße von Hormus, durch die rund ein Fünftel des weltweiten Öl- und Flüssiggastransports fließt, faktisch blockiert. Iranische Angriffe auf Öl- und Gasanlagen in der Golfregion haben bislang 40 Energieanlagen beschädigt oder zerstört. Selbst bei einem sofortigen Friedensschluss werde es dauern, bis sich die Lage normalisiere, warnte Birol: „Es wird einige Zeit brauchen, bis wir zu den normalen Tagen vor dem Krieg zurückkehren.“

Größte Freigabe strategischer Reserven reicht nicht aus

Mitte März hatte die IEA als Reaktion auf die Preissteigerungen beschlossen, rund 400 Millionen Barrel Öl aus den Notvorräten ihrer Mitgliedsstaaten freizugeben – die sechste und zugleich bei weitem größte Freigabe strategischer Reserven in der über 50-jährigen Geschichte der Agentur. Laut Birol sanken die Kraftstoffpreise nach der Ankündigung zunächst.

Eine zweite Freigabe von Notreserven stehe zur Diskussion, sagte Birol. Die Entscheidung werde gemeinsam mit den Regierungen der Mitgliedsländer getroffen. „Wenn es notwendig ist, werden wir es natürlich tun, aber wir werden die Bedingungen prüfen, den Markt analysieren und mit unseren Mitgliedsstaaten beraten.“ Er betonte allerdings, dass die Freigabe von Reserven keine Lösung der Krise sei, sondern lediglich den Preis- und Versorgungsdruck vorübergehend lindern könne.

Birol: Asien versteht die Krise besser als Europa

In seiner Rede machte Birol deutliche Unterschiede in der internationalen Wahrnehmung der Krise aus. Asiatische Staats- und Regierungschefs sowie Märkte hätten ein weitaus besseres Verständnis für das Ausmaß der Schäden an der internationalen Kraftstoffversorgung als ihre europäischen Pendants. „In Europa sind die Auswirkungen der Krise noch nicht gut verstanden, aber Asien steht an vorderster Front“, sagte er. Der Grund: Asien ist besonders stark von Lieferungen durch die Straße von Hormus abhängig.

Birol warnte zudem davor, mit überhasteten Steuererhöhungen oder neuen Abgaben auf die Krise zu reagieren. „Energieinvestoren sind wie Schmetterlinge: Wenn sie erschreckt werden, fliegen sie davon“, sagte er. Gleichzeitig müsse sichergestellt werden, dass ein fairer Anteil der Gewinne bei den Bürgern ankomme, den „eigentlichen Eigentümern der Rohstoffvorkommen“. Er zeigte sich zuversichtlich, dass Unternehmen nicht mit Gier auf die Krise reagieren, sondern die Bemühungen ihrer Regierungen unterstützen würden.

Australien und Singapur stärken Zusammenarbeit

Australiens Premierminister Anthony Albanese bestätigte am Montag im Parlament, dass er mit seinem singapurischen Amtskollegen Laurence Wong gesprochen habe. Beide Regierungschefs veröffentlichten eine gemeinsame Erklärung zur Energiesicherheit, in der sie ihre „tiefe Besorgnis“ über die Lage im Nahen Osten und deren Auswirkungen auf Lieferketten zum Ausdruck brachten.

Man wolle die Widerstandsfähigkeit der Energieversorgungsketten stärken, unter anderem durch vertiefte regionale Zusammenarbeit, eine beschleunigte Energiewende hin zu erneuerbaren Quellen und die Aufrechterhaltung offener Handelsströme.

Australiens Energieminister Chris Bowen hatte am Sonntag bestätigt, dass sechs für Australien bestimmte Kraftstofflieferungen ab Mitte April abgesagt oder verschoben worden seien. Er sprach von möglichen „Unebenheiten“ in der Versorgung, betonte aber, dass einige der Lieferungen bereits durch Importeure und Raffinerien ersetzt worden seien. Die australische Regierung hat zudem vorübergehend die Kraftstoffstandards gelockert: Für 60 Tage darf Benzin mit höherem Schwefelgehalt verkauft werden, damit die Produktion der Lytton-Raffinerie des Unternehmens Ampol im Inland verbleiben kann, statt exportiert zu werden.

Birol appellierte an alle Regierungen und Bürger, den Kraftstoffverbrauch zu senken. „Kein Land wird von den Auswirkungen dieser Krise verschont bleiben, wenn sie sich weiter in diese Richtung entwickelt“, sagte er. Globale Anstrengungen seien dringend erforderlich, um das Problem so schnell wie möglich zu lösen.