Nahost

Bericht: USA können nur ein Drittel von Irans Raketenarsenal sicher zerstört haben

Während Trump von wenigen verbleibenden Raketen spricht, zeichnen US-Geheimdienste ein anderes Bild. Der Iran könnte weiter über erhebliche Schlagkraft verfügen.

Eine Frau passiert im Norden Teherans eine Dauerausstellung mit im Iran produzierten Raketen und Satellitenträgern.
Eine Frau passiert im Norden Teherans eine Dauerausstellung mit im Iran produzierten Raketen und Satellitenträgern.Vahid Salemi/AP

Die USA können nach Einschätzung ihrer Geheimdienste bislang nur einen Teil des iranischen Raketenarsenals sicher zerstört haben. Nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters gehen mehrere mit den Erkenntnissen vertraute Insider davon aus, dass sich rund ein Drittel der iranischen Raketen mit Gewissheit ausschalten ließ.

Der Verbleib eines weiteren Drittels ist demnach unklar. Vier der Quellen sagten, diese Bestände könnten durch Luftangriffe beschädigt, zerstört oder in unterirdischen Anlagen verschüttet worden sein. Die Einschätzung basiert auf geheimdienstlichen Analysen und wurde bislang nicht öffentlich gemacht. Alle Informanten sprachen anonym, da es sich um sensible Informationen handelt.

Die Bewertung deutet darauf hin, dass ein erheblicher Teil der iranischen Raketen entweder zerstört oder derzeit nicht einsatzbereit ist. Gleichzeitig verfügt Teheran weiterhin über ein bedeutendes Arsenal. Beschädigte oder verschüttete Systeme könnten nach einem Ende der Kämpfe teilweise wieder geborgen werden.

Trump sieht Irans Arsenal weitgehend zerstört

US-Präsident Donald Trump hatte die Lage zuletzt deutlich optimistischer dargestellt. Bei einer Kabinettssitzung sagte er am Donnerstag, der Iran habe „nur noch sehr wenige Raketen“. Zugleich räumte er Risiken ein, etwa für mögliche Einsätze zur Sicherung der Straße von Hormus. „Selbst ein Prozent ist inakzeptabel“, sagte Trump. Eine einzelne Rakete könne ein Schiff im Wert von einer Milliarde US-Dollar treffen.

Das Pentagon und das Weiße Haus reagierten zunächst nicht auf Anfragen von Reuters.

Der demokratische Abgeordnete Seth Moulton widersprach Trumps Darstellung. „Wenn der Iran klug ist, hat er Fähigkeiten zurückgehalten“, sagte der frühere Marineoffizier. „Sie warten ab.“

Viele iranische Raketen in Tunnelsystemen verborgen

Ein zentrales Problem für die US-Geheimdienste ist laut einem der Informanten die unklare Ausgangslage. Wie viele Raketen der Iran vor Kriegsbeginn in unterirdischen Bunkern gelagert hatte, ist nicht öffentlich bekannt. Ein hochrangiger US-Beamter sagte, es sei fraglich, ob jemals eine exakte Zahl ermittelt werden könne.

Verteidigungsminister Pete Hegseth verwies Mitte März ebenfalls auf diese Schwierigkeit. Der Iran habe enorme Ressourcen in Tunnelanlagen investiert, sagte er. Die US-Streitkräfte gingen jedoch „systematisch“ gegen diese Strukturen vor.

Auch bei Drohnen sehen US-Dienste laut Reuters ein ähnliches Bild: Etwa ein Drittel sei mit hoher Sicherheit zerstört, bei einem weiteren Teil sei die Lage unklar.

Iran bleibt handlungsfähig

Trotz der intensiven Angriffe ist der Iran weiterhin in der Lage, militärisch zu reagieren. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums der Vereinigten Arabischen Emirate feuerte Teheran allein am Donnerstag 15 ballistische Raketen sowie elf Drohnen auf das Land ab.

Zudem demonstrierte der Iran neue Fähigkeiten. Vor etwa einer Woche griffen iranische Streitkräfte nach westlichen Angaben eine Militärbasis auf Diego Garcia im Indischen Ozean mit Langstreckenraketen an. Der abgelegene US-britische Stützpunkt liegt rund 4000 Kilometer vom iranischen Staatsgebiet entfernt.

Nach Angaben britischer Regierungskreise, die einen Bericht des Wall Street Journal bestätigten, feuerte der Iran zwei ballistische Raketen ab. Beide verfehlten ihr Ziel. Eine Rakete versagte im Flug, die andere wurde offenbar von einer Abfangrakete eines US-Kriegsschiffs abgewehrt. Trotz des fehlenden Treffers werten Experten die große Distanz als entscheidend. Der Nahost-Experte Nawaf al-Thani schrieb auf der Plattform X, eine Reichweite von 4000 Kilometern verändere die Lage grundlegend. Bislang war die Reichweite iranischer Raketen offiziell auf etwa 2000 Kilometer geschätzt worden.

Sollte sich bestätigen, dass der Iran über deutlich größere Reichweiten verfügt, hätte das Folgen weit über die Region hinaus. Nach Einschätzung von Analysten könnten dann theoretisch auch Teile Europas in Reichweite geraten. Der israelische Iran-Experte Raz Zimmt sagte, Teheran nutze den Krieg, um seine Abschreckung auszubauen und eine neue regionale Ordnung zu etablieren.

Die Politikwissenschaftlerin Nicole Grajewski von der Sciences Po in Paris sieht Hinweise darauf, dass die USA den Erfolg ihrer Operation möglicherweise überschätzen. Der Iran sei weiterhin in der Lage, Angriffe von stark bombardierten Standorten wie der Anlage Bid Kaneh aus durchzuführen. „Das deutet darauf hin, dass die USA ihre Erfolge überzeichnen“, sagte sie Reuters. Ihrer Einschätzung nach verfügt Teheran noch über etwa 30 Prozent seiner Raketenkapazitäten.

Operation „Epic Fury“: US-Militär meldet Fortschritte

Die Zerstörung von Raketen- und Drohnenbeständen gehört zu den zentralen Zielen der US-Regierung im Krieg gegen den Iran. Die Operation „Epic Fury“, die gemeinsam mit Israel geführt wird, läuft nach Angaben des US-Zentralkommandos nach Plan oder schneller als vorgesehen. Bis Mittwoch seien mehr als 10.000 militärische Ziele im Iran angegriffen worden. Nach Angaben des Zentralkommandos wurden zudem 92 Prozent der großen Schiffe der iranischen Marine zerstört.

Gleichzeitig zeigen interne Einschätzungen, dass der Iran seine Taktik angepasst hat. Hochrangige US-Verteidigungsbeamte räumen ein, dass Teheran gezielt Schwachstellen angreift. Im Fokus stehen Luftabwehrsysteme, Radartechnik und Kommunikationsinfrastruktur.

So wurde etwa am Luftwaffenstützpunkt Al Udeid in Katar ein Frühwarnradar beschädigt. In Kuwait trafen iranische Geschosse Radaranlagen in Camp Arifjan und in der Ali-Al-Salem-Airbase. Am Hauptquartier der Fünften Flotte in Bahrain belaufen sich die Schäden nach einer Pentagon-Schätzung auf rund 200 Millionen US-Dollar.

Auch indirekte Angriffe nehmen zu. In Erbil im Irak griffen mit dem Iran verbündete Milizen ein Hotel mit Drohnen an, in dem sich nach US-Angaben amerikanische Soldaten aufhielten.