UN-Generalsekretär António Guterres hat die 193 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen in einem Schreiben vor einem „unmittelbar bevorstehenden finanziellen Kollaps“ gewarnt. Die Organisation könnte bereits im Juli zahlungsunfähig werden, wenn die ausstehenden Beiträge nicht beglichen werden, heißt es in dem Brief, den mehrere internationale Nachrichtenagenturen einsehen konnten.
„Die Krise vertieft sich, bedroht die Programmarbeit und riskiert einen finanziellen Kollaps", schrieb Guterres in dem auf den 28. Januar datierten Schreiben an die Botschafter aller Mitgliedstaaten. Die Mitgliedstaaten müssten entweder ihre Zahlungsverpflichtungen erfüllen oder die Finanzregeln grundlegend überarbeiten, um einen Zusammenbruch zu verhindern.
Nach Angaben der New York Times beliefen sich die ausstehenden Beiträge Ende 2025 auf einen Rekordwert von 1,568 Milliarden Dollar – mehr als doppelt so viel wie im Vorjahr. Die Vereinigten Staaten sind demnach für etwa 95 Prozent der Außenstände verantwortlich, was rund 2,2 Milliarden Dollar entspricht.
Nepal schlägt Alarm wegen möglicher Folgen
In Nepal, dem größten Truppensteller für UN-Friedensmissionen, löste die Warnung des Generalsekretärs große Besorgnis aus. „Die Warnung des UN-Generalsekretärs vor einem unmittelbar bevorstehenden finanziellen Zusammenbruch muss von allen Mitgliedstaaten ernst genommen werden“, schrieb der ehemalige Nationale Sicherheitsberater Shankar Das Bairagi auf der Plattform X. Für Länder wie Nepal sei der Multilateralismus mit den Vereinten Nationen im Zentrum eine tragende Säule des internationalen Engagements.
Bairagi erklärte gegenüber der nepalesischen Zeitung Kathmandu Post, dass bei einer Finanzkrise der UN mehrere Bereiche der nepalesischen Außenpolitik betroffen wären – von der Teilnahme an Foren der am wenigsten entwickelten Länder bis hin zu Friedensmissionen. Nepal hat bereits einen Rückgang seiner Beteiligung an Friedenseinsätzen erlebt.
Nach Einschätzung nepalesischer Regierungsvertreter würden bei anhaltenden Finanzproblemen der UN verschiedene Sozialprogramme in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Katastrophenhilfe und Armutsbekämpfung verzögert, verkleinert oder ganz gestrichen – mit schweren Folgen für ländliche und vulnerable Bevölkerungsgruppen, wie die Kathmandu Post berichtet.
„Die UN gilt als Hüterin der Weltordnung, des Rechtsstaats und des Multilateralismus. Wenn die UN selbst in Schwierigkeiten gerät, werden ihre Grundprinzipien in eine Krise geraten", sagte der ehemalige nepalesische Botschafter Dinesh Bhattarai. Von der Konfliktlösung bis zur Klimafinanzierung werde jeder globale Notfall betroffen sein, wenn die UN geschwächt werde.
Ein nepalesischer Diplomat in New York berichtete, dass die Budgets mehrerer UN-Einrichtungen bereits um mindestens 20 Prozent gekürzt worden seien und das Budget für Friedensmissionen um 27 Prozent reduziert wurde.
Veraltete Haushaltsregel verschärft die Krise
Die finanziellen Probleme der Vereinten Nationen haben laut New York Times zwei Hauptursachen: eine Liquiditätskrise durch säumige oder verspätete Zahlungen der Mitgliedstaaten sowie eine Finanzregel aus dem Jahr 1945. Diese Vorschrift verpflichtet die Organisation, nicht ausgegebene Haushaltsmittel an die Staaten zurückzugeben – selbst wenn die Mittel wegen ausbleibender Zahlungen nicht ausgegeben werden konnten.
„Mit anderen Worten: Wir sind in einem kafkaesken Kreislauf gefangen, in dem wir Geld zurückgeben sollen, das nicht existiert“, schrieb Guterres in seinem Brief. Der Verweis auf den Schriftsteller Franz Kafka bezieht sich auf dessen Darstellung absurder bürokratischer Prozesse.
Sollte das Geld im Juli ausgehen, müsste die UN nach Angaben hochrangiger Beamter ihren Hauptsitz in New York im August schließen, die jährliche Generalversammlung der Staats- und Regierungschefs im September absagen und das Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten einstellen.
US-Präsident Donald Trump hat die USA bereits aus mehreren UN-Organisationen zurückgezogen und die Vereinten Nationen dafür kritisiert, ihr „großes Potenzial“ nicht zu erfüllen. Stattdessen richtete er kürzlich seine Bemühungen in die Gründung eines Friedensrats unter seinem Vorsitz. Das Gremium soll sich ihm zufolge ähnlich wie die UN um die Lösung internationaler Konflikte kümmern.


