Der russische Hafen Primorsk nahe der Grenze zu Finnland ist nach Angaben regionaler Behörden bei einem Drohnenangriff beschädigt worden. Ein Treibstofftank habe Feuer gefangen, erklärte Gouverneur Alexander Drosdenko am Montag im Onlinedienst Telegram. Das Personal sei evakuiert worden, die Feuerwehr arbeite an den Löscharbeiten.
Ukrainische Drohnen hatten Primorsk bereits am 12. September 2025 angegriffen. Damals wurden Teile der Liegeplätze zerstört und die Öllieferungen für mehrere Tage unterbrochen.
Primorsk gilt als größter und wichtigster russischer Ölhafen an der Ostsee. Er befindet sich fast 1000 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Wo genau die Drohnen gestartet wurden, ist unklar. Offizielle Angaben dazu machen weder russische noch ukrainische Stellen.
Nach Angaben der russischen Luftabwehr wurden mehr als 50 Drohnen über der Region Leningrad nahe Sankt Petersburg abgefangen. Berichten zufolge begann der Luftangriff aus das Verwaltungsbiet am späten Sonntagabend und dauerte fast zwölf Stunden. Unabhängig überprüfen lassen sich die Angaben nicht. Die Region im Nordwesten Russlands galt bislang nicht als häufiges Ziel ukrainischer Angriffe.
A drone attack has been reported on the oil port of Primorsk in Russia’s Leningrad region. A fuel storage tank was damaged.
— Anton Gerashchenko (@Gerashchenko_en) March 23, 2026
Primorsk is Russia’s largest oil port on the Baltic Sea and a key export hub. A significant share of the country’s oil shipments to foreign markets passes… https://t.co/F28QVGL4rm pic.twitter.com/0xCvGYaZWJ
Selenskyj: „Der Krieg muss nach Russland zurückgedrängt werden“
Der Angriff auf Primorsk reiht sich in eine wachsende Serie von Attacken auf Ziele weit im russischen Hinterland ein. Als Reaktion auf die seit Februar 2022 andauernden russischen Angriffe greift die Ukraine zunehmend militärische Einrichtungen, Raffinerien und Energieinfrastruktur in Russland an. Dabei werden immer häufiger auch Regionen getroffen, die weit von der Front entfernt liegen.
Analysen sehen darin eine gezielte Strategie der ukrainischen Streitkräfte. Der Kyiv Independent schreibt, die Ukraine versuche, „den Krieg nach Russland zurückzubringen“ und damit die Wahrnehmung zu verändern, der Konflikt sei für die russische Gesellschaft weit entfernt und ohne spürbare Folgen. Präsident Wolodymyr Selenskyj habe dies demnach so formuliert: „Der Krieg wurde von Russland gebracht, und er muss nach Russland zurückgedrängt werden.“
Ukrainische Drohnen erreichen immer öfter russisches Hinterland
Parallel dazu baut die Ukraine nach Berichten ukrainischer Medien ihre technischen Fähigkeiten für solche Angriffe aus. Die Zeitung Ukrainska Pravda schreibt unter Berufung auf eine eigene Auswertung, sogenannte Mittelstrecken-Drohnen würden zunehmend gezielt gegen russische Luftverteidigungssysteme eingesetzt. Innerhalb eines Jahres seien demnach mehrere hundert Angriffe in einer Tiefe von bis zu 250 Kilometern hinter der Front dokumentiert worden, ein großer Teil davon gegen Radar- und Flugabwehrsysteme.
Ziel sei es laut der Analyse, die russische Luftverteidigung systematisch zu schwächen und so weitere Angriffe im Hinterland zu ermöglichen. Dies könnte erklären, warum auch weiter entfernte Regionen zunehmend ins Visier geraten.
Tote, Drohnen, Ausfälle: Der Krieg verändert den Alltag
Nach Angaben der ukrainischen Organisation Join Ukraine, die öffentliche Reaktionen und Diskussionen in Russland auswertet, zeigen sich die Folgen solcher Angriffe zunehmend im Alltag. Todesanzeigen gefallener Soldaten, Drohnenangriffe, Internetausfälle und wirtschaftliche Probleme seien in vielen Regionen im Alltag spürbar, heißt es.
Der Leiter der Analyseabteilung der Organisation, Andrij Sucharyna, sagte dem Kyiv Independent, Beileidsbekundungen in sozialen Netzwerken würden immer häufiger von kritischen Fragen begleitet. „Wofür ist dieser Krieg?“, werde dort zunehmend gefragt. Zugleich wachse die Kritik an Behörden, die keinen ausreichenden Schutz gewährleisten könnten.
Wirtschaftliche Folgen in Russland
In besonders betroffenen Regionen nahe der Grenze zur Ukraine wie Kursk, Rostow oder Woronesch leben viele Menschen laut Analyse in ständiger Anspannung. Regelmäßige Drohnenangriffe, Luftalarm und Einschränkungen im Alltag würden das Leben dort prägen. Bewohner stellten offizielle Angaben über abgewehrte Angriffe zunehmend infrage, wenn gleichzeitig Schäden und Brände sichtbar seien.
Auch wirtschaftliche Folgen werden laut der Analyse spürbarer. In einigen Regionen berichteten Bewohner über steigende Treibstoffpreise und Engpässe. In sozialen Netzwerken werde dies direkt mit dem Krieg in Verbindung gebracht. In weiter entfernten Regionen wie Sibirien oder dem Fernen Osten werde der Krieg hingegen oft noch als entfernt wahrgenommen. Zwar seien die Verluste dort teilweise hoch, im Alltag dominierten jedoch andere Themen wie Preise oder lokale wirtschaftliche Entwicklungen.
Offene Proteste bleiben selten, auch wegen staatlicher Repression. Versuche, etwa gegen Internetausfälle und Einschränkungen von Online-Diensten zu demonstrieren, wurden zuletzt in mehreren Regionen von Behörden nicht genehmigt oder rasch unterbunden, wie die Nachrichtenagenturen Reuters und AP berichten. Statt größerer Demonstrationen kommt es meist nur zu kleineren, vereinzelten Aktionen wie Einzelprotesten oder Beschwerden vor Gerichten.
Unzufriedenheit äußert sich daher häufig indirekt – etwa in sozialen Netzwerken oder durch Kritik an steigenden Lebenshaltungskosten, mangelnden Schutzmaßnahmen und den Folgen von Drohnenangriffen im Alltag. Laut den ukrainischen Analysen nimmt diese Form der lokalen und oft zurückhaltend formulierten Kritik zu. Die Recherchen und Analysen aus der Ukraine lassen sich jedoch nicht in allen Fällen unabhängig überprüfen.




