Ukraine-Krieg

Russland meldet Angriff auf TurkStream: Ungarn wirft Ukraine Versuch „totaler Energieblockade“ vor

Angriffe auf Infrastruktur der TurkStream-Pipeline verschärfen den Streit um Europas Energieversorgung. Ungarn wirft Kiew vor, den Gasfluss nach Mittel- und Südosteuropa zu gefährden.

Die Kompressorstation Russkaja bei Anapa in der Region Krasnodar ist ein zentraler Einspeisepunkt für die TurkStream-Pipeline.
Die Kompressorstation Russkaja bei Anapa in der Region Krasnodar ist ein zentraler Einspeisepunkt für die TurkStream-Pipeline.Vitaly Timkiv/imago

Die Ukraine hat nach russischen Angaben erneut Kompressorstationen angegriffen, die Gas über die Pipelines TurkStream und Blue Stream in die Türkei transportieren. Ein Teil der Lieferungen wird von dort über den Balkan nach Europa weitergeleitet. Das russische Außenministerium und der Gazprom-Konzern erklärten am Donnerstag laut der staatlichen Nachrichtenagentur Tass, dass alle Drohnen abgefangen wurden.

Ungarns Außenminister Péter Szijjártó reagierte umgehend auf der Plattform X: Er habe mit dem stellvertretenden russischen Energieminister Pawel Sorokin gesprochen, der ihn über die Angriffe informiert habe. „Die Ukraine blockiert bereits unsere Öllieferungen, und nun nimmt sie auch unsere Gasversorgung ins Visier“, schrieb Szijjártó.

TurkStream sei für Ungarn von entscheidender Bedeutung; bei einer Unterbrechung sei die Gasversorgung Ungarns und mehrerer mittel- und südosteuropäischer Länder gefährdet. Szijjártó warf Kiew vor, einen Monat vor der ungarischen Parlamentswahl eine „totale Energieblockade“ zu verhängen, um sich in den Wahlkampf einzumischen und die oppositionelle Tisza-Partei zu unterstützen. Der Vorfall fällt in eine Phase wachsender Spannungen um Europas Energieversorgung.

Das russische Verteidigungsministerium hatte zuvor einen vereitelten ukrainischen Drohnenangriff auf die Gaskompressorstation Russkaja in der Region Krasnodar gemeldt. Zwischen 3.55 Uhr und 6.45 Uhr Moskauer Zeit seien zehn unbemannte Flugkörper durch Luftabwehr und elektronische Kriegsführung abgeschossen worden, so das Ministerium laut Tass. An der Anlage sei kein Schaden entstanden.

Gazprom bestätigte den Angriff und erklärte, neben der Station Russkaja sei auch die Kompressorstation Beregovaja attackiert worden. Beide Anlagen sind zentrale Knotenpunkte für den Gasexport über die Pipelines TurkStream und Blue Stream in die Türkei. Sämtliche Angriffe seien abgewehrt worden, so der Konzern.

Serie von Angriffen seit Ende Februar

Mehrere Abgeordnete der russischen Staatsduma ordneten die Angriffe gegenüber Tass ein. Der Parlamentarier Sergej Altuchow sprach von einer gezielten Destabilisierung des europäischen Energiemarkts. Sein Kollege Michail Scheremet sagte, Kiew wolle Russland zu Vergeltungsschlägen provozieren. Der Abgeordnete Leonid Iwlew sah kommerzielle Motive: Die Ukraine wolle ihr verbliebenes Gas zu überhöhten Preisen an Europa verkaufen.

Der Vorfall reiht sich in eine Serie ein. Gazprom hatte am 11. März mitgeteilt, seit dem 24. Februar insgesamt zwölf Attacken auf die Stationen Russkaja, Beregovaja und Kasatschja abgewehrt zu haben. Allein am 11. März seien zehn Drohnen gegen Russkaja und 14 gegen Beregovaja bei Tuapse eingesetzt worden – ebenfalls ohne Schäden, so das Verteidigungsministerium.

Streit um Europas Energieversorgung weitet sich aus

Die Drohnenangriffe auf die TurkStream-Infrastruktur fallen in eine Phase, in der Europas Energieversorgung aus Russland bereits an anderer Stelle unter Druck steht. Seit Ende Januar ist der Öltransit durch die Druschba-Pipeline unterbrochen, die russisches Öl durch die Ukraine nach Ungarn und in die Slowakei transportiert. Kiew führt den Ausfall auf Schäden nach einem russischen Angriff zurück. Ungarn wirft der Ukraine dagegen vor, die Reparaturen der Druschba-Pipeline bewusst zu verzögern und den Öltransit aus politischen Gründen blockiert zu halten.

Ungarn droht seit Wochen, neue EU-Sanktionen gegen Russland und einen 90-Milliarden-Euro-Kredit für die Ukraine zu blockieren, bis der Transit wieder aufgenommen wird.

Der Streit um die Druschba-Leitung hatte sich zuletzt deutlich zugespitzt. Budapest legte sein Veto gegen das 20. EU-Sanktionspaket ein und verknüpfte eine Zustimmung ausdrücklich mit der Wiederaufnahme der russischen Öllieferungen durch die Ukraine. Damit wurde der Pipelinekonflikt in Brüssel zu einer offenen Belastungsprobe für die gemeinsame Linie gegenüber Moskau.

Zusätzlich hatte Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán eine eigene Erkundungsmission in der Ukraine angekündigt. Die Delegation sollte den Zustand der Leitung vor Ort begutachten. Ohne Zustimmung aus Kiew hätte sie allerdings keinen Zugang zur Schadstelle erhalten. Das ließ den Vorstoß schon früh auch als politisches Druckmittel erscheinen. Das ukrainische Außenministerium erkannte das ungarische Prüfteam laut Kyiv Independent nicht als offizielle Delegation an.

Die EU-Kommission hat jetzt vorgeschlagen, eine eigene Untersuchungsdelegation in die Ukraine zu entsenden, und wartet nach Angaben einer Sprecherin auf eine Antwort aus Kiew.