Seltene Erden & Co.

Rohstoff-Gipfel in Washington: Warum Lithium und Seltene Erden bald Ihr Leben teurer machen könnten

In der US-Hauptstadt verhandeln heute die mächtigsten Industrienationen über den Zugang zu Lithium, Kobalt und Seltenen Erden. Für deutsche Verbraucher geht es dabei um weit mehr als abstrakte Geopolitik – es geht um ihren Geldbeutel.

Windräder und Stromspeicher – ohne China läuft hier nichts.
Windräder und Stromspeicher – ohne China läuft hier nichts.IMAGO/Joerg Boethling

Am Montag empfing die US-Regierung in Washington die Finanzminister der wichtigsten Industriestaaten zu einem Gipfel, der in seiner strategischen Bedeutung an die Ölkrisen der 1970er-Jahre erinnert. Auf Einladung der US-Regierung unter Präsident Donald Trump diskutieren Vertreter der G7-Staaten sowie Australiens, Indiens, Südkoreas und Mexikos über eine fundamentale Neuordnung der globalen Rohstoffversorgung.

Im Zentrum stehen 34 als „kritisch" eingestufte Materialien: Lithium für Batterien, Kobalt für Akkus, Seltene Erden für Elektromotoren und Windkraftanlagen, Kupfer für die Stromnetze der Energiewende. Diese Rohstoffe sind das Öl des 21. Jahrhunderts – und ihre Lieferketten werden von erschreckend wenigen Ländern kontrolliert.

Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) reiste mit einer klaren Botschaft nach Washington: „Deutschland hat ein großes Interesse, hier die internationale Kooperation auszubauen, um die Versorgungssicherheit zu stärken, Abhängigkeiten zu verringern und verlässliche wirtschaftliche Rahmenbedingungen sicherzustellen."

Deutschlands verwundbare Flanke: Alarmierende Zahlen

Die Dimension des Problems lässt sich in wenigen Zahlen zusammenfassen, die das Statistische Bundesamt kürzlich veröffentlichte: Deutschland importierte 2024 rund 5.200 Tonnen Seltener Erden – davon stammten 65,5 Prozent direkt aus China. Bei der Verarbeitung dieser Rohstoffe zu nutzbaren Produkten ist die Abhängigkeit noch drastischer: Etwa 90 Prozent der weltweiten Raffinerie-Kapazitäten für Seltene Erden befinden sich in der Volksrepublik.

Diese Konzentration hat reale Konsequenzen. Als China im vergangenen Jahr zeitweise Exportlizenzen für bestimmte Seltene Erden verzögerte, meldete der europäische Automobilzulieferer-Verband Clepa bereits Produktionsstörungen bei mehreren Werken. Einige Zulieferer mussten Linien herunterfahren – ein Vorgeschmack darauf, was passieren könnte, wenn Peking seine Rohstoffmacht als geopolitische Waffe einsetzt.

Die Analyse der Rohstoffabhängigkeiten zeigt, dass Deutschland in mehreren strategisch wichtigen Bereichen stark von einzelnen Lieferländern abhängig ist. Besonders ausgeprägt ist die Abhängigkeit von China, das sowohl beim Abbau als auch bei der Verarbeitung seltener Erden und Magnesiums dominiert.

Auch bei Lithium und Kobalt besteht ein hohes Risiko, da der Abbau vor allem in Chile beziehungsweise der Demokratischen Republik Kongo erfolgt, während China die nachgelagerten Verarbeitungsschritte kontrolliert.

Im Gegensatz dazu ist die Versorgung mit Kupfer breiter aufgestellt, da Importe aus Chile und Peru die Risiken verteilen. Insgesamt verdeutlicht die Aufstellung, dass Deutschlands industrielle Wertschöpfung in zentralen Zukunftssektoren – etwa Elektromobilität und Energiewende – stark von geopolitischen Abhängigkeiten geprägt bleibt.

Was das für Ihren Alltag bedeutet

Die abstrakten Tonnagen und Prozentzahlen übersetzen sich direkt in den Geldbeutel deutscher Verbraucher:

Elektroautos: Ein durchschnittlicher E-Auto-Motor enthält etwa ein bis zwei Kilogramm Seltene Erden in seinen Permanentmagneten. Die Preise für Neodym, das wichtigste dieser Elemente, schwankten in den vergangenen Jahren zwischen 50 und 200 Dollar pro Kilogramm. Jede Verdopplung des Rohstoffpreises schlägt sich mit mehreren hundert Euro im Endpreis eines Fahrzeugs nieder. Analysten von McKinsey warnen vor einer „Verarbeitungslücke", die den ohnehin angespannten Markt für E-Autos weiter belasten könnte.

Wärmepumpen: Die Kompressoren moderner Wärmepumpen benötigen ebenfalls Seltene Erden. Bei den ambitionierten Zielen der Bundesregierung – 500.000 neue Wärmepumpen jährlich – könnte jede Lieferstörung die Energiewende im Heizungskeller ausbremsen und Preise in die Höhe treiben.

Smartphones und Elektronik: Ein einzelnes iPhone enthält Dutzende verschiedener Elemente, darunter mehrere kritische Rohstoffe. Die globale Nachfrage nach diesen Materialien wird sich laut einer aktuellen Fraunhofer-Studie bis 2045 vervielfachen.

Arbeitsplätze: Die deutsche Automobilindustrie mit ihren 800.000 Beschäftigten ist existenziell auf zuverlässige Rohstofflieferketten angewiesen. Jeder Produktionsstopp wegen fehlender Materialien gefährdet nicht nur Gewinne, sondern Arbeitsplätze in Wolfsburg, Stuttgart und München.

Die Instrumente auf dem Verhandlungstisch

US-Finanzminister Scott Bessent drängt die Partner zu schnellerem Handeln. Ein G7-Aktionsplan vom vergangenen Sommer wird aus amerikanischer Sicht zu langsam umgesetzt. In Washington liegen nun konkrete Instrumente auf dem Tisch:

Preisgarantien: Die wohl radikalste Idee: Mindestpreise für bestimmte kritische Rohstoffe, die durch staatliche Subventionen oder Abnahmegarantien gestützt würden. Das Ziel: Minen und Raffinerien außerhalb Chinas sollen profitabel arbeiten können, selbst wenn Peking die Preise drückt. Klingbeil bestätigte nach ersten Gesprächen, dass eine solche „Preisuntergrenze" diskutiert werde – betonte aber, es handle sich um frühe Überlegungen, nicht um Anti-China-Allianzen.

Strategische Reserven: Nach dem Vorbild der strategischen Ölreserven könnten die G7-Staaten Lager für Seltene Erden, Lithium und Kobalt anlegen. So ließen sich kurzfristige Exportstopps oder Preisschocks abfedern.

Gemeinsame Investitionsfonds: Über Entwicklungsbanken und Exportkreditagenturen sollen neue Bergbauprojekte in befreundeten Ländern finanziert werden – von Australien über Kanada bis zur Ukraine und afrikanischen Staaten.

Verschärfte Investitionsprüfungen: Um zu verhindern, dass chinesische Staats- oder Schattenakteure kritische Bergbau- oder Verarbeitungsunternehmen im Westen übernehmen.

Deutschlands Position: Pragmatismus und Prinzipientreue

Die Bundesregierung verfolgt in Washington eine Strategie, die sich als „kooperativer Realismus" beschreiben lässt. Klingbeil betont den Wunsch nach „fairem, regelbasiertem und verlässlichem Handel" – eine diplomatische Formulierung, die signalisiert: Deutschland will keine offene Konfrontation mit China, aber auch keine naive Abhängigkeit.

Hinter den Kulissen hat Berlin bereits gehandelt. Im August 2025 unterzeichneten Wirtschaftsministerium und kanadische Partner eine vertiefte Rohstoff-Kooperation mit konkreten Absichtserklärungen zwischen Unternehmen. Kobalt, Graphit, Lithium, Nickel und Kupfer stehen auf der Liste – perspektivisch auch Seltene Erden.

Die EU hat mit dem „Critical Raw Materials Act" bereits einen rechtlichen Rahmen geschaffen: Bis 2030 sollen mindestens 10 Prozent des Bedarfs an strategischen Rohstoffen in der EU gefördert, 40 Prozent dort verarbeitet und 25 Prozent recycelt werden. Kein Drittland soll mehr als 65 Prozent des Imports eines strategischen Rohstoffs liefern.

Doch Experten sind skeptisch, ob diese Ziele erreichbar sind. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) verweist zwar auf über 100 erfasste Projekte in Deutschland – etwa Lithium im Oberrheingraben –, aber viele befinden sich noch in frühen Explorationsphasen. Von der Genehmigung bis zur ersten Förderung vergehen oft zehn bis fünfzehn Jahre.

Der Elefant im Raum: Grönland und die neue Härte

Das Washingtoner Treffen findet vor dem Hintergrund einer verschärften geopolitischen Rhetorik statt. Präsident Trump hatte zuletzt erneut Interesse an Grönland signalisiert – die autonome dänische Insel verfügt über bedeutende Vorkommen Seltener Erden. Klingbeil wies vor seiner Abreise entsprechende Ambitionen scharf zurück und pochte auf die Einhaltung des Völkerrechts.

Die Episode illustriert, wie sehr kritische Rohstoffe zum Spielball der Großmachtpolitik geworden sind. Die Internationale Energieagentur (IEA) warnte kürzlich in einem Kommentar: „Mit neuen Exportkontrollen bei kritischen Mineralien werden Konzentrations-Risiken zur Realität." China sei bei vielen strategischen Mineralien führender Raffineur – Restriktionen könnten Preise und Verfügbarkeit stark beeinflussen.

Was Experten raten: Die drei Säulen der Resilienz

Wirtschaftsinstitute wie das DIW Berlin, das Institut der deutschen Wirtschaft und Beratungen wie McKinsey und Roland Berger sind sich einig: Deutschland ist spät aufgewacht. Während China über Jahrzehnte strategisch ganze Wertschöpfungsketten aufgebaut hat, verließ sich die Bundesrepublik zu lange auf den freien Markt.

Säule 1 – Diversifizierung: Der Einkauf muss auf mehr Schultern verteilt werden. Strategische Partnerschaften mit Kanada, Australien, Chile oder Kasachstan sind der richtige Ansatz – aber ihnen müssen konkrete Investitionen folgen.

Säule 2 – Heimische Förderung und Verarbeitung: Europa muss eigene Kapazitäten aufbauen. Das bedeutet schnellere Genehmigungsverfahren und die Akzeptanz, dass Bergbau auch in Deutschland stattfinden muss.

Säule 3 – Kreislaufwirtschaft: Langfristig gilt Recycling als wichtigster Hebel. Für viele Technologiemetalle existieren jedoch noch keine effizienten Rückgewinnungssysteme im großen Maßstab.

Die zentrale Warnung der Experten: Diversifizierung kostet Geld. Rohstoffe aus demokratischen Partnerländern mit hohen Umweltstandards werden teurer sein als Importe aus Autokratien. Sicherheit gibt es nicht zum Nulltarif.

Ausblick: Was von Washington zu erwarten ist

Konkrete Beschlüsse werden von diesem Treffen noch nicht erwartet. Es geht zunächst um Weichenstellungen, um das Ausloten von Instrumenten und Koalitionen. Die eigentliche Arbeit beginnt danach.

Für deutsche Verbraucher bedeutet das: Die Preise für E-Autos, Wärmepumpen und Elektronik werden mittelfristig eher steigen als fallen – nicht nur wegen der Rohstoffe selbst, sondern weil der Aufbau resilienter Lieferketten Geld kostet. Die Alternative wäre jedoch riskanter: eine Abhängigkeit, die im Ernstfall ganze Industrien lahmlegen könnte.

Die Gespräche in Washington sind der Beginn eines langen Weges. Ob Deutschland ihn erfolgreich beschreitet, wird sich nicht in diplomatischen Kommuniqués zeigen, sondern in den Fabriken, Minen und Recyclinganlagen der kommenden Jahre.

Die Beratungen in Washington dauerten bei Redaktionsschluss noch an. Über konkrete Ergebnisse werden wir berichten.