Sechs von zehn in Ostdeutschland produzierten Pkw waren im vergangenen Jahr Elektroautos. Das geht aus Berechnungen der Leipziger Initiative Automotive Cluster Ostdeutschland (ACOD) hervor, die auf Zahlen des Verbands der Automobilindustrie (VDA) basieren. Damit liegt der E-Auto-Anteil in den östlichen Bundesländern weit über dem gesamtdeutschen Durchschnitt von 40,2 Prozent. In Westdeutschland beträgt der Anteil lediglich 35,1 Prozent.
Verantwortlich für den hohen Elektro-Anteil sind vor allem zwei Standorte: das VW-Werk im sächsischen Zwickau, das bis 2020 zum ersten reinen E-Auto-Werk des Konzerns umgebaut wurde und auch Modelle von Audi und Cupra fertigt, sowie die Tesla-Fabrik im brandenburgischen Grünheide, die 2022 als einziges europäisches Werk des US-Herstellers eröffnet wurde. Brandenburg ist damit das erste Bundesland, in dem ausschließlich Elektrofahrzeuge vom Band laufen. In absoluten Zahlen werden allerdings im Westen – mit Schwerpunkten in Bayern, Niedersachsen und Baden-Württemberg – mehr E-Autos und insgesamt mehr Fahrzeuge produziert.
Die größte Stückzahl im Osten entfällt auf Sachsen. Neben dem VW-Werk in Zwickau fertigen dort auch BMW und Porsche in Leipzig neben Verbrennern Elektrofahrzeuge. Das BMW-Werk Leipzig war 2013 mit dem Start des BMW i3 sogar das erste deutsche Werk, in dem Elektroautos produziert wurden – die Nachfrage nach dem kleinen Modell blieb damals allerdings gering.
Jeder vierte Industriearbeitsplatz in Ostdeutschland hängt am Automobilsektor
Die Zahlen verdeutlichen, wie stark Ostdeutschland inzwischen von der Elektromobilität abhängt. ACOD-Geschäftsführer Jens Katzek erklärte, deutlich über 200.000 Menschen arbeiteten in der Automobilindustrie und bei Zulieferern in Ostdeutschland. Damit hingen im Osten anteilig mehr Industriearbeitsplätze am Automobilsektor als im Westen. Ostdeutschland sei zwar Vorreiter, der Druck, dass die Umstellung auf Elektromobilität gelinge, sei dort aber besonders hoch.
Die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Elisabeth Kaiser (SPD), verwies darauf, dass jeder vierte Industriearbeitsplatz in Ostdeutschland am Automobilsektor hänge. Die Branche stehe unter erheblichem Druck durch internationalen Wettbewerb, Zölle und den Wandel hin zu klimafreundlichen Antrieben. Die Bundesregierung habe bereits einiges zur Stützung der Autoindustrie getan, sagte Kaiser. Sie forderte im Gegenzug „ein klares Signal der Unternehmenszentralen", dass Arbeitsplätze an ostdeutschen Standorten gesichert werden.
Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) betonte, es komme nun darauf an, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass Vorreiterstandorte wie Zwickau dauerhaft abgesichert seien.
IG-Metall-Vorsitzende Christiane Benner forderte Investitionen und verbindliche Standortzusagen für Ostdeutschland. „Die ständig über der Belegschaft schwebende schwarze Wolke namens Verlagerung muss weg!", sagte Benner. Sie sprach sich für sogenannte Local-Content-Verpflichtungen für ausländische Hersteller aus – nach dem Prinzip, dass nur verkaufen dürfe, wer auch einen wesentlichen Teil vor Ort fertige.
VDA-Geschäftsführer Andreas Rade warnte hingegen vor Investitionsverlagerungen ins Ausland. Deutschland habe ein „massives Standortproblem". Die Politik müsse nun alles tun, was Wachstum schaffe.


