Nahost-Krieg

IEA-Chef: Aktuelle Energiekrise „schwerwiegender als 1973, 1979 und 2022 zusammen“

IEA-Direktor Fatih Birol warnt in einem Interview vor anhaltenden Folgen der Energiekrise. Es zeichne sich ein „schwarzer April“ ab. Auch zu Deutschland äußert er sich.

IEA-Direktor Fatih Birol
IEA-Direktor Fatih BirolNicolas Tucat/AFP

Die globale Energiepolitik wird sich nach Einschätzung von IEA-Direktor Fatih Birol „grundlegend verändern“. Die aktuelle Energiekrise sei „schwerwiegender als die Krisen von 1973, 1979 und 2022 zusammen“, sagte der Chef der Internationalen Energieagentur in einem Interview mit der französischen Zeitung Le Figaro.

Auslöser der Krise ist vor allem die Blockade der Straße von Hormus, einer zentralen Transitroute für rund ein Fünftel des weltweiten Öl- und Gastransports. „Der Krieg legt eine der Lebensadern der Weltwirtschaft lahm“, warnte Birol. Betroffen seien nicht nur Energielieferungen, sondern auch Düngemittel, Petrochemikalien und andere wichtige Güter.

IEA-Chef sieht Herausforderungen für deutsche Wirtschaft

Die Auswirkungen seien global spürbar, träfen jedoch Entwicklungsländer besonders hart. Steigende Energie- und Lebensmittelpreise sowie eine beschleunigte Inflation könnten dort zu erheblichen wirtschaftlichen Verwerfungen und steigender Verschuldung führen. Auch Europa, Japan und Australien müssten mit deutlichen Belastungen rechnen, warnte Birol.

Er äußerte sich auch zu Deutschland. Das Land befindet sich „in einer schwierigeren Lage, was Erdgas und zuverlässige Stromquellen wie die Kernenergie und damit auch die Strompreise angeht“, so der IEA-Chef. Die deutsche Wirtschaft und Industrie werde voraussichtlich in „den kommenden Wochen, Monaten oder sogar Jahren“ vor großen Herausforderungen stehen, fügte er hinzu.

Die IEA-Staaten haben bereits mit der Freigabe strategischer Ölreserven reagiert. Dieser Prozess laufe schrittweise weiter, könne die Krise jedoch lediglich abmildern. Als entscheidend bezeichnete Birol eine Wiederöffnung der Straße von Hormus. Solange diese blockiert bleibe, drohten weitere massive Versorgungsengpässe. Es zeichne sich ein „schwarzer April“ ab, nachdem bereits der März von erheblichen Störungen geprägt gewesen sei.

Zusätzlich verschärft wird die Lage durch Schäden an Energieinfrastruktur im Nahen Osten. Die Wiederherstellung werde Zeit in Anspruch nehmen, so Birol.

Birol ruft zu Energiesparmaßnahmen auf

Die Krise dürfte laut Birol den Ausbau erneuerbarer Energien beschleunigen, da Solar- und Windanlagen vergleichsweise schnell installiert werden können. Zudem könnte die Nutzung von Kernenergie – einschließlich kleiner modularer Reaktoren – neuen Auftrieb erhalten, hieß es. Auch die Elektromobilität dürfte nach Einschätzung des IEA-Chefs schneller voranschreiten.

Kurzfristig rief Birol die Staaten dazu auf, Energie sparsamer zu nutzen und die Effizienz zu steigern. Die aktuellen Entwicklungen seien zwar geopolitisch bedingt, würden jedoch die Architektur des globalen Energiesystems grundlegend verändern – ein Prozess, der sich über Jahre erstrecken dürfte. (mit AFP)