Nahost-Krieg

Hormus erneut dicht: USA attackieren Schiff, Iraner drohen mit Vergeltung

Die USA greifen ein iranisches Schiff an, Märkte in Aufruhr. Die zweite Hormus-Blockade trifft die Weltwirtschaft härter als die erste. Eine Analyse.

Boot vor Tanker in der Straße von Hormus vor der Küste des Irans.
Boot vor Tanker in der Straße von Hormus vor der Küste des Irans.Asghar Besharati

Es ist noch dunkel über dem Persischen Golf, als an diesem Montagmorgen feststeht: Die kurze Hoffnung auf Entspannung ist vorbei. In den vergangenen Stunden hat sich die Lage in der Straße von Hormus dramatisch zugespitzt. Die Vereinigten Staaten haben am Sonntag ein unter iranischer Flagge fahrendes Frachtschiff angegriffen und beschlagnahmt, das versucht haben soll, die US-Seeblockade nahe der Straße von Hormus zu umgehen. Es war die erste entsprechende Aktion seit Beginn der US-Blockade iranischer Häfen in der vergangenen Woche.

Irans Militär erklärte, die „aggressiven USA“ hätten in Verletzung des Waffenstillstands und „Piraterie“ ein iranisches Handelsschiff in den Gewässern des Oman angegriffen. Die US-Streitkräfte hätten das Schiff geentert und die Navigationsausrüstung zerstört.

Kein Tanker passiert die Meerenge mehr

Am Sonntag passierte kein einziger Tanker die Straße von Hormus, wie Tracking-Daten zeigten. Iran warnte am frühen Montag, es könne den globalen wirtschaftlichen Druck aufrechterhalten, während Schiffe die Meerenge nicht passieren konnten und Hunderte Schiffe an beiden Enden auf Freigabe warteten.

Die Ölmärkte reagierten umgehend: Brent-Rohöl stieg um rund sieben Prozent auf 96,88 US-Dollar pro Barrel (159 Liter), US-Rohöl legte um sieben Prozent auf 90,33 US-Dollar zu. US-Energieminister Chris Wright sagte CNN, die Benzinpreise – im nationalen Durchschnitt bei 4,05 Dollar pro Gallone – würden möglicherweise erst „nächstes Jahr“ wieder unter drei Dollar sinken.

Die zweite Blockade ist gefährlicher als die erste

Was hier geschieht, ist keine bloße Fortsetzung. Es ist eine Eskalationsstufe. Die erste Schließung der Meerenge Ende Februar löste im Westen massive Turbulenzen aus: Energiepreise explodierten, die Börsen taumelten, Prognosen eines allgemeinen wirtschaftlichen Einbruchs machten die Runde.

Nach einer zehntägigen Waffenruhe zwischen Israel und der Hisbollah hatte Iran die Meerenge für wenige Stunden geöffnet – eine Phase der trügerischen Entspannung. Dann die Kehrtwende: Am Samstag erklärte Teheran, man habe die Straße von Hormus erneut geschlossen, als Reaktion auf die Weigerung der USA, ihre Seeblockade aufzuheben.

Bestätigung der verfahrenen Lage

Diese zweite Blockade ist aus drei Gründen verheerender als die erste. Erstens: Sie kommt nicht mehr als Schock, sondern als Bestätigung, dass eine schnelle Lösung unmöglich ist. Die Märkte, die Reedereien, die Versicherer – sie alle preisen nun einen lang anhaltenden Konflikt ein.

Zweitens: Es wird tatsächlich geschossen. Die iranischen Revolutionsgarden feuerten am Samstag auf zwei indisch beflaggte Schiffe; Iran kündigte an, Schiffe würden nicht passieren, solange die US-Blockade – in Kraft seit dem 13. April – bestehen bleibe. „Es ist unmöglich, dass andere die Straße von Hormus passieren, während wir das nicht können“, sagte Parlamentssprecher Mohammad Bagher Ghalibaf. Drittens – und das ist die eigentliche Zäsur: Erstmals greifen auch die USA aktiv Schiffe an, nicht nur verbal. Was zuvor Drohung war, ist nun Praxis.

Für die Islamische Republik ist die Schließung der Meerenge ihre vielleicht mächtigste Waffe, die Trump massive Probleme bereitet. Für die Vereinigten Staaten drückt die Blockade Irans ohnehin geschwächte Wirtschaft. Zwei Hebel, die aufeinander einwirken – und die Weltwirtschaft dazwischen.

Ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg

Der Ausgangspunkt darf nicht vergessen werden. Am 28. Februar 2026 initiierten die USA und Israel unter dem Namen „Operation Epic Fury“ koordinierte Luftangriffe auf Iran, die militärische Einrichtungen, nukleare Anlagen und die Führung ins Visier nahmen und zum Tod des Obersten Führers Ali Khamenei führten. Die Überraschungsangriffe wurden während laufender Verhandlungen zwischen Iran und den USA gestartet. Ein Angriff während Verhandlungen – das ist nicht Krieg nach Regeln, das ist dessen Negation.

Die Erosion des Völkerrechts, die mit dem Nato-Krieg gegen Jugoslawien 1999 begann und sich über Irak 2003, Libyen 2011 und die Gaza-Kriege fortgesetzt hat, erreicht nun eine neue Qualität. Die UN-Charta, kodifiziert nach 1945, um genau solche Angriffskriege zu verhindern, ist de facto suspendiert.

Es gibt keine Sanktion, keinen Sicherheitsratsbeschluss, keine Gerichtsbarkeit, die diesen Krieg stoppt. Stattdessen greift die Logik des Stärkeren – und zivile Opfer sind keine Betriebsunfälle mehr, sondern strukturelles Merkmal.

Wenn Kinderkörper brennen

Der mutmaßliche US-Angriff auf eine Schule in Minab, Iran, war besonders grauenhaft und tötete schätzungsweise 175 Menschen. Die meisten der Toten waren Kinder – vermutlich die größte Zahl an Kinderopfern bei einem einzigen US-Militärangriff seit dem My-Lai-Massaker in Vietnam 1968.

Am 28. Februar 2026, dem ersten Tag des Iran-Kriegs 2026, wurde die Shajareh-Tayyebeh-Mädchengrundschule im Stadtteil Shahrak-e Al-Mahdi in Minab, Provinz Hormozgan, durch einen Raketeneinschlag zerstört.

Dies ist kein Kollateralschaden. Am 7. März meldete der Rote Halbmond, dass über 6668 zivile Einheiten von US-israelischen Angriffen getroffen worden seien, darunter 5535 Wohngebäude, 1041 gewerbliche Einheiten, 14 medizinische Zentren, 65 Schulen und 13 Einrichtungen des Roten Halbmonds. Die USA nutzten Berichten zufolge sogenannte Double-Tap-Luftangriffe.

Die perfiden Doppelangriffe

Double-Tap-Luftangriffe sind Angriffe, bei denen ein Ziel erst einmal bombardiert oder beschossen wird und kurz danach ein zweiter Angriff auf denselben Ort folgt. Der zweite Schlag trifft oft Menschen, die nach dem ersten Angriff helfen wollen, also Rettungskräfte, Sanitäter, Journalistinnen, Journalisten oder andere Zivilpersonen. Deshalb gilt diese Taktik als besonders gefährlich und wird häufig als möglicher Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht beschrieben.

Am 2. April griffen die USA mit zwei Raketen die unvollendete B1-Brücke in Karadsch, Iran, an, wodurch sie teilweise einstürzte. Acht Menschen wurden getötet, mindestens 95 verwundet. Laut Irans Fars News Agency erfolgte der zweite Einschlag, nachdem die Ersthelfer eingetroffen waren. Die Opfer waren örtlichen Angaben zufolge Zivilisten, die unter der Brücke Sizdah Be-dar feierten. Sizdah Be-dar ist ein iranisches Fest am 13. Tag des persischen Neujahrs Nowruz, an dem viele Menschen draußen picknicken und Zeit in der Natur verbringen.

Kriegsrecht wird vorsätzlich geschliffen

Human Rights Watch ist besorgt, dass unter der zweiten Trump-Regierung das Verteidigungsministerium seine internen Schutzvorkehrungen zur Einhaltung des Kriegsrechts bewusst geschwächt hat – darunter die Entlassung leitender Militärjuristen, die Lockerung von Zielprotokollen und die Abschaffung von „Civilian Environment Teams“ und „Red Teams“ in der operativen Befehlskette. Verteidigungsminister Pete Hegseth sprach bei einer Pressekonferenz am 2. März 2026 über „dumme Einsatzregeln“.

Die Logik ist erkennbar: Regeln werden abgeschafft, damit „Siege“ möglich werden. Der Preis dafür sind verbrannte Körper von Kindern; Hunderten von ihnen, eingewickelt in einst weiße Tücher, vom Blut der kleinen zerstörten Leiber getränkt.

Die Frage nach dem Leidensdruck im Westen

Trump hat offen gedroht: „Die Vereinigten Staaten werden jedes einzelne Kraftwerk und jede einzelne Brücke in Iran ausschalten“, schrieb er, falls Iran dem US-Vorschlag nicht zustimme. Das ist keine Verhandlungsrhetorik mehr, das ist die angekündigte systematische Zerstörung ziviler Infrastruktur eines 90-Millionen-Einwohner-Landes.

Während das Leiden der Menschen vor Ort schon jetzt schier unermesslich und für jeden nicht psychopathischen Menschen im Westen kaum fassbar ist, bleibt die entscheidende Frage für europäische Regierungen – und damit auch für Berlin: Wie groß muss der Leidensdruck im Westen werden, bis dem Einhalt geboten wird?

Denn die ökonomischen Folgen sind bereits jetzt massiv. 2024 waren schätzungsweise 84 Prozent der Rohöl- und Derivatlieferungen durch die Meerenge für asiatische Märkte bestimmt. Europa bezieht zwölf bis 14 Prozent seines LNG aus Katar durch die Straße. Bis zu 30 Prozent des international gehandelten Düngemittels transitieren normalerweise die Straße von Hormus.

Von der Bundesregierung ist bisher wenig mehr zu hören als Appelle. Substanzielle diplomatische Bemühungen – ein europäisches Vermittlungsangebot, eine Distanzierung von der offen völkerrechtswidrigen Praxis Washingtons – fehlen. Vermittelt wird in Islamabad, wo Vizepräsident JD Vance, der Sondergesandte Steve Witkoff und Jared Kushner zu Verhandlungen mit Iran anreisen sollen – während gleichzeitig ein iranisches Schiff geentert wird. Verhandlungen unter Feuer sind keine Verhandlungen. Sie sind die Simulation von Diplomatie, während Fakten geschaffen werden.

Das Jahr der neuen Weltordnung

2026 wird als das Jahr in die Geschichte eingehen, in dem die nach 1945 aufgebaute völkerrechtliche Architektur endgültig ihre Bindungskraft verlor. Das ist keine Alarmmeldung, sondern eine nüchterne Bestandsaufnahme:

Ein Angriffskrieg ohne UN-Mandat, die gezielte Tötung eines Staatsoberhaupts, die systematische Zerstörung ziviler Infrastruktur, die Beschlagnahmung neutraler Handelsschiffe in internationalen Gewässern, der Tod Hunderter Kinder und Dutzender Familien in Schulen und beim Picknick – all das geschieht ohne völkerrechtliche Konsequenz.

Diese neue Ordnung wird nicht friedlich sein. Sie ist eine Ordnung der Faustpfänder: der Seeweg gegen die Wirtschaft, die Zivilbevölkerung gegen die Verhandlungsposition, das Ölbarrel gegen die politische Stabilität. „Das ist ein Krieg mit langem Atem. Trump hat ihn völlig falsch interpretiert“, sagt der ehemalige US-Stabschef Lawrence Wilkerson – und er hat recht: Wer glaubt, solche Kriege ließen sich kurz halten, glaubt auch, er beherrsche 5D-Schach.

Für Europa, für Deutschland, stellt sich die Frage, ob man Zuschauer bleibt, bis die Tankstellen leer sind und die Düngemittelpreise die Landwirtschaft ruinieren – oder ob europäische Diplomatie den Mut findet, eigene Positionen zu formulieren. Bislang ist davon wenig zu sehen. Das könnte sich ändern müssen. Denn die Straße von Hormus liegt weit weg, aber sie ist näher, als wir denken.