Die CIA und der britische Auslandsgeheimdienst MI6 haben einem Medienbericht zufolge bereits ab Herbst 2021 präzise Hinweise darauf gesammelt, dass Wladimir Putin eine groß angelegte Invasion der Ukraine vorbereitete. Die Recherche des Guardian stützt sich nach eigenen Angaben auf mehr als 100 Interviews mit Geheimdienst-, Militär-, Diplomatie- und Regierungsinsidern aus mehreren Ländern.
Demnach reiste CIA-Direktor William Burns im November 2021 im Auftrag von Joe Biden nach Moskau, um Putin vor den politischen und wirtschaftlichen Folgen eines Angriffs zu warnen. Zu einem persönlichen Treffen kam es laut Guardian nicht mehr, stattdessen führte Burns ein Telefonat über eine gesicherte Leitung. Burns schildert in dem Bericht, er sei nach den Gesprächen deutlich stärker von der Kriegsgefahr überzeugt gewesen und habe Biden anschließend auf dessen Nachfrage klar signalisiert, er halte einen Angriff für wahrscheinlich.
Welche Hinweise CIA und MI6 sahen
Als wichtigste, relativ „sichtbare“ Indikatoren nennt die Recherche Truppenbewegungen nahe der ukrainischen Grenze, die teils auch auf kommerziellen Satellitenbildern erkennbar gewesen seien. Dazu kamen abgefangene militärische Kommunikation, die zwar nicht ausdrücklich von einer Invasion gesprochen habe, aber auf Vorbereitungen hindeutete, sowie Informationen über Aktivitäten prorussischer Akteure in der Ukraine und Maßnahmen in Russland, die auf eine größere Operation schließen ließen. Ein zentraler Teil der Erkenntnisse sei aus Satellitenaufklärung und Funk- beziehungsweise Signalaufklärung gewonnen worden.
Washington und London seien demnach zunehmend davon ausgegangen, dass es nicht um eine begrenzte Operation im Donbas ging, sondern um einen Angriff auf das ganze Land mit dem Ziel, Kiew einzunehmen und einen Machtwechsel zu erzwingen. In Washington habe dazu ab Dezember 2021 ein ressortübergreifendes Team regelmäßig Szenarien beraten.
Warum viele Verbündete nicht überzeugt waren
Der beschreibt die Monate vor dem Angriff als Mischung aus „Treffer“ und „Fehlschlüssen“. CIA und MI6 hätten das Invasionsszenario im Kern richtig eingeschätzt, zugleich aber den Kriegsverlauf falsch bewertet und anfangs mit einem schnellen russischen Erfolg gerechnet. In mehreren europäischen Hauptstädten habe es dagegen eine grundsätzliche Blockade gegeben: Ein großer Landkrieg in Europa erschien vielen als unvorstellbar. Dazu kam tiefes Misstrauen, gespeist aus den Erfahrungen vor dem Irak-Krieg 2003, als sich US- und britische Geheimdienstinformationen zu angeblichen Massenvernichtungswaffen später als falsch erwiesen.
Selbst als die USA begannen, Informationen gezielt zu teilen und teils auch zu deklassifizieren, blieb die Skepsis laut Guardian verbreitet. Europäische Regierungen hätten zwar Warnungen erhalten, zugleich aber den Eindruck gewonnen, amerikanische Einschätzungen weitgehend auf Vertrauensbasis akzeptieren zu müssen, weil besonders sensible Quellen und Methoden nicht offengelegt werden konnten.
Angst vor Panik: Selenskyj spielte Warnungen herunter
In Kiew habe Präsident Wolodymyr Selenskyj die Warnungen nach Darstellung des Guardian lange öffentlich heruntergespielt. Dem Bericht zufolge fürchtete Selenskyj, eine offene Debatte über einen bevorstehenden Großkrieg könnte Panik auslösen und eine wirtschaftliche und politische Krise beschleunigen, also genau das bewirken, was Russland erreichen wolle. Gleichzeitig registrierten ukrainische Sicherheitsbehörden laut der Recherche Hinweise auf intensivere russische Einflussarbeit, unter anderem Versuche der Anwerbung und Kontakte zwischen russischen Geheimdienstvertretern und ukrainischen Akteuren.
Der Guardian schildert außerdem, dass einzelne Stellen im ukrainischen Sicherheitsapparat und in den Streitkräften trotz der politischen Zurückhaltung leise Vorbereitungen trafen. Offizielle Maßnahmen wie eine frühe Verhängung des Kriegsrechts seien jedoch zunächst ausgeblieben.
Die letzten Wochen vor dem 24. Februar 2022
In der zweiten Januarhälfte 2022 seien die US-Informationen nach Guardian-Darstellung noch konkreter geworden, inklusive Szenarien mehrerer Angriffsachsen, des Versuchs einer schnellen Einnahme strategischer Punkte rund um Kiew und Warnungen vor gezielten Attacken auf die ukrainische Führung. Gleichwohl hätten sich Frankreich und Deutschland bis zuletzt an die Möglichkeit einer diplomatischen Abwendung geklammert.
Am 24. Februar 2022 begann Russland die Invasion. Der Guardian beschreibt als eine der entscheidenden Zäsuren, dass Selenskyj entgegen westlicher Erwartungen in Kiew blieb und sich rasch zum Symbol des Widerstands entwickelte. Die Recherche zeigt damit nicht nur, wie früh US-amerikanische und britische Geheimdienste vor einem Krieg warnten, sondern auch, welche Folgen es hatte, dass politische Entscheidungsträger in Europa diese Warnungen lange nicht akzeptierten.




