Die griechische Polizei rekrutiert nach Recherchen der BBC systematisch Migranten als maskierte Hilfskräfte, um andere Migranten gewaltsam über die Landgrenze zur Türkei zurückzutreiben. Interne Polizeidokumente, Zeugenaussagen und offizielle Berichte belegen laut BBC ein seit mindestens 2020 bestehendes System sogenannter Söldner, die unter Anleitung hochrangiger Beamter operieren.
Sogenannte Pushbacks – das Zurückdrängen von Migranten und Asylsuchenden ohne rechtsstaatliches Verfahren – gelten nach internationalem Recht als illegal. Ein Polizeiquelle aus der Region sagte der BBC, es gebe „keinen Soldaten, Polizisten oder Frontex-Beamten in Evros, der nicht weiß, dass Pushbacks stattfinden“. Die Söldner würden demnach wöchentlich bis zu Hunderte Menschen zurücktreiben.
Die Recherche dokumentiert schwere Vorwürfe: Zeugen berichten von Raub, Schlägen, sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen durch die maskierten Hilfskräfte. Ein Bericht des unabhängigen Grundrechtsbüros innerhalb von Frontex zu einem Vorfall vom Juni 2023 stellte fest, dass zehn bis zwanzig Drittstaatsangehörige auf Anweisung griechischer Beamter Migranten körperlich misshandelt, mit dem Tod und Vergewaltigung bedroht sowie deren Besitz gestohlen hatten. Die griechischen Behörden bestritten, dass an jenem Tag Migranten in dem Gebiet aufgegriffen wurden.

Premierminister Mitsotakis bestreitet Kenntnis
Premierminister Kyriakos Mitsotakis erklärte gegenüber der BBC, er sei „völlig ahnungslos“ bezüglich des Einsatzes von Söldnern. Griechenland schütze seine Grenzen, und europäische Staats- und Regierungschefs seien entschlossen, vergangene „Fehler“ eines „massiven Zustroms“ nicht zu wiederholen. Die griechischen Behörden reagierten nicht auf schriftliche Anfragen der BBC.
Die als Söldner eingesetzten Personen stammen laut BBC selbst aus Ländern wie Pakistan, Syrien und Afghanistan. Als Gegenleistung erhielten sie Bargeld, Mobiltelefone anderer Migranten sowie Papiere, die ihnen faktisch die Durchreise durch Griechenland ermöglichten.
Eine syrische Frau berichtete der BBC, ihre Familie sei 2025 in der Stadt Orestiada von der Polizei festgenommen und maskierten Männern übergeben worden. Diese hätten sogar die Windel ihrer Tochter entfernt, um nach Wertgegenständen zu suchen. Ein syrischer Mann schilderte, er sei von Polizisten bewusstlos geschlagen und anschließend mit Dutzenden anderen in einem Lastwagen zur Grenze gebracht worden.
In einer Disziplinaranhörung 2024 bestätigten griechische Grenzbeamte laut BBC-Einblicken die Existenz der Söldner. Ein Beamter gab an, 2020 den Auftrag erhalten zu haben, „Bootsmänner“ für Pushbacks zu finden, da Covid und Spannungen mit der Türkei den Einsatz von Polizisten zu gefährlich machten. Die griechische Menschenrechtskommission hat laut ihrer Vorsitzenden Maria Gavouneli seit 2020 mehr als hundert mutmaßliche Fälle erzwungener Rückführungen in Evros dokumentiert. Frontex wies Vorwürfe zurück, Rechtsverstöße zu ignorieren.


