Verkehrsgeschichte

Spektakuläre Berlin-Touren mit historischen Bussen: Doch etwas fehlt

Nicht nur für BVG-Fans: Die Arbeitsgemeinschaft Traditionsbus bietet seit 1989 Fahrten an. Aber nun muss sie neue Hallenstellplätze in Berlin finden.

Rund 65 Fahrzeuge gehören den Bus-Fans. Geschäftsführer Stefan Freytag vor einem Daimler-Benz O305 aus dem Jahr 1977
Rund 65 Fahrzeuge gehören den Bus-Fans. Geschäftsführer Stefan Freytag vor einem Daimler-Benz O305 aus dem Jahr 1977Emmanuele Contini

Ende April geht es zu den Tatorten von berühmten und berüchtigten Kriminalfällen in Berlin. Mitte Mai steht ein Ausflug in die bewegte Geschichte von Hertha BSC auf dem Programm – ebenfalls in einem historischen Doppelstockbus sowie mit fachkundiger Begleitung.

Das sind nur zwei Beispiele von vielen. Auch in dieser Saison lädt die Traditionsbus GmbH Berlin wieder zu Reisen in die Vergangenheit ein. Doch die Bussammler, die mit einem Bestand von rund 65 Fahrzeugen (von denen knapp 15 fahrfähig sind) die größte historische Busflotte Deutschlands pflegen, haben ein Problem.

„Unsere Hallenstellplätze in Berlin sind gekündigt worden“, sagt Alexander Heller, erster Vorsitzender der Fördervereins. „Wir suchen neue überdachte Abstellmöglichkeiten – aber diese Suche gestaltet sich schwierig. Dabei findet unser Hauptgeschäft in Berlin statt.“

Verkehrsgeschichte zum Anfassen und Mitfahren

So kann man es auch formulieren. Längst hat sich die Arbeitsgemeinschaft, die im Gründungsjahr 1989 nur einen Bus besaß, zu einem wichtigen Akteur der Berliner Nahverkehrsszene entwickelt. Nicht nur mit Themenfahrten halten die Bus-Fans die Erinnerung an einen wichtigen Teil der Geschichte dieser Stadt wach.

Sie pflegen ehrenamtlich historische Fahrzeuge von zum Teil hohem musealen Wert, eine Aufgabe, die sonst kaum jemand übernehmen mag. Die Busse können für Filmaufnahmen, Hochzeiten und Events gemietet werden. Es gibt auch ein sehr niedrigschwelliges Angebot: Auf der BVG-Ausflugslinie 218, die zwischen Messe Nord, Wannsee und der Pfaueninsel verläuft, sind Traditionsbusse aus dem Bestand der Berliner Fahrzeugsammler im Einsatz – zum BVG-Tarif, ohne Zuschlag.

Beim Ausflug ins kriminelle Berlin möchte der Verein diesen MAN SD 200 aus dem Jahr 1980 einsetzen. Das Fahrzeug kann man auch auf der Linie 218 zwischen Messe Nord und Pfaueninsel erleben – zum regulären BVG-Tarif. Hier hält es am Bahnhof Wannsee.
Beim Ausflug ins kriminelle Berlin möchte der Verein diesen MAN SD 200 aus dem Jahr 1980 einsetzen. Das Fahrzeug kann man auch auf der Linie 218 zwischen Messe Nord und Pfaueninsel erleben – zum regulären BVG-Tarif. Hier hält es am Bahnhof Wannsee.Christina Vodosek

Alexander Heller gehört zu den Aktiven, die sich um die Fahrzeuge und den Betrieb kümmern. Sein Werdegang ist typisch: Im Teenie-Alter fing er sich das Bus-Virus ein. „Ich wohnte an der Linie 222, wo damals die ältesten Busse Berlins eingesetzt wurden.“ Mit 13 Jahren wurde Heller Vereinsmitglied. Heute ist der Berliner 31 Jahre alt und als Ingenieur bei einem großen Schienenfahrzeughersteller auch im Bahnbereich tätig.

Verkehrsgeschichte zum Anfassen und Mitfahren, mit Bussen, die einst bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) im Westen der Stadt im Einsatz waren: Diesem Ziel haben sich die Bus-Fans seit mehr als drei Jahrzehnten verschrieben. Doch es wird immer schwieriger, den Betrieb zu sichern und das nötige Geld zu verdienen, bedauert Heller.

Die größte Herausforderung tauchte 2023 auf, als der Verein die Hallen an der Daumstraße im Spandauer Ortsteil Haselhorst aufgeben musste. Zwar fand er ein neues Domizil, das zudem in puncto Größe, Preis und Ausstattung einen Fortschritt darstellt. Doch es liegt in Rathenow, rund zwei Fahrstunden entfernt. Deshalb ist es so wichtig, dass zumindest einige Busse in Berlin sicher in Hallen untergestellt werden können. „Weil wir sie vor Graffiti und Vandalismus schützen wollen“, erklärt Heller.

Dringend gesucht: Eine Halle und ein Busfahrer

Ende November 2025 wurden allerdings die Stellplätze in Tempelhof gekündigt, berichtet Geschäftsführer Stefan Freytag. „Sechs Plätze gingen zum 31. Dezember 2025 in der Industriestraße flöten, wo unsere Busse wenigstens unter Dach standen.“ Zwei weitere Stellplätze auf dem Gelände fielen Ende März 2026 weg. An drei Stellen fanden sich Ausweichorte, aber die Lage bleibt prekär. Ende April 2026 ist Schluss in der Ordensmeisterstraße, wo derzeit noch drei Busse stehen dürfen.

Um den Alltagsbetrieb effizient leisten zu können, der sich auf der BVG-Linie 218 und für Schulen in Steglitz-Zehlendorf und Marienfelde abspielt, braucht es Stellplätze sowie ein Büro in Tempelhof oder Steglitz-Zehlendorf. „Vielleicht geschieht noch ein Wunder und uns öffnet sich eine geeignete Halle“, hofft Freytag. Immerhin: Die freigewordene Fahrer-Minijobstelle wurde inzwischen neu besetzt.

Zudem wurden einige Bus-Stellplätze, die sich nicht in einer Halle befinden, gefunden. Das entspannt die Lage. „Trotzdem brauchen wir weiterhin auch neue überdachte Stellflächen“, sagt Alexander Heller.

Während des Bus-Ausflugs ins kriminelle Berlin am 26. April steht auch eine Besichtigung der Untersuchungshaftanstalt II in der Keibelstraße in Mitte auf dem Programm.
Während des Bus-Ausflugs ins kriminelle Berlin am 26. April steht auch eine Besichtigung der Untersuchungshaftanstalt II in der Keibelstraße in Mitte auf dem Programm.Alexander Heller

Die Lage ist ernst – auch weil die Inflation die Kosten in die Höhe treibt. Weil die alten Busse leichter sind als moderne Fahrzeuge, keine Klimaanlagen besitzen und auch sonst wenige Stromfresser an Bord haben, brauchen sie weniger Kraftstoff. Trotzdem schlucken sie pro hundert Kilometer immer noch 38 bis 40 Liter Diesel, erklärt Heller.

Themenfahrten wie am 26. April tragen zu den nötigen Einnahmen bei. „Dann starten wir am Zoo zu einer sechseinhalbstündigen Fahrt durch das kriminelle Berlin“, erklärt er. Mit einem MAN SD 200 von 1980 geht es unter anderem nach Steglitz, wo ein Bankräuber 2003 einen BVG-Doppeldecker kaperte, oder nach Schöneberg, wo 1986 bei einem Bombenanschlag auf die Diskothek La Belle drei Menschen starben.

Fahrt zum S-Bahn-Mörder nach Karlshorst

Der heutige Ostbahnhof steht ebenfalls auf dem Programm. Als sich an dieser Stelle der Schlesische Bahnhof befand, hatte der Serienmörder Carl Großmann, dem bis zu hundert Frauenmorde zugeschrieben wurden, dort seinen Wurststand. Karlshorst, wo der S-Bahn-Mörder Paul Ogorzow lebte, sowie die ehemalige Untersuchungshaftanstalt II an der Keibelstraße sind weitere Ziele. Das Ticket kostet 70, ermäßigt 55 Euro. Mittagessen ist inklusive, Toilettenstopps gehören auch dazu.

Ein Büssing-Autobus vom Typ „Präsident“: Auch dieser Bus ist in der Sammlung vertreten. Auf diesem Bild wartet BVG-Fahrzeug 237 im Januar 1971 auf dem Hardenbergplatz am Bahnhof Zoo.
Ein Büssing-Autobus vom Typ „Präsident“: Auch dieser Bus ist in der Sammlung vertreten. Auf diesem Bild wartet BVG-Fahrzeug 237 im Januar 1971 auf dem Hardenbergplatz am Bahnhof Zoo.Dieter Gammrath. Archiv Ralf Ziegenhirt, Traditionsbus Berlin

Wenn der Kurfürstendamm am 9. und 10. Mai Bühne für automobile Klassiker wird, lädt der Verein zu Classic-Days-Rundfahrten ein (3,50, ermäßigt 2,50 Euro). „Schuss, Tor, hinein! Die Geschichte des Hertha BSC“: Das ist am 17. Mai Thema einer weiteren Rundfahrt. Sie startet (wo sonst) am Hanne-Sobek-Platz in Gesundbrunnen.

„Mit unseren Fahrten sprechen wir nicht nur Fans des öffentlichen Verkehrs an“, erklärt Alexander Heller. Wer an der Berliner Geschichte interessiert ist, wird im Veranstaltungskalender etwas für sich finden. Und jeder, der ein Ticket kauft, hilft dem einzigartigen Fan-Verein.