Brandstiftung?

„Plötzlich ein Rumms!“ – Haus in Schöneberg nach Explosion teilweise unbewohnbar

Ein lauter Knall, dann Feuer: Nach einer Explosion in einem Altbau mussten zahlreiche Bewohner ihre Wohnungen verlassen. Teile des Hauses drohen einzustürzen.

Durch die Explosion wurde die Hauswand im obersten Geschoss gefährlich nach außen gedrückt.
Durch die Explosion wurde die Hauswand im obersten Geschoss gefährlich nach außen gedrückt.Paul Zinken/Berliner Zeitung

Ein DIN-A4-großer Zettel klebt von innen an der Scheibe der Haustür des fünfgeschossigen Mietshauses in der Potsdamer Straße in Schöneberg. „Bauaufsichtlich gesperrt“ ist darauf in großen roten Lettern zu lesen. Darunter: „Sofortige Vollziehung“. Als Begründung hat jemand mit Kugelschreiber notiert, dass „die Gefahr durch herabstürzendes Mauerwerk“ bestehe. Die Tür ist abgeschlossen.

Eine Explosion in einem der beiden Seitenflügel des weiß verputzten Hauses hat am Montagabend die Mieter der 30 Wohnungen aufgeschreckt. Dann brach im obersten Geschoss ein Feuer aus.

Feuerwehr und Polizei rückten an, um den Brand zu löschen und das Gebäude zu sichern. Dafür sei die Potsdamer Straße zwischen Bülowstraße und Goebenstraße bis 0.45 Uhr gesperrt worden, teilt die Polizei mit. Davon betroffen gewesen sei auch der öffentliche Personennahverkehr, heißt es. Verletzt worden sei niemand.

Torsten Pekas-Baumgarten kehrt an diesem Dienstagmorgen mit seinem Dackel Kasper vom Gassigehen zurück. Der 62-Jährige trägt eine rostbraune Hose, eine schwarze Jacke und Turnschuhe. Er habe vergangene Nacht wenig geschlafen, sagt er. Um dann zu erzählen, dass er Glück hatte, weil er in seine Wohnung zurückdurfte, die im anderen Seitenflügel liege.

„Gegen 21.30 Uhr hat es plötzlich so einen komischen Rumms und ein kurzes Beben gegeben, so als hätte jemand einen Kühlschrank aus dem Fenster geworfen“, erzählt Pekas-Baumgarten. Sein achteinhalbjähriger Dackel sei kurz aufgeschreckt, dann habe wieder Ruhe geherrscht. Bis die Rettungskräfte auch an seiner Tür geklopft hätten.

Von den zwei Treppenhäusern, die es im Haus gibt, darf laut Pekas-Baumgarten der eine Weg nach oben wegen der Explosionsschäden nicht mehr benutzt werden. Er selbst erreiche seine Wohnung über das andere, nicht gesperrte Treppenhaus.

Der Zettel an der Haustür verkündet: Das Haus wurde von der Bauaufsicht gesperrt.
Der Zettel an der Haustür verkündet: Das Haus wurde von der Bauaufsicht gesperrt.Paul Zinken/Berliner Zeitung

Warum ein Großteil des Hauses baupolizeilich gesperrt ist, zeigt sich auf der Rückseite des u-förmig verlaufenden und mit einem Zaun gesicherten Altbaus. Der Hof, auf dem die Mülltonnen stehen und auch Fahrräder abgestellt sind, ist mit rot-weißem Flatterband abgesperrt.

Ganz oben, in der fünften Etage, fehlen Teile der Fassade. Die Außenwand ist bedrohlich nach außen gedrückt – als würde sie gleich in die Tiefe stürzen. Im Mauerwerk sind tiefe Risse erkennbar. Die Scheiben zweier Fenster in der Unglückswohnung gibt es nicht mehr. Unter dem Dach klaffen zwei große Loch.

Die Wohnungstür der betroffenen Wohnung soll völlig verrußt sein, heißt es vor Ort. Die Polizei habe sie versiegelt. Schon einmal soll es in der Wohnung einen ähnlichen Vorfall gegeben haben, erzählen Anwohner.

Im Hof des Gebäudes steht der Hauswart hinter der Absperrung, er telefoniert und schaut dabei immer wieder nach oben. Sagen will er nichts. Auch Marco S. ist wortkarg, als er vor seinem Wohnhaus eintrifft. Er hat einen Rucksack dabei und ist sichtbar aufgeregt. Denn es war offenbar seine Wohnung, in der das Unglück geschah.

Er sei nicht zu Hause gewesen, sagt der 38-Jährige kurz angebunden. Dann erkundigt er sich bei Torsten Pekas-Baumgarten, wo das nächste Polizeirevier sei. Der Nachbar erklärt ihm den Weg, sagt, dass er sich dort auch wegen einer Ersatzwohnung erkundigen könne.

Zwei Bewohner bekamen Notunterkünfte zugewiesen

Eva Majewski Sparacino, CDU-Bezirksstadträtin in Tempelhof-Schöneberg, ist auch zuständig für die Bauaufsicht. Sie sagt, noch in der Nacht sei ein Mitarbeiter des Bezirksamtes vor Ort gewesen. Als Vertreter der Ordnungsbehörde habe er den betroffenen Seitenflügel sperren müssen – „im Sinne der Gefahrenabwehr“.

Eine Rückkehr in die Wohnungen sei für die Mieter erst möglich, wenn die Hausverwaltung oder der Eigentümer die Standsicherheit des Gebäudes durch einen Prüfingenieur nachweislich belegen könne. Majewski betont, sie sei froh, dass es zu keinen ernsthaften Personenschäden gekommen sei und der Brand schnell von der Feuerwehr gelöscht werden konnte.

Die von der Sperrung der Wohnungen betroffenen Bewohner wurden vom Sozialamt bei der Suche nach Notunterkünften unterstützt, sofern sie nicht bei Freunden oder Bekannten unterkommen konnten. Nach Angaben von CDU-Sozialstadtrat Matthias Steuckardt habe ein Unterbringungsbedarf für zwei Personen bestanden.

Wie es zu der Explosion und dem anschließenden Feuer kommen konnte,  kann die Polizei am Dienstag noch nicht sagen. Das Brandkommissariat des Landeskriminalamtes ermittelt nun wegen des Verdachts der schweren Brandstiftung.

Hinter dem betroffenen Altbau bilden Neubauten eine Art Hof, auf dem sich ein Spielplatz befindet. Altes und neue Gebäude stehen auf historischem Gelände. Auf dem Areal befand sich bis 1973 der Sportpalast.

Eine Tafel verkündet, dass am 18. Februar 1943 der „nationalsozialistische Reichspropagandaminister hier auf einer Großkundgebung die demagogischen Fragen ‚Wollt ihr den totalen Krieg? Wollt ihr ihn, wenn nötig totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt vorstellen können?‘“ stellte.

Rettungskräfte waren bis 4 Uhr morgens im Einsatz

Faik Bayram wohnt im dritten Stock eines Neubaus, der direkt neben dem Unglückshaus steht. Der 62-Jährige sagt, er habe gerade eine Serie geschaut, als er einen Knall vernommen habe. „Ich bin auf den Balkon, es hat ganz komisch gerochen“, sagt er. Polizei und Feuerwehr seien sehr schnell vor Ort gewesen und bis 4 Uhr morgens geblieben.

Von einer Explosion, die sich schon einmal vor einiger Zeit in dem Nachbarhaus ereignet haben soll, weiß Bayram nichts. Aber er nennt es trotzdem das Unglückshaus. Denn vor drei Jahren sei dort ein Mann aus dem fünften Stock gefallen und auf dem Weg ins Krankenhaus verstorben.