Winterwahnsinn

„Fressen oder gefressen werden“: In Berlin reichen null Grad und Regen für ein Großchaos

Straßenbahnen kommen nicht vom Fleck, U-Bahnen fallen aus. Der Grund sind vereiste Oberleitungen. Früher waren die kein Problem.

Gedränge in der Berliner U-Bahn.
Gedränge in der Berliner U-Bahn.BLZ

Der Bahnsteig der U5 ist brechend voll an diesem Montagmorgen. Auf der Anzeigetafel steht, dass der gesamte Tramverkehr eingestellt wurde. Der ist im Osten der Stadt besonders wichtig. Darum platzt der Bahnhof Samariterstraße aus allen Nähten. Als die Bahn endlich kommt, geht das große „fressen oder gefressen werden“ los. Wer hat die spitzesten Ellenbogen und schafft es rein? „Na toll!“, flucht ein älterer Mann, der es nicht in die Bahn schafft: „Ist ja nicht so, als hätte ich einen wichtigen Termin, den ich verpasse, wenn das so weitergeht!“

Es braucht nicht viel, um den Verkehr in Berlin zusammenbrechen zu lassen. Leichter Regen, Temperaturen um die null Grad – schon geht vielerorts gar nichts mehr. Auf den Oberleitungen der Straßenbahnen hatte sich am Montag eine Eisschicht gebildet. Sie wirkte isolierend, unterbrach die Stromversorgung. Kein neuartiges Phänomen, doch die BVG fiel aus allen Wolken.

Zum Leidweisen auch ihrer Mitarbeiter. Dutzende Tramfahrer wurden von dem Eisregen auf der Strecke erwischt. Ihre Züge blieben stehen, schafften es nicht mehr in den Betriebsbahnhof. Einige mussten Überstunden machen, um ihre Züge zu bewachen, die nicht mehr von der Stelle kamen. Als die BVG dann zuversichtlich mitteilte, Techniker würden „mit Hochdruck“ an Lösungen arbeiten, war jedem Berliner klar: Das wird dauern.

Glatteis in Berlin
Glatteis in BerlinHenk Hogerzeil/Berliner Zeitung

„Da kann man sich ja den Eintritt ins Vabali sparen“

Zeitgleich fielen auch U-Bahnen aus. Wo sie oberirdisch fahren, ging stellenweise nichts mehr. Auch hier waren Oberleitungen vereist. Damit war in manchen Gegenden das Chaos perfekt. Vor allem in jenen Teilen im Osten, in denen Straßenbahnen unverzichtbar sind. Zur Arbeit mussten die Leute natürlich trotzdem. Das sogenannte Wegerisiko liegt beim Arbeitnehmer: Er muss alles Menschenmögliche tun, um pünktlich zu erscheinen. Sonst wird er nicht bezahlt, kann sogar abgemahnt werden.

Also quetschten sich die Berliner in alles, was noch fuhr. Auch der ältere Herr schaffte es irgendwann in eine U5 Richtung Hauptbahnhof. Der Wagen war mehr als voll, wurde schnell zur Sauna. Die Menschen lagen fast aufeinander. „Da kann man sich ja den Eintritt ins Vabali sparen“, sagte ein junger Kerl lachend zu seinem Freund.

Beschlagene U-Bahn-Fenster und grimmige Fahrer

An den Stationen kam fast keiner mehr rein. Die Fenster beschlugen. Der U-Bahn-Fahrer schrie durch die Lautsprecher, man solle die „Ausgänge frei halten“. Das Unmögliche fordern, mit Schnodderschnauze – dit is Berlin!

Man muss schon kaum noch dazusagen, dass auch andere öffentliche Versorger den Betrieb am Montag vorsichtshalber einstellten. Sämtliche Recyclinghöfe der Stadtreinigung wurden umgehend für den Publikumsverkehr geschlossen. Die Müllabfuhr ließ ihre Fahrzeuge auch lieber gleich im Depot. Öffentliche Gärten und Parks blieben geschlossen – „zum Schutz der Besucher“, versteht sich.

Kälteströme aus Russland treffen auf Berlin

So wird es in den nächsten Tagen weitergehen, wenn nicht alles täuscht. Kälteströme aus Russland bestimmen weiterhin die Großwetterlage. Schon in der Nacht zum Dienstag ist laut Wetterdienst wieder mit Glätte zu rechnen.

Vielleicht wäre es für die BVG-Verantwortlichen an der Zeit, mal in der Museumsabteilung anzuklopfen. In Frankfurt am Main haben sie bei vereisten Oberleitungen vor einiger Zeit mal gute Erfahrungen mit historischen Straßenbahnen gemacht. Die Oldtimer aus den 1950er-Jahren hatten auf der Strecke keine Probleme, wenn sie für einige Sekunden keinen Strom mehr hatten. Sie fuhren einfach weiter. So machten das die Bahnen früher. Toller Nebeneffekt: Mit ihren robusten Stromabnehmern kratzten die Museumswagen das Eis von den Leitungen.

Moderne Straßenbahnen sind äußerst empfindlich. Sobald die Stromversorgung auch nur für Sekundenbruchteile unterbrochen ist, wird alles heruntergefahren. Das scheint bei den modernen Menschen manchmal ähnlich zu sein.