Deutsche Bahn

„Kaum zu glauben“: ICE-Fahrt nach Hannover macht DB-Mitarbeiter fassungslos

Die Deutsche Bahn überrascht ihre Fahrgäste gelegentlich. Ich bin tatsächlich pünktlich angekommen. Leider war das nur die halbe Geschichte. Eine Glosse.

Verspätungen bei der Deutschen Bahn sind nichts Neues. Eine Fahrt nach Hannover machte jedoch sogar einen Mitarbeiter fassungslos.
Verspätungen bei der Deutschen Bahn sind nichts Neues. Eine Fahrt nach Hannover machte jedoch sogar einen Mitarbeiter fassungslos.Ralph Peters/imago

Für deutsche Comedians sind Witze über die Deutsche Bahn meist ein Armutszeugnis – ein Akt der Verzweiflung, um die fehlende eigene Kreativität zu kaschieren. Zu einfach. Zu ausgelutscht. Und trotzdem funktionieren sie jedes Mal.

Das kollektive Kopfschütteln der Deutschen über das „Sänk ju for träweling“-Englisch, über nach Mettbrötchen oder Kohlrabi stinkende Waggons und über die immer absurderen Verspätungstiraden bei der Bahn sorgt für ein ähnlich starkes Gefühl des Zusammenhalts wie ein Fußball-Länderspiel – und nach wie vor für großes Gelächter. Wäre der Frust über die Deutsche Bahn ein Song, es wäre ein Evergreen aus der Liga „Stairway to Heaven“.

Dennoch raffen sich jeden Tag Tausende Reisende im Land auf und geben der Bahn eine neue Chance, zu zeigen, dass sie es anders kann. Ach ja, wie naiv wir doch alle sind. Auch in meinen bisherigen 28 Jahren haben sich Verspätungsgeschichten angehäuft, mit denen ich ein Buch füllen könnte, bei dem selbst „Herr der Ringe“-Autor J.R.R. Tolkien sagen würde: „Mein lieber Mann, das ist ein ganz schöner Wälzer.“ Was auf meiner Fahrt von Berlin nach Hannover passierte, habe ich so allerdings auch noch nicht erlebt.

DB-Traditionen: Currywürste und außerplanmäßiger Halt

Ich bin keineswegs ein Bahn-Hasser. Im Gegenteil: Ich liebe das Reisen mit dem Zug – vom stechenden Geruch der Tiefkühl-Currywurst im Bordbistro bis zur rauen „Ist hier noch jemand zugestiegen?“-Durchsage der mies gelaunten Schaffner. All das gehört irgendwie dazu. Und es stört kaum, wenn man dabei auf die endlosen Wiesen und Felder zwischen Stendal und der Zugteilungs-Metropole Hamm blickt. Selbst Verspätungen nehme ich für dieses Freiheitsgefühl beim Reisen in Kauf – zumindest meistens.

An diesem Tag allerdings, als ich meine Großeltern in der Nähe von Hannover besuchen will, wäre es mir dann doch ganz lieb, wenn sich die „Verzögerungen im Betriebsablauf“ in Grenzen halten. Schließlich sind Oma und Opa auch nicht mehr die Jüngsten, da zählt jede Minute des Beisammenseins. So sitze ich also im Zug von Berlin nach Hannover. Freitagmorgen, 9 Uhr, die Sonne scheint, Oma und Opa freuen sich wie Bolle. Alles läuft nach Plan. Noch.

Zehn Minuten nach Spandau dann die erste Ernüchterung: außerplanmäßiger Halt. „Die Deutsche Bahn bleibt sich treu“, denke ich mir – und fange vorsichtshalber an, eine Nachricht an Oma und Opa vorzuformulieren, dass sie nicht vor Weihnachten mit meinem Besuch rechnen sollen. Nach zehn Minuten rollt der Zug langsam wieder weiter. Na immerhin. In meinem Kopf rechne ich mir mit den verbliebenen Fetzen Wissen aus dem Mathe-Leistungskurs aus, dass ich bei diesem Reisetempo gegen 18 Uhr mein Ziel erreichen dürfte. „Wenigstens am gleichen Tag“, denke ich.

Gehört bei jeder guten Bahnreise mit dazu: das Bordbistro – inklusive Currywurst-Geruch.
Gehört bei jeder guten Bahnreise mit dazu: das Bordbistro – inklusive Currywurst-Geruch.Koall/imago

Durchsagen im ICE: In der Regel ein böses Omen

Der Rest der Fahrt verläuft erstaunlich ereignisarm. Bis auf die üblichen Wehwehchen – es funktionieren wie so oft nur zwei Toiletten im ganzen Zug, die Schlange ist jeweils länger als vor Curry36 – ist alles in Ordnung. Das Chili con Carne kostet mittlerweile zwar so viel wie eine Stunde Arbeit zum Mindestlohn, schmeckt aber noch genauso wie früher. Getränke gibt es hingegen leider nicht am heutigen Tag. Kühlung ausgefallen. Das Übliche halt. Trotzdem bin ich den Rest meiner Reise entspannt und dank des sonnigen Wetters nach dem langen Winter auch gut gelaunt. Zumindest bis kurz vor Hannover.

Das Knattern der Lautsprecher kündigt sich wie ein böses Omen an. Der Schaffner meldet sich mit tiefer und leerer Stimme: „Sehr geehrte Fahrgäste, es ist wirklich kaum zu glauben …“, beginnt er. Ich rechne mit dem Schlimmsten. Was ist wohl passiert? Für eine „Verzögerung im Betriebsablauf“ klingt er viel zu konsterniert. Fällt der Zug jetzt ganz aus? Hat die Lokführergewerkschaft kurzfristig zum mehrtägigen Warnstreik aufgerufen? Hat es kurz vor Hannover ein Erdbeben gegeben, das eine große Schlucht zwischen uns und dem Bahnhof gerissen hat? Fahren wir vielleicht sogar auf ein Portal zu, das unseren ICE in eine andere Dimension katapultiert?

Ich rechne mit allem, aber nicht mit dem, was der Schaffner dann verkündet: „Wir erreichen tatsächlich pünktlich auf die Minute Hannover Hauptbahnhof, sie erreichen alle ihre Anschlusszüge planmäßig. Sachen gibt’s.“ Stille. Dann Gelächter. Die finsteren Mienen der anderen Fahrgäste weichen einem kollektiven Aufatmen. Ein paar Reihen hinter mir meine ich, eine Träne der Erleichterung in einem Gesicht zu erkennen. Auch ich muss ordentlich grinsen und schüttele mit meinem Gegenüber ungläubig den Kopf.

Deutsche Bahn: Pünktlich – und trotzdem zu spät

Selbst die DB-Mitarbeiter wissen sich offenbar nur noch mit Galgenhumor zu helfen. Was bei deutschen Comedians heutzutage ein Zeugnis der Ideenlosigkeit ist, scheint für die Angestellten der Deutschen Bahn die letzte Möglichkeit zu sein, die Dauerkrise ihres Arbeitgebers zu verarbeiten und weiterhin jeden Morgen für diesen Chaos-Verein aufzustehen. Man kann es ihnen kaum verdenken. Ich würde es wahrscheinlich auch nicht anders tun.

„Was für ein herrliches Wunder“, denke ich mir. „Dann komme ich ja doch pünktlich bei Oma und Opa an.“ Bitter nur, dass ich die Rechnung dabei ohne meinen Anschlusszug gemacht habe, der auf dem gegenüberliegenden Gleis zehn Minuten später abfahren soll. 30 Minuten Verspätung … Na ja, wäre ja auch zu schön gewesen. Als Grund nennt der Ansager auf dem Bahnsteig „Maßnahmen zur Betriebsstabilisierung“. Verrückt. Diese Begründung habe ich so auch noch nicht gehört. Was genau soll das jetzt heißen? Hat der Lokführer akuten Koffein-Entzug? Muss er eine längere Sitzung auf einem der wenigen funktionstüchtigen Klos abhalten?

Ich versuche, die schwarzhumoristische Konfrontationstherapie der DB-Mitarbeiter nachzuahmen, und höre „Zu spät“ von den Ärzten über meine Kopfhörer. Es funktioniert. Summend und lächelnd warte ich auf den nächsten Zug – in voller Erwartung auf die nächste Geschichte, die ich in meine private DB-Enzyklopädie schreiben kann.

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