Arbeitskampf im Nahverkehr

BVG-Streik bei Frost: Was ein Gewerkschafter verärgerten Fahrgästen in Berlin sagt

Warnstreik für bessere Arbeitsbedingungen: Manuel von Stubenrauch zieht Bilanz. Er kritisiert den harten Kurs der Arbeitgeber und erwartet weitere Eskalation.

Während des Warnstreiks setzte die BVG rund 70 Straßenbahnen ein, die das Fahrleitungsnetz vor dem Vereisen bewahren sollten – hier in Marzahn-Hellersdorf.
Während des Warnstreiks setzte die BVG rund 70 Straßenbahnen ein, die das Fahrleitungsnetz vor dem Vereisen bewahren sollten – hier in Marzahn-Hellersdorf.Matthias Koch/imago

Der Warnstreik bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) ist vorbei. Seit Dienstagfrüh, 3 Uhr, fahren U-Bahnen, Straßenbahnen und Linienbusse wieder. Doch die Verärgerung vieler Fahrgäste wirkt nach. Warum muss Verdi bei klirrender Kälte zum Arbeitskampf aufrufen? Zeit für ein Gespräch mit dem Gewerkschafter Manuel von Stubenrauch.

„Ich würde viel lieber im Sommer streiken“, sagt der Tramfahrer. Am besten wäre, die Verhandlungen mit der Arbeitgeberseite liefen so gut, dass Verdi auf Arbeitskampfmaßnahmen verzichten könnte. Doch das sei nicht der Fall, bedauert der 44-Jährige bei einem Kaffee in Lichtenberg. „Wir können uns nur mit Streiks wehren.“ Gut möglich, dass der erste Warnstreik in dieser Tarifrunde nicht der letzte war.

Bundesweit wurden Millionen von Nahverkehrsnutzern kalt erwischt. Am Freitag hatte Verdi für den 2. Februar Warnstreiks im kommunalen Nahverkehr in 15 Bundesländern angekündigt – auch in Berlin und Brandenburg. Weil sich die Arbeitgeber bislang wenig geneigt zeigen, auf die Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen einzugehen, ging die Gewerkschaft früh in die Konfrontation.

Trotz des Warnstreiks waren 70 Straßenbahnen im Einsatz

Der Warnstreik legte große Teile des öffentlichen Verkehrs 24 Stunden zu einer Unzeit lahm. Bei -9 Grad Celsius in schneidendem Wind über vereiste Gehwege schlittern zu müssen: Das ärgerte viele Berliner, die in diesem Winter ohnehin schon einiges erdulden mussten. Als „Verhöhnung“ empfand es der Fahrgastverband IGEB, dass rund 70 Straßenbahnen trotz des Warnstreiks fuhren – aber ohne Fahrgäste.

Hätte die Gewerkschaft dabei zusehen müssen, wie die Fahrleitungen wieder vereisen? Das ist die Gegenfrage, die auch Manuel von Stubenrauch stellt. Nach dem Eisregen in der Nacht zum 26. Januar hätten viele Straßenbahner die Leitungen in mühsamer Handarbeit von Eis befreit. Diese Arbeit sollte nicht vergeblich sein, sagt der BVGler. „Der Streik sollte nicht dazu führen, dass das ganze Netz erneut einfriert. Auch unser Ziel war, dass der Verkehr nach dem Ende der Arbeitsniederlegung pünktlich wieder starten kann“, erklärt er.

Manuel von Stubenrauch, Sprecher der Verdi-Vertrauensleute bei der Straßenbahn, vor dem BVG-Betriebshof Lichtenberg
Manuel von Stubenrauch, Sprecher der Verdi-Vertrauensleute bei der Straßenbahn, vor dem BVG-Betriebshof LichtenbergPeter Neumann/Berliner Zeitung

Und warum durften in den geheizten Fahrzeugen keine Fahrgäste mitfahren? Dass die Bahnen im Halbstundentakt leer an den frierenden Menschen vorbeirollten, brachte viele Berliner auf. Dazu hatte sich Verdi-Verhandlungsführer Serat Canyurt geäußert: Erstens weil Streik war. Zweitens hätte eine Mitfahrt nicht immer etwas gebracht. Denn die Geisterbahnen fuhren die Linien nicht komplett ab, sondern waren kreuz und quer im 194 Kilometer langen Straßenbahnnetz unterwegs.

BVG erwartet schwarze Zahlen in der Bilanz 2026

Im vergangenen Jahr hatte Verdi nach fünf Warnstreiks bei der BVG Lohnerhöhungen von bis zu 20 Prozent erreicht. Das Landesunternehmen bezifferte die zusätzlichen Personalkosten auf 140 Millionen Euro. Die jetzigen Forderungen zum Manteltarifvertrag, unter anderem mehr Urlaub, längere Wendezeiten an den Endhaltestellen und eine Senkung der Wochenarbeitszeit auf 35 Stunden, würden sich sogar auf 150 Millionen Euro pro Jahr summieren. Unfinanzierbar, kontert die BVG. Hat sie nicht recht damit?

„Wir würden gern ordentlich verhandeln“, sagt von Stubenrauch. Doch die Verhandlungen hätten noch gar nicht richtig begonnen. Die Arbeitgeberseite habe Zeit vertan – etwa durch Monologe über die wirtschaftliche Lage, den Öl- und den Goldpreis. Zwar zeichnet sich für die BVG-Bilanz 2025 ein Minus ab, es wird mit 58 Millionen Euro Miese gerechnet. Doch für 2026 erwarten die Finanzplaner ein Plus - rund zwei Millionen Euro, heißt es. Doch über die Verdi-Forderungen wurde kaum geredet: „Die ersten beiden Termine waren für die Katz.“

In ganz Deutschland lassen die kommunalen Arbeitgeber erkennen, dass sie in dieser Manteltarifrunde einen harten Kurs fahren wollen. Auch in Berlin werden Verschlechterungen gefordert – etwa beim Anspruch auf Krankengeld. Die BVG habe klargemacht, dass Verbesserungen durch Einsparungen gegenfinanziert werden müssen, sagt der Sprecher der Verdi-Vertrauensleute bei der Straßenbahn.

„Ich habe ein unangenehmes Gefühl“, fasst er zusammen. Manuel von Stubenrauch wundert sich über die Strategie der Konfrontation, bei der bislang nicht erkennbar sei, wie eine Einigung erreicht werden könnte. „Das ist ungewöhnlich“ – das sei anderswo aber auch so. Was das bedeuten könnte, sei klar: Es sei nicht ausgeschlossen, dass weitere Arbeitskampfmaßnahmen nötig werden. Und zwar wieder bundesweit.

Deutschland steht ein heißer Winter bevor

Die bisher erreichten Verbesserungen tragen dazu bei, dass sich die BVG bei Stellenbesetzungen über mangelndes Interesse nicht beklagen kann. „Wir haben mit dafür gesorgt, dass das Angebot für die Fahrgäste wieder stabil ist“, betont der Gewerkschafter. Nun seien weitere Verbesserungen nötig. Zum einen, weil die Alterung der Gesellschaft auch die BVG trifft. Viele Beschäftigte gehen in den Ruhestand. „Zum anderen, damit das BVG-Angebot wieder wachsen kann“, sagt er.

Der harte Kurs der Arbeitgeber passe zu den Angriffen auf soziale Errungenschaften, wie sie derzeit in wirtschaftsnahen CDU-Gliederungen laut werden. Auch deshalb erwartet Manuel von Stubenrauch, dass Deutschland ein heißer Winter bevorsteht.

Seit zehn Jahren ist der Berliner bei der BVG. Zuvor war er Maler und Lackierer, dann leitete er die Filiale eines Pizzabäckers. Danach folgte er seinem Vater, der 40 Jahre Linienbusse steuerte, zum größten kommunalen Verkehrsbetrieb in Deutschland. Manuel von Stubenrauch  findet Gewerkschaftsarbeit wichtig, aber noch lieber ist er als Straßenbahnfahrer unterwegs. Auch wenn der übrige Verkehr die Tram aufhält, viele Ampelkreuzungen ohne Beschleunigungsmaßnahmen sind, der Schichtbetrieb stressig ist: „Ich bin gern Fahrer“, sagt er.