Wie tief und fest Ressentiments sitzen können, hat Berlins Bürgermeister Kai Wegner mitten in der Kulturausgaben-Spardebatte mit seinem Beispiel von der Supermarktkassiererin bewiesen. Man müsse darüber nachdenken, ob es fair sei, dass sie mit ihren Steuergeldern die Eintrittskarten für gut betuchte Opernbesucher subventioniere, so der Gedanke Wegners. Die Kulturinstitutionen schrien auf. Aber rechnen wir doch mal kurz nach.
Im Fall der prestigeträchtigen Dresdner Semperoper fallen für jede verkaufte Eintrittskarte 240 Euro Steuermittel an. Die kämen, wenn man die Subventionen streicht, auf den Eintrittspreis drauf. Die Kassiererin muss dann gar nicht mehr darüber nachdenken, ob sie vielleicht in die Oper gehen will. Kann sie sich jetzt schon kaum leisten. Gymnasiallehrer und mittelständische Unternehmer würden vermutlich auch nicht mehr kommen können. Irgendwann säße der Kritiker, der seine Pressekarte vom Haus gestellt kriegt, allein im Parkett. Ideale Arbeitsbedingungen! Denn erst dann ist die Kulturelite wirklich unter sich.
Bernd Klempnow, ein Kollege von der Sächsischen Zeitung, hat über seinen Besuch in der Semperoper Bericht erstattet. Er hat sich die Wiederaufnahme des „Nijinsky“-Balletts angesehen, die zwar „fantastisch“, aber nicht sein Thema war. Stattdessen spießte er in seiner Glosse das Publikum auf (in Glossen werden Themen nämlich aufgespießt, weil man sich die Finger nicht schmutzig machen will): „Gefühlt jeder zweite der 1300 Besucher dünstete vor sich hin – in zerknautschten Hemden, müffelnden Pullovern, plasteanteilig gewirkten Kleidern und Hosen, die schon lange nicht mehr gereinigt wurden. Dazu ausgelatschte Schuhe, die keinem Altkleidercontainer mehr anvertraut gehören. Als kämen die Besucher nicht ausgeruht von daheim, sondern gestresst von anstrengendem Tun … Abgesehen vom säuerlichen Geruch im Saal war es am Sonntag lange unruhig, wurden lange Handys gescrollt, das Husten wollte nicht enden.“
Was kann die Intendantin tun?
Wie konnte es in dem glamourösen Musiktheater, das viele von innen nur aus der Radeberger-Werbung kennen, zu solchen schrecklichen Szenen kommen? Der Autor bietet einen „Erklärungsversuch“ an und weist darauf hin, dass die Vorstellung auf einen „Dresdentag“ gefallen ist. So heißen die Tage im Spielplan, an denen die Karten verbilligt angeboten werden. Statt für 62 bis 85 Euro (Hörplätze gibt es schon für 8 Euro, aber es ist ein Ballett) kommt man schon für 26 bis 28,50 Euro rein. Für Klempnow liegt der Zusammenhang auf der Hand: Kaum senkt man die Preise, stinkt es im Parkett und die Leute wissen sich nicht angemessen anzuziehen und zu benehmen.
So jemand wie Klempnow ruft auch nicht nach dem Abenddienst, sondern gleich nach der Intendantin Nora Schmid. „Handeln Sie!“ Was sie machen soll? Ihren Gästen Duschen, Schuhe und Abendgarderobe zur Verfügung stellen? Benimmregeln mit Tasern und Pfefferspray durchsetzen? Oder einfach wieder den Preis nach oben schrauben? Die Berliner Zeitung hat sich bei ihr erkundigt. Ihre Antwort: „Ich möchte dazu nur sagen, dass alle Menschen, die die Liebe zur Kunst, die Freude daran und Offenheit und Neugierde verbindet, in der Semperoper als einem Ort der Begegnung immer willkommen sind.“
Empfehlungen aus dem BLZ-Ticketshop:








